Der Freitagabend im Ersten : Menschliche Komödie

Tschechow, Tod und Tanja Wedhorn: Mit einem speziellen „Freitagsgefühl“ holt die Degeto am Abend immer mehr Zuschauer ab.

Peer Kaminski (Dirk Borchardt) möchte Nora (Tanja Wedhorn) helfen.
Peer Kaminski (Dirk Borchardt) möchte Nora (Tanja Wedhorn) helfen.Foto: ARD Degeto/Boris Laewen


„Friesland“, „Tatort“, „Kroatien-Krimi“, „Letze Spur Berlin“, „Ein starkes Team“, wieder „Tatort“, „Unter anderen Umständen“ – auf eines ist in der öffentlich-rechtlichen Fernsehprimetime Verlass, auch in dieser Woche: der tägliche Krimi. In mindestens 80 Prozent aller deutschen Serien und Filme liegt irgendwo ein Mordopfer herum. Da mutet es schon fast konsequent an, wenn der – gerade von Kritikern öfters verpönte – Freitagabend mit seinen Degeto-Filmen im Ersten fast klammheimlich eine Art Sehnsuchtsfenster geworden ist.


So wie die 2017 gestartete Reihe „Praxis mit Meerblick“ mit Protagonistin Tanja Wedhorn. Postkartenmotive, Kreidefelsen, alleinerziehende Ärztin, medizinischer Notfall. Die Zuschauer goutieren das. Die Marktanteile an dem Slot haben sich für die ARD kontinuierlich gesteigert, von 12,9 Prozent (2017) auf aktuell 14,6 Prozent. Die fünfte „Praxis“-Ausgabe „Unter Campern“ am vergangenen Freitag erzielte mit 5,6 Millionen Zuschauern (18,6 Prozent Marktanteil) Bestwert, gegen den parallel laufenden ZDF-Krimi („Professor T.“).


Man könnte es sich einfach machen und dieses Plot-Schema „Helferin mit Herz kümmert sich rund um die Uhr hingebungsvoll um die Nöte ihrer Patienten, hat in der Liebe aber kein Glück“ lächelnd in die übliche TV-Kritiker-Schublade tun, ähnlich wie bei der Abteilung Pilcher am Sonntag im ZDF. Fernsehpreise gewinnt man damit nicht. Man könnte sich aber auch hinsetzen wie der Potsdamer Autor Marcus Hertneck (selbst früher TV-Kritiker) und sich ernsthaft fragen, warum es sich lohnt, das Genre „Human Comedy“ im deutschen Fernsehen gegen den ganzen Krimi- und Drama-Boom zu beleben und auf berühmte Vorbilder zu verweisen. „Neuer deutscher Erbauungsfilm“, so nennt Hertneck keck diese Filme.


Sicher ist: Niemand erwartet am Freitagabend in der Primetime ein umfassendes Sittengemälde der deutschen Gesellschaft der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Und es gibt Schlimmeres im Leben eines Fernseh-Kreativen, als dieses Zuschauerbedürfnis zu befriedigen: nach einer langen Woche die Beine hochzulegen und sich daran zu erfreuen, dass die TV-Ärztin Nora Kaminski (Tanja Wedhorn) nach dem plötzlichen Unfalltod ihres Ex-Freundes Richard dessen Praxis kaufen und sein Lebenswerk weiterführen wird, gegen viel Widerstände im Ort.

Erwartungshaltung der Zuschauer auch mal gegen den Strich bürsten


Die Schauwerte einer Ostseeinsel (Regie: Jan Ruzicka) tun ihr Übriges. Das war schon beim Vorgänger „Reiff für die Insel“ so, ebenfalls von Marcus Hertneck geschrieben, auch mit Tanja Wedhorn in der Hauptrolle. Mit bewährten Namen hat die Degeto den Platz am Freitagabend in den Griff bekommen. „Wichtig sind uns lebensnahe Themen, eine handwerklich hochwertige Machart und die Besetzung mit etablierten Stars und neuen Talenten“, sagt Degeto-Produzent Sascha Schwingel. „Offensichtlich treffen wir das besondere ,Freitagsgefühl’ des Publikums immer besser: mit emotionalen, aber nie seichten Geschichten und Figuren.“

Das Gefühl soll anhalten. Es starten bald „Die Drei von der Müllabfuhr“ mit einem Team um Uwe Ochsenknecht und „Käthe und ich“ mit Christoph Schechinger als Psychologe, der mit seinem Hund tiergestützte Therapien durchführt.


Da muss man vielleicht nicht jedes Mal einschalten. „Praxis mit Meerblick“ hat die Messlatte hoch gelegt. Autor Marcus Hertneck sitzt bereits über der achten Folge der Reihe, die im Sommer auf Sassnitz gedreht wird. Klar, sagt er, es ließe sich lange debattieren über die Unterschiede deutscher und US-amerikanischer Produktionen, Serien und Filme. Es habe sich aber auch hierzulande einiges getan. Regelmäßig trifft sich Hertneck mit den Kollegen Michael Vershinin und Anja Flade-Kruse im „Writers Room“, um sich Rügen-Geschichten für die Nora Kaminski auszudenken.

Es sei ihnen eine „diebische Freude“, die Erwartungshaltung der Zuschauer gegen den Strich zu bürsten. Ecken und Kanten, skurrile, komplexere Charaktere, wie jenes Rügener Ostalgie-Faktotum Michael Kubatsky (Michael Kind), der Tschechow zitiert und im Ritterkostüm in der Praxis sitzt.


So was sieht man bei Pilcher-Filmen eher nicht. Und wird wohl noch länger laufen. „Wenn es Welt und Wirtschaft schlecht geht, dann schauen die Leute besonders gerne Komödie“, sagt Hertneck. Mit diesem „Schweinezyklus“ könne es für ihn gerne weitergehen.

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„Praxis mit Meerblick“, Freitag, ARD, 20 Uhr 15

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