Eine Sitcom wird Kulturgut : "Friends" ohne Ende

Ein Zuschauerleben ohne die Sitcom „Friends“ ist möglich. Aber sinnlos ist es auch?

Jan Jekal
Streit muss auch mal sein. Joseph „Joey“ Tribbiani (Matt LeBlanc, links) und Ross Geller (David Schwimmer) brauchen die Schlichtung von Rachel Green (Jennifer Aniston), um wieder zu dicken Freunden zu werden.
Streit muss auch mal sein. Joseph „Joey“ Tribbiani (Matt LeBlanc, links) und Ross Geller (David Schwimmer) brauchen die...Foto: Getty Images

An der Kreuzung Bedford Street und Grove Street in Manhattan steht ein sechsstöckiger Altbau aus braunem Ziegelstein, mit Rundbogenfenstern und Feuerleiter. Das Haus ist eine Touristendestination, als „Friends Apartment“ bei Google Maps eingezeichnet (4,4 von 5 Sternen bei gut 4000 Bewertungen) und jede Stunde lassen sich Dutzende, meist junge Menschen vor dem Gebäude fotografieren. Dann schreiben sie Sätze wie „Wir besuchen kurz Monica und Rachel“, als wären die Serienfiguren echte Freunde, die wirklich dort wohnen, und posten die Bilder auf Instagram.

Keine Sekunde der stilprägenden Sitcom „Friends“, die ursprünglich von 1994 bis 2004 im Fernsehen lief, wurde tatsächlich in New York gedreht. Stadtimpressionen wie der kurze Schwenk auf das Wohnhaus kommen aus dem Archiv, die Schauspieler waren nie in dessen Nähe, sondern drehten auf einer Studiobühne von Warner Bros. im kalifornischen Burbank. Dennoch hat sich das „Friends Apartment“ zu einer Pilgerstätte entwickelt.

Die Sitcom, in der sechs junge New Yorker ihren Alltag meistern und dabei bei Hochzeiten und Geburten, bei Rendezvous und Vorstellungsgesprächen, in ihrem Lieblingscafé und in ihrer Wohngemeinschaft gezeigt werden, ist zu einem dieser Kontexte geworden – „Harry Potter“ wäre als vergleichbares Phänomen zu nennen –, die ganzen Generationen Eskapismus ermöglichen, deren fiktive Welten ein willkommenes Refugium darstellen.

Wesentliche gesellschaftliche Tendenzen der vergangenen Jahre – die Landflucht, der Freundeskreis als Familienersatz, der Zwang zur Selbstoptimierung auf dem Arbeitsmarkt – werden in der Serie verhandelt, wurden von ihr womöglich mitverursacht. „Friends“ hat das Ideal eines Großstadtlebens mitentworfen – und dieses Grundmotiv betrachtet man heute wie durch einen Nostalgieschleier.

Großstadtleben ohne Wohnungskrise

Die Serie entstammt einer optimistischeren Zeit, den fetten Jahren nach dem Kalten Krieg. Ihre Welt ähnelt der gegenwärtigen und ist doch grundverschieden: das Großstadtleben ohne Wohnungskrise, New York ohne 9/11, der frustrierende Job eine Gelegenheit zur Neuerfindung und der Freundeskreis unveränderlich. Die Figuren haben keine Smartphones und sind doch in ständigem Kontakt. Zum 25. Jubiläum der ersten Staffel zeigten mehrere Berliner Kinos in den vergangenen Wochen „Friends“-Folgen auf großer Leinwand. Das Publikum bei einer Vorstellung in einem Multiplex am Potsdamer Platz bestand mehrheitlich aus Zuschauern, die nicht viel älter sind als die Serie selbst. Zeilen wurden mitgesprochen, die Lachkonserven aus den Folgen schallten lauter als das Gelächter im Saal, denn die Witze waren bekannt.

Katharin, 27, die die gesamte Serie – 236 Episoden in zehn Staffeln – viele Male von Anfang bis Ende geschaut habe und Dialoge mitsprechen könne, erklärte die Faszination damit, dass man den Figuren beim Erwachsenwerden zuschaue, dass die Entwicklung der Charaktere die Festigung der eigenen Person spiegelt. „Friends“ sei zudem ideal für Tage, die man krank im Bett verbringt, ergänzte Niklas, 29. „Friends“ ist comfort viewing. Früher schaute Katharin im Fernsehen, heute schauen sie gemeinsam bei Netflix. Dort schauen auch Georgia und Savannah, beide 14, aus Pennsylvania. Als Netflix die Serie vor einem Jahr aus dem Angebot nehmen wollte, starteten die beiden eine Petition mit dann Zehntausenden Unterschriften und dem Argument, dass die Serie „so vielen Menschen durchs Leben geholfen“ habe und Netflix sie nicht einfach aus dem Programm nehmen könne. In schweren Zeiten helfe ihr „Friends“, schreibt Georgia. Die beiden Teenager und zahlreiche andere Protestierende setzten sich durch: Netflix zahlte schließlich um die 100 Millionen Dollar für die Lizenzrechte für ein weiteres Jahr. Ein Betrag dieser Dimension entspricht sonst dem Budget einer besonders teuren Eigenproduktion, einer Staffel „The Crown“ beispielsweise.

"Friends" treibt Erfolg von Netflix

Ted Sarandos, der Programmchef von Netflix, wurde von „Variety“ zitiert, der Erfolg der Serie, gerade bei einem jungen Publikum, lasse sich auf ihre Verfügbarkeit bei seiner Streaming-Plattform zurückführen. Leider wurde er nicht gefragt, wie er sich erklärt, dass „Friends“ dort häufiger gestreamt wird als sämtliche der Netflix-Originals. Die Gegenfrage liegt nahe: Ist nicht viel eher die ständige Verfügbarkeit von „Friends“ der Grund für die Popularität von Netflix?

Nur fünf Stunden brauchte Jennifer Aniston kürzlich, um eine Million Follower auf Instagram zu erreichen. Ein Weltrekord, der ihr mit einem grobkörnigen Bild gelang, bei schummrigem Kaminlicht aufgenommen. Es zeigt das „Friends“Ensemble heute, sechs Menschen um die fünfzig, bei einem privaten Abendessen. Das Bild hat 15 Millionen Likes.

Ähnlich erfolgreich war ein kurzes Video der Monica-Darstellerin Courteney Cox. Sie überquert darin die Kreuzung Bedford/Grove, geht auf das Wohnhaus zu, in dem sich das „Friends Apartment“ befindet, in dem sie all die Jahre nicht gedreht hat, schaut noch einmal in die Kamera und ruft: „Gute Nacht, ich gehe jetzt nach Hause!“