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Christoph Meinel, 58, ist seit 2004 Direktor des Hasso-Plattner-Instituts in Potsdam und leitet das Fachgebiet Internettechnologien und -systeme. Meinel ist auch Vorsitzender des Deutschen IPv6-Rates. der sich für die Einführung des neuen Internetstandards einsetzt.

© KAY HERSCHELMANN

Hasso-Plattner-Institut und die Schufa: "Es gab niemals einen Auftrag, Leute auszuspionieren"

Die Schufa wollte am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam erforschen lassen, was Daten aus dem Netz über die Kreditwürdigkeit von Personen aussagen. Der Direktor des Forschungsinstituts verteidigt das "Data Mining".

Herr Meinel, kennen Sie Nathalie Blanchard?

Nein, wer ist die Dame?

Nathalie Blanchard ist eine Kanadierin, die wegen Depressionen behandelt wurde und deshalb arbeitsunfähig war. Auf ihrem Facebook-Profil postete sie Bilder, die sie am Strand zeigten und in einer Bar mit Freunden. Ihre Versicherung sah diese Bilder – und strich ihr die Unterstützung. Wäre so etwas auch hier möglich?

Das wäre nicht gut. Frau Blanchard war aber zumindest unvorsichtig. Bevor Personalentscheider einen Bewerber einstellen, können sie ja auch erst mal das Netz nach allen möglichen Informationen, die sie zu demjenigen finden können, durchforsten. Und alles, was offen im Netz publiziert ist, kann durch Google gefunden werden.

Sie wollen, dass Daten künftig einfacher miteinander verknüpft werden können. Für die Schufa wollten Sie mit einem Forschungsprojekt zum Data Mining herausfinden, ob und was etwa Facebook-Freunde über die Kreditwürdigkeit einer Person aussagen.

Es gab niemals einen Auftrag oder auch nur die Idee dazu, Leute auszuspionieren. Sondern es sollte lediglich um die Frage gehen, wie frei verfügbare Daten aus verschiedenen Quellen im Internet zusammengezogen werden können, um bestimmte Verknüpfungen zu erstellen, aus denen dann wiederum Schlussfolgerungen gezogen werden können.

Warum hat die Schufa daran ein Interesse?

Die Schufa sieht, dass das Internet mit seinen neuen Recherchemöglichkeiten ihr Geschäftsmodell in Frage stellen könnte und will Chancen und Risiken bewerten können.

Das Projekt wurde massiv von Politikern und Verbraucherschützern kritisiert, Sie mussten es jetzt begraben, bevor es überhaupt richtig starten konnte. Verstehen Sie, dass sich Menschen vor einer Art „Big Brother“ fürchteten?

Sicher. Aber man muss mit Daten, die man im Internet anbietet, eben sehr vorsichtig sein. Und wenn die Schufa dafür sorgen will, dass sie in Zukunft vielleicht bessere Daten zur Verfügung hat, ist das doch zunächst nichts Schlechtes. Immerhin geht es um die Sorge, dass sich Menschen überschulden.

Die Frage ist doch, wie und welche Daten sich die Schufa und andere Unternehmen besorgen. Im Fall Ihres Projekts ging es um Daten, die nie zu dem Zweck geteilt wurden, für den sie verwendet werden sollten. Ist das kein Missbrauch?

Nein, Missbrauch ist das sicher nicht und auch kein Verstoß gegen das Datenschutzgesetz. Es würde sich nur dann um einen Verstoß handeln, wenn die Daten illegal beschafft würden, also wenn beispielsweise unerlaubt Zugriff auf geschützte Daten genommen werden würde. Wir aber wollten ja nur die im Internet frei verfügbaren Daten aus verschiedenen Quellen verknüpfen und Methoden und Mechanismen untersuchen, aus dieser Verknüpfung neues Wissen zu erzeugen.

Wer bei Twitter eine Nachricht zum Thema Verschuldung postet oder einen Zeitungsartikel zum Thema Krebsvorsorge kommentiert, muss in Zukunft also damit rechnen, von einem Kreditkartenunternehmen oder einer Versicherung skeptischer betrachtet zu werden?

Ohne Forschungsarbeit ist überhaupt nicht verlässlich zu sagen, ob und wie Daten miteinander verknüpft werden können. Deshalb ist es ja so wichtig, zum Thema Data Mining zu forschen, auch um herauszufinden, was die Risiken dieser Technik sind. Verdächtigungen, dass diese Forschungen unter Gesichtspunkten wie Verschuldung oder Krebsvorsorge betrieben würden, schaffen ein Klima der Angst, in dem seriöse und ergebnisoffene Forschungen nicht möglich sind. Wir haben es heute mit einer Welt im Web zu tun, in der wir offensichtlich noch nicht richtig angekommen sind.

Und zwar mit welcher?

Und zwar mit welcher?

Mit der digitalen Welt. Das ist noch keine Generation her, dass es die gibt. Deshalb ist es so wichtig, dass man erst einmal neutral Fakten sichert. Da gibt es Grenzen, was legal ist und was nicht, und sicher auch Grauzonen. Aber diese Grauzonen sind noch schwer zu beseitigen, weil die Entwicklung noch voll im Gange ist. Wir sind noch längst nicht am Ende unserer Möglichkeiten, wenn es darum geht, welches Wissen wir aus den unzähligen im Netz verfügbaren Daten schöpfen können.

Wann ist das Ende der Möglichkeiten erreicht?

Noch ist das Internet ziemlich dumm. Durch Data Mining aber ist es möglich, es klüger zu machen. Beispiel Google. Wenn ich hier das Wort „Golf“ eingebe, werden mir zur Zeit Links vorgeschlagen zum Auto, zum Golfsport und zum Golf von Mexiko. Durch die Verknüpfung von Daten könnte Google aber wissen, dass ich früher einmal Autowerbung im Netz gesucht habe, und mir deshalb vornehmlich Informationen zum Automodell Golf anbieten.

Data Mining macht uns zu gläsernen Menschen?

Wir werfen viele Schatten in der digitalen Welt. Welchen Einfluss die auf unser reales Leben haben, können wir zurzeit nur erahnen. Neu in der digitalen Welt ist, dass diese Schatten nicht oder noch nicht vergessen werden oder dass sie zusammengezogen ein umfassendes Bild von mir zeichnen. Auf der anderen Seite nutzen uns die neuen digitalen Medien in allen Lebenslagen, beim E-Mailen, beim Autofahren, beim Einkauf, bei der Partnerwahl und, und, und. Um zu unterscheiden, was legal ist und was nicht, gibt es Gesetze.

Geht es denn in diesem Fall nur um die Frage, was gesetzlich erlaubt ist oder müssen bei dem sensiblen Thema Daten nicht auch ethische Maßstäbe herangezogen werden?

Was legitim ist, bestimmen Datenschutzgesetze. Juristisch gesehen ist alles, was nicht verboten ist, erlaubt. Ethisch gesehen, ist natürlich nicht alles erlaubt, was nicht verboten ist. Als Wissenschaftler untersuchen wir die Technik, zeigen ihre Potenziale und ihre Risiken auf. Ein Missbrauch der Techniken ist genauso gut möglich wie der gute Gebrauch, das gilt für alle Techniken. Und ja, leider fließt sehr viel Energie in den Missbrauch von Techniken, denken Sie im Internet nur an die Hackerszene.

Gerade deshalb dürften viele Menschen Data Mining und Projekte, wie Sie es mit der Schufa geplant hatten, eher skeptisch bewerten.

In Deutschland ist es leider typisch, dass es auf der einen Seite eine absolute Erregung darüber gibt, wenn es um das Thema Sicherheit geht, die sich dann aber in kurzzeitiger Aufregung erschöpft, ohne Schlussfolgerungen zu ziehen. Und gleichzeitig gibt es auf der anderen Seite eine große Naivität, was den Umgang mit den eigenen Daten angeht.

Inwiefern?

Denken Sie nur an die Einkaufs- und Rabattkarten, bei denen auch gespeichert wird, wann sie wo eingekauft haben. Und ein soziales Netzwerk wie Facebook ist doch kein Sozialverein, der dafür sorgt, dass die Nutzer Freunde finden. Viele Menschen haben bei sozialen Netzwerken wie Facebook oder Suchmaschinen wie Google das Gefühl, dass sie kostenlos seien – aber natürlich müssen die Nutzer bezahlen. Nicht mit Geld, sondern mit ihren Daten. Wenn Sie wissen wollen, was Ihre Daten bei Facebook wert sind, nehmen Sie den Wert des Unternehmens und teilen Sie ihn durch die Zahl seiner Nutzer. Wenn einem etwas geschenkt wird, sollte man immer skeptisch sein.

Sind Sie eigentlich selbst Mitglied bei Facebook?

Ich bin weder bei Facebook noch bei sonst einem sozialen Netzwerk Mitglied. Ich hätte gar keine Zeit dafür und abgesehen davon wüsste ich auch nicht, warum ich denen meine Daten geben sollte.

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