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Was lehrt uns die „Sendung mit der Maus“?
© WDR

„Dieser Text ist ein Alptraum“: Heftige Debatte um Transgender-Beitrag in der „Welt“

Fünf Gastautoren haben in der „Welt“ die angebliche Transgender-Ideologie des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kritisiert. Nun gibt es Ärger im Springer-Haus.

Macht die Zeitung „Die Welt“ Stimmung gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt sowie deren Repräsentanz? Das ist der heftige Vorwurf von Stuart Bruce Cameron, Chef der Uhlala-Group, der den Springer-Verlag wegen eines Gastbeitrags in der „Welt“ von der queeren Jobmesse „Sticks & Stones“ ausgeladen hat, was wiederum Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner drei Tage später mit einem öffentlichen Brief an die Mitarbeiter zu einer ungewohnten Kritik am eigenen Haus bewegt hat.

Der Reihe nach: Im Gastbeitrag der Tageszeitung des Axel-Springer-Verlags aus dieser Woche hatten fünf Autoren ARD und ZDF den Vorwurf gemacht, sie indoktrinierten „unsere Kinder“, mit dem Hinweis auf das öffentlich-rechtliche Programm. Dort gebe es „Transgender-Ideologie in der ,Sendung mit der Maus’, Videos zu Penisentfernung oder Drogen-Sex.

Nicht nur, aber auch die Queer-Szene zeigte sich entsetzt.

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Das konnte Döpfner offenbar nicht so stehen lassen. Er monierte im Brief an die Springer-Mitarbeiter, „pauschal“ würden da „die“ öffentlich-rechtlichen Sender „für ihre Berichterstattung über transsexuelle Identitäten bei Kindern und Jugendlichen kritisiert. Pauschal“ werde „impliziert, dass es nur zwei Geschlechtsidentitäten gibt. Wissenschaftlich sei der Text bestenfalls grob einseitig“, der „ganze Ton oberflächlich, herablassend und ressentimentgeladen. Nicht weit entfernt von der reaktionären Haltung: Homosexualität ist eine Krankheit.“

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Starke Töne, denen der Vorstandsvorsitzende dann allerdings etwas Relativierendes folgen ließ. Er stellte nicht klar, ob es richtig gewesen sei, diesen Beitrag zu veröffentlichen. Er trat für die Meinungsvielfalt ein, die auch hier gelte, verwies darauf, dass es sich um einen Gastbeitrag handele. Zudem kritisiert er die Uhlala-Group, die den Springer-Verlag von der queeren Jobmesse am 11. Juni ausgeladen hat.

Der Artikel schade LGBTIQ+ Menschen und vergiftet die öffentliche Debatte

Uhlala-Chef Cameron habe somit den gesamten Springer-Konzern mit dem Zeitungsbeitrag identifiziert. Dagegen bezieht Springer-Chef Döpfner Stellung. Wegen eines Gastbeitrag in einer Zeitung würden „18.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieses Unternehmens pauschal in Mithaftung genommen“. Und das, obwohl der Konzern die queere Jobmesse seit 2010 unterstütze und in LGBTIAQ-Themen engagiert sei.

Dies sei ein (ungutes) Beispiel für die „Polarisierung von Politik und Gesellschaft“ und fehlende Streitkultur. Der Uhlala-Geschäftsführer Cameron sei von der Redaktion der „Welt“ eingeladen worden, „eine ausführliche Gegenposition“ zu vertreten.

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Ob und wie dieser darauf eingehe, wolle sich Cameron durch den Kopf gehen lassen. „Heute Abend habe ich die in der ,Welt' veröffentlichte Nachricht von Matthias Döpfner an die Mitarbeitenden der Axel Springer SE und das darin enthaltene Angebot an mich, einen Artikel in der ,Welt' beizusteuern, gelesen. Am Dienstag werde ich mich gerne ausführlicher dazu äußern. Jetzt wünsche ich aber allen ein wunderschönes und sonniges langes Pfingstwochenende“, schreibt der Uhlala-Chef am Freitag auf Facebook.

Intern ist die Stimmung gereizt

Gibt es eine Annäherung der Positionen? Oder einen nachhaltigen Imageschaden für den Verlag? Zur Sache war bei ARD und ZDF keine Stimme zu bekommen (hier ein You-Tube-Ausschnitt aus einer „Maus“-Sendung zum Thema Transsexualität, er wurde diesem Beitrag später zugefügt; Anmerkung der Redaktion).

Hört man sich bei Springer um, ist die Stimmung vor alle bei queeren Mitarbeitern gereizt. Diese haben sich auf Instagram von dem Beitrag distanziert („This text was a NIGHTMARE“)

Ein Springer-Unternehmenssprecher teilte dem Tagesspiegel am Sonntag mit, Axel Springer trete als Unternehmen für die Freiheit als wichtigsten Wert ein. „Essentieller Bestandteil dessen ist die Meinungsfreiheit. Bei dem besagten Artikel handelt es sich um einen klar als solchen gekennzeichneten Gastkommentar.“

Er repräsentiere als solcher nicht die Meinung der „Welt“-Redaktion und auch nicht die Linie des Hauses Axel Springer. Es sei das publizistische Kernanliegen von „Welt“, diversen und auch kontroversen Stimmen Gehör zu verschaffen und damit Debatten anzustoßen. 

„Gegenreden sind selbstverständlich“

„Wie bei allen anderen Debatten sind Gegenreden nicht nur willkommen, sondern selbstverständlich. Wir bedauern die Entscheidung, Axel Springer von der Sticks & Stones-Karrieremesse auszuladen – gerade als eines jener Unternehmen, das die SXS als erstes unterstützt hat. Wir würden uns freuen, künftig wieder vertreten zu sein und werden dazu in den Austausch mit der Organisation treten.“

„Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt kündigte auf Twitter indes schon mal an, näher an der Debatte dran zu bleiben.

Am Samstag legte Poschardt in der „Welt“ „in eigener Sache“ nach: „Wir haben einen Gastbeitrag veröffentlicht, der nicht nur zu einer inhaltlichen Kontroverse geführt, sondern viele Menschen vor den Kopf gestoßen hat - auch innerhalb unseres Unternehmens. Was lernen wir daraus?“

Niemals sei das Ziel von Gastbeiträgen, Endpunkte von Debatten zu formulieren oder darauf zu drängen, dass es sich hier um letzte Worte handelt. „Auch in unserer Redaktion hat der Artikel zu langen und grundsätzlichen Diskussionen geführt.“

Regenbogen-Banner habe mit Missbrauch oder Umerziehung nichts zu tun, schreibt Poschardt

Ein Punkt dabei: Es sei falsch, eine Regenbogenfahne neben die Maus aus der „Sendung mit der Maus“ zu setzen und in der Überschrift des dazugehörigen Artikels von einer „Sexualisierung“ von Kindern zu reden, von deren „Umerziehung“. Das Regenbogen-Banner habe mit Missbrauch oder Umerziehung nichts zu tun, es feiert die Selbstbestimmung und Freiheit von mündigen Menschen, zu der auch ihre Sexualität dazugehört. 

Der Chefredakteur kommt zu dem Schluss: „Wir Liberale glauben an nichts so sehr wie die Freiheit des Einzelnen, dies impliziert logischerweise und ganz selbstverständlich auch die persönliche Wahl, wen oder was man liebt.“

Es impliziere auch die Frage nach dem Selbstverständnis, welche sexuelle Identität man leben will. Jeder Emanzipationsprozess, welcher Minderheit auch immer, bedeute eine ungeheure und wertvolle Chance auf Fortschritt. „Diese Prozesse wollen wir begleiten. Aber diese Prozesse können nur gelingen, wenn alle Teile der Gesellschaft gehört, gesehen und verstanden werden. Das ist unser Anspruch.“

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