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Über zwei Jahre hinweg narrte Kaufhaus-Erpresser "Dagobert" die Polizei mit seinen ausgeklügelten Tricks und sorgte damit für Schlagzeilen.
© dpa

Vom Verbrecher zum Volkshelden: Jagd auf Dageobert

Eine ARD-Dokumentation zeigt, wie aus dem Kaufhaus-Erpresser Arno Funke in der Öffentlichkeit ein "Star-Krimineller" wurde

Die kurze lange Zeit zwischen Helmut Schmidt und Mauerfall, Helmut Kohl und Loveparade, also Wende und Wende, war auch eine Zeit mal drastischer, mal drolliger, meist publizistisch umfassend begleiteter Kriminalfälle. Mitte 1982 etwa wurde ein Gespenst namens „Chopper“, das Patienten einer bayrischen Zahnarztpraxis buchstäblich begeisterte, zum Medienstar der sozialliberalen Spätphase. Drollig. Sieben Jahre später dann stieg die Presse zu zwei Gladbecker Geiselnehmern ins Fluchtauto. Drastisch. Auf drastische Art drollig und umgekehrt, aber höchst unterhaltsam war dagegen, was Arno Funke kurz darauf berühmt machen sollte, besser bekannt als Dagobert.

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Anfang der Neunziger erpresst er – Ältere erinnern sich an die Wirtschaftswunderkonsumtempel – Kaufhäuser der Marke Karstadt und verleiht einer Millionenforderung mit sechs Sprengstoffanschlägen Nachdruck. Eigentlich ein Kapitalverbrechen, bei denen nur durch Zufall niemand zu Schaden kommt. Doch statt Angst und Schrecken zu verbreiten, steigert jede der 30 gescheiterten Geldübergaben die Bombenstimmung und begründet einen Mythos, den der Filmemacher Tim Evers 30 Jahre später zu einer Dokumentation macht, die kaum zu glauben ist – wäre es nicht Real Crime.

["Jagd auf Dagobert“, ARD, Montag, um 20 Uhr 15]

Besser noch: Real Dramedy. Aus chronischem Mangel an Geld und Anerkennung zündet der psychisch labile Gelegenheitsarbeiter Arno Funke 1988 einen Sprengsatz im Berliner KaDeWe und erpresst damit 500 000 Mark. Da die allerdings nur vier Jahre reichen, wiederholt er seine Tat am 12. Juni 1992 in Hamburgs größter Karstadt-Filiale und entfesselt damit ein bizarres Duell mit der stümpernden Staatsgewalt. Selbst seriöse Beobachter verniedlichen es als „Schnitzeljagd“, die auch aus Sicht der „Spiegel“-Reporterin Gisela Friedrichsen „eher spielerisch“ war als gefährlich.

Arno Funke alias "Dagobert" machte eine "steile" Karriere: vom Verbrecher zum Volkshelden.
Arno Funke alias "Dagobert" machte eine "steile" Karriere: vom Verbrecher zum Volkshelden.
© dpa

Knapp zwei Drittel der Teilnehmer einer NDR-Umfrage finden den Erpresser mit dem (von der Polizei verliehenen Comic-Pseudonym) seinerzeit sympathisch. Es gibt Merchandising, Fangesänge, Solidaritätsadressen. Selbst in den Einkaufsparadiesen jener Tage herrscht allenfalls gespannter Thrill, von Panik keine Spur. Angesichts einer schier endlosen Zahl von Ermittlungspannen aber vollzieht sich das eigentlich Außergewöhnliche im kollektiven Rechtsbewusstsein: Deutschlands bürgerliche Öffentlichkeit, jahrhundertelang auf Ruhe und Ordnung geeicht, schlägt sich auf die Seite eines Ruhe- und Ordnungsstörers. Gut anderthalb Stunden Primetime, in der ARD-Mediathek gestückelt auf dreimal 30 Minuten, blickt „Jagd auf Dagobert“ also auf eine Republik, die sich im denkbar größten Umbruch ihrer Grundlagen unsicher wurde. Oder wie es der (ausgerechnet in Gladbeck geborene) Reporter Robert Hetkämper in den „Tagesthemen“ kommentiert: „Dagobert war eine Kultfigur allseitigen Verdrusses an der Obrigkeit“, die wir – das Publikum und ihre Medien – sich „letztlich selber konstruiert" hätten.“

Presse, Politik, Polizei

Dieser Konstruktion rückt die ARD 30 Jahre später nun mit Zeitzeugen aus Presse, Polizei, Politik und Kaufhäusern zu Leibe. Und während der Täter seine Taten in aller Gelassenheit aus dem Off erklärt, zeigen sich viele davon bis heute konsterniert, ja überfordert von den Ereignissen dieser aufgewühlten Epoche sehr bunter Krawatten, sehr großer Bildschirme, sehr gelber Telefonzellen. Auch ihretwegen nähert sich Regisseur Evers, für seine Nachkriegsdokumentation „Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt" gerade für den Grimme-Preis nominiert gewesen, dieser aufgeregten Zeit eher popkulturell als kriminalhistorisch.
Zur Technoversion von Doldingers „Boot“ folgen wir dem Erpresser aufgeregt durch die Berliner Kanalisation, wo er mit einer drollig überforderten Polizei Katz und Maus spielt. Durch Dagoberts Entenmaske blickt der unvollständig wiedervereinigte Zwillingsstaat dabei auf Landschaften, die partout nicht erblühen wollen. Und weil große Konsumkonzerne à la Karstadt daran aus Sicht vieler eine Mitschuld trugen, waren sie auch als Erpressungsziele akzeptabel. „Er hat ja Omas nich' die Handtaschen jeklaut“, berlinert ein Radiomoderator und nennt Funke anerkennend „Starkrimineller“, während jemand vom LKA beklagt, sich bloß „verscheißert gefühlt“ zu haben.

Schöne, alte Welt

In diesem Spannungsfeld sondiert das Erste 90 Minuten lang sehr unterhaltsam die Befindlichkeiten der Neunziger. Eine Zeit, als auch Krisen ohne das Zeug zur kompletten Zivilisationsvernichtung noch Platz zur medialen Verbreitung hatten. Schöne alte Welt.

Jan Freitag

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