Journalismus und Ethik : Was die Medien aus dem Geiseldrama von Gladbeck gelernt haben

Sie erkundigen sich freundlich bei den Tätern: „Können wir noch etwas für Sie tun?“ Journalisten haben viel falsch gemacht beim Geiseldrama von Gladbeck. Das spiegelt sich auch im Presskodex.

Geiselnehmer Dieter Degowski (links) und Hans-Jürgen Rösner posieren am 17. August 1988 im gekaperten Linienbus
Geiselnehmer Dieter Degowski (links) und Hans-Jürgen Rösner posieren am 17. August 1988 im gekaperten LinienbusFoto: dpa/Helmut Reeh

Immer live dabei: Interviews mit den Verbrechern von Beginn an, erst im Radio, dann auch in den „Tagesthemen“. Reporter, die sich um das Auto der Geiselnehmer, die inzwischen auch schon Mörder sind, scharen und Tätern wie Opfern das Mikro unter die Nase halten.

Sie erkundigen sich freundlich bei den Tätern: „Können wir noch etwas für Sie tun?“ und befragen die Geiseln, wie sie sich denn so fühlen. Und am Ende steigt auch noch der damalige Reporter des Kölner „Express“ Udo Röbel zu den Gangstern ins Auto, um sie sicher aus der Stadt zu bringen. 54 Stunden Medienspektakel vom 16. bis zum 18. August 1988.

Mit einigem Gruseln kann man sich heute noch einige der damaligen Berichte aus der „Tagesschau“ oder dem Bremer Regionalmagazin „buten und binnen“ auf Youtube anschauen. Nicht nur für die Polizei, auch für Journalisten wurde Gladbeck, der Sündenfall, zum Lehrstück.

Das war damals völlig neu: Verbrecher verstecken sich nicht, sondern suchen im Gegenteil den Schutz der Öffentlichkeit. Rösner und Degowski, zwei Unterschichten-Desperados taten das nicht aus Raffinesse, sondern aus Verzweiflung. „Lieber tot als wie gar kein Geld“, sprach Rösner in die Kameras und am Ende werde er sich „das Dingen“ (die Waffe) in den Mund stecken, was er auch sogleich demonstrierte. Instinktiv nutzten die beiden die Medien als Bühne und stellten damit die Verhältnisse auf den Kopf. Sie überforderten die Polizei und faszinierten Journalisten und Publikum.

Die Polizei versagte und eröffnete einen Raum, in den Journalisten dankbar vorstießen. Drei prototypische Verhaltensweisen lassen sich unterscheiden. Anmaßend waren sie alle.

Der Vermittler, der Heuchler, der schneidige Reporter

Der Vermittler. In Bremen hatten die Gangster einen Bus in ihre Gewalt gebracht. Niemand war vor Ort, bei der Polizei gab es keinen Ansprechpartner. Da bot sich der Fotograf Peter Meyer an. Er pendelte zwischen Bus und Kameras, überbrachte die Forderungen der Geiselnehmer und rutschte, getrieben vom guten Willen zu deeskalieren, in die Hybris des parteiübergreifenden Vermittlers.

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Der Heuchler: In der Breite Straße in Köln stand das Auto der Geiselnehmer inmitten einer Menschenmenge. Reporter standen Schlange für ihre Interviews. Ganz vorne dabei war der junge SWF- 3-Reporter Frank Plasberg. Am gleichen Abend moderierte er die WDR-Regionalsendung „Hier und heute“, in der er feierlich erklärte, warum man so etwas nicht tun dürfe.

Der schneidige Reporter. Udo Röbel, damals stellvertretender Chefredakteur des „Kölner Express“, setzte sich zu Rösner und Degowski in das Fluchtfahrzeug, um es sicher aus der Stadt auf die Autobahn zu lotsen. So sehr Akteur und so nah dran war kein anderer Journalist. Seiner Karriere schadet diese Grenzüberschreitung zunächst keineswegs. Er bringt es bis zum „Bild“-Chefredakteur.

Alle Protagonisten habe sich dazu längst erklärt, über ihr Verhalten nachgedacht und es auch bereut.

Allerdings gibt es auch Journalisten, die sich schreckliches Fehlverhalten zuschulden kommen ließen, ohne sich je dazu bekannt zu haben. Als sich nämlich die Menschenmenge in Köln um das Auto von Rösner und Degowski scharte, waren darunter auch Polizisten in Zivil.

Sie planten einen Zugriff. Einer hatte Rösner sogar schon die Hand kumpelhaft um den Nacken gelegt. Allerdings hatten ortskundige Journalisten die Polizisten erkannt und nichts Besseres zu tun als die Geiselgangster vor deren Anwesenheit zu warnen. Bis heute sind diese Journalisten anonym geblieben.

Trotzdem hat sich Gladbeck danach nicht wiederholt. Wäre es auch heute noch möglich? Sind sich Journalisten der Gefahren und Verlockungen klarer bewusst? Sind sie besser vor Hybris gefeit? Oder fruchten gar die Kurse in Medien-Ethik?

Das darf getrost bezweifelt werden. Eher ist der Konkurrenzdruck um die besten Bilder, die schnellste Sendung und die sensationellsten Interviews noch gestiegen. Und durch die Livebilder und Sofortmeinungen in Social Media fühlen sich viele Journalisten noch zusätzlich getrieben.

Reaktion auf Winnenden und den Germanwings-Absturz

Was sich aber auf jeden Fall verändert hat – und das ist zunächst einmal das Wichtigste: Die Polizei hat dazugelernt, hat klare Einsatzrichtlinien entwickelt, koordiniert sich bundesweit, verfügt über Spezialkräfte vom Psychologen bis zum Todesschützen. Und sie hat das Recht und inzwischen auch die Kraft, Gaffer mit und ohne Handy vom Tatort fernzuhalten.

Und die Journalisten? Sie haben sich sicherheitshalber gewissermaßen selbst gefesselt. Als Lehre aus Gladbeck hat die Presse unter Federführung des Presserats mit der Innenministerkonferenz der Länder Regeln für Polizei und Medien formuliert, die bis heute verbindlich sind: Journalisten dürfen frei und unabhängig berichten, aber nicht eigenmächtig in das Geschehen eingreifen oder gar polizeiliches Handeln behindern.

Der Richtlinie 11.2 des Presskodex merkt man an, wie sehr sie unter dem Eindruck von Gladbeck abgefasst wurde: „Sie (die Presse) … lässt sich nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen. Sie unternimmt keine eigenmächtigen Vermittlungsversuche zwischen Verbrechern und Polizei“, heißt es da und abschließend: „Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens darf es nicht geben.“

Auch nach Gladbeck gab es noch einzelne Übertretungen dieser Normen. Und es wird sie weiterhin geben. Aber nicht länger unter dem Beifall der großen Mehrheit der Medien.

Aus dem Ort Haltern in Nordrhein-Westfalen, aus dem die Schulklasse stammte, die mit dem Germanwingsflug 9525 am 24.März 2015 über den südfranzösischen Alpen abstürzte, gab es nicht nur sensationslüsterne, sondern auch einfühlsame Berichte.

Nach dem Amoklauf eines 17-jährigen Schülers, der am 11. März 2009 in Winnenden 15 andere Menschen und am Ende sich selbst umbrachte, bewies die lokale Presse der einfallenden Journalistenmeute, wie man informativ und gleichwohl respektvoll berichten kann.

Wichtig ist, dass es immer publizistische Alternativen zur banalen Befriedigung der Angstlust gibt. Seit Gladbeck haben Journalisten auf jeden Fall gute Argumente, wenn sie nicht einfach in der Horde mitlaufen wollen. Und das Publikum kann sich nicht länger herausreden, es liege an den bösen Medien, wenn es lüstern in den Abgrund starren will. Auch das ist der Sinn ethischer Normen.

Bernd Gäbler war Direktor des Grimme-Instituts in Marl und lehrt an der FHM Bielefeld Journalistik

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