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Nur schön? Der Strand von Jesolo ist 15 Kilometer lang.
© Neue Visionen Filmverleih

Große Liebe zum einfachen Volk: Pasolinis Italien

„Vor mir der Süden“: Pepe Danquart reist auf den Spuren des Filmemachers entlang der Küste

Millionen reisen im Urlaub wieder nach Italien, trotz Pandemie und extremer Trockenheit. Auch Pier Paolo Pasolini schrieb 1959: „Meine Reise zieht mich nach Süden, immer wieder nach Süden, wie im süßen Zwang.“ Allerdings war Italiens bedeutender Filmemacher und Schriftsteller beruflich unterwegs. Pasolini erkundete im Auftrag einer Zeitung die Umbrüche in seinem Heimatland. Er beschrieb die Kluft zwischen Nord und Süd, prangerte den „Konsumismus“ und die Auswüchse der Industrialisierung an, dokumentierte auch den beginnenden Massentourismus – auf Deutsch nachzulesen in „Die lange Straße aus Sand“ (Corso Verlag).

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Auf Pasolinis Spuren und mit dessen Reisetagebuch im Gepäck legte auch Pepe Danquart, der vor 30 Jahren mit „Schwarzfahrer“ den Kurzfilm-Oscar gewann, im Herbst 2017 die mehrere Tausend Kilometer weite Fahrt entlang der italienischen Küste zurück. Sein Dokumentarfilm „Vor mir der Süden“, dem im Kino wegen der Corona-Krise nur eine bescheidene Auswertung vergönnt war, kommt nun ins Fernsehen. Arte versendet das faszinierende, aufschlussreiche Roadmovie allerdings in der Nacht von Montag auf Dienstag – immerhin passend zur Reisezeit. In der Arte-Mediathek ist „Vor mir der Süden“, den auch NDR und RBB koproduziert hatten, noch bis zum 16. August kostenfrei abrufbar.

[„Vor mir der Süden“, Arte, Montag, um 23 Uhr 50]

Traumstrände, atemberaubende Küstenabschnitte, malerische Jachthäfen – Danquart bildet auch die opulente Schönheit Italiens ab, doch die typischen Postkarten-Ansichten bleiben die Ausnahme. Lieber schwenkt der Autor von den Jachten auf die Boote der Fischer. Ein älterer Mann schwärmt von seiner Arbeit, von Freiheit und Ungebundenheit, und berichtet gleichzeitig von der Überfischung und der Erwärmung des Wassers. „Das Meer wird bald zur Wüste“, sagt er.
Pasolinis „große Liebe zum einfachen Volk der Italiener“, die Danquart mit einem Archivausschnitt zu Beginn zitiert, spiegelt sich auch in der Auswahl der Menschen, die hier vor der Kamera zu Wort kommen. Beginnend mit der Wirtin der „Migrantenbar“ in Ventimiglia, von wo aus viele über den „Todespass“ nach Frankreich gelangen wollen. Geflüchteten begegnet Danquart an mehreren Orten. Auch Pasolini beschäftigte sich schon damit, dass Italien nicht nur Sehnsuchtsort von Touristen ist. Ein alter Mann, der Pasolini einst als Kind traf, rezitiert eindrucksvoll aus dem Stegreif ein Gedicht des 1975 ermordeten Autors. Pasolini habe darin die Bilder der Flüchtlingsboote vorweggenommen, sagt er.

Eleganz des Reise-Textes

Wem zu dem italienischen Intellektuellen vornehmlich dessen letzter Film „Die 120 Tage von Sodom“ in den Sinn kommt, wird überrascht sein von der Eleganz seines essayistischen Reise-Textes, gesprochen im Film von Ulrich Tukur. Die teils fantastisch fotografierten Bilder von Kameramann Thomas Eirich-Schneider schließen Pasolinis 60 Jahre alte Beschreibungen mit der Gegenwart kurz, zum Beispiel Genua mit seinem „Erdrutsch an Häusern“ (Pasolini) und dem betriebsamen Hafen. In Ostia, wo der homosexuelle Pasolini 16 Jahre später von einem Stricher getötet wurde, geben Einheimische und Touristen ihre Theorien zum Mord von 1975 zum Besten. Über Sperlonga mit seiner Architektur aus der Zeit des Faschismus, Neapel, Sizilien und Tarent, der „perfekten Stadt“ (Pasolini), geht die Reise ins unvermeidliche Venedig. wo sich schon 1959 ein Kellner auf dem Markusplatz über die Ausländer mokierte, „die allesamt hässlich und ohne Manieren“ seien. Zur Einstimmung stellt Danquart eindrucksvolle und skurrile Ansichten aus dem beliebten Badeort Jesolo an der Adria voran.<NO> Pasolini sah Italien einerseits als bedeutenden Teil Europas, andererseits aber noch auf dem Niveau eines „Dritte Welt“-Landes. Es scheint, dass sich wenig verändert hat, bedenkt man jedenfalls die erschreckende Kluft zwischen den überfüllten Touristenzentren im Norden und den ärmlichen Städten und Küstendörfern im Süden.

Hommage an Pasolini

Dazu zeigt die Auswahl der Protagonistinnen und Protagonisten, dass der Name Pasolini noch bei manchem aus dem „einfachen Volk der Italiener“ einen guten Klang hat. Und so wird der Film, ergänzt durch wenige Archivausschnitte, zu einer Hommage an den hellsichtigen Filmemacher und Schriftsteller aus Bologna. Ein wenig Sehnsucht transportiert Danquart, der sich selbst als „italophilen Deutschen“ bezeichnet, natürlich auch. So war das fünfköpfige Drehteam mit drei Fahrzeugen unterwegs, darunter – wie damals Pasolini – mit einem Fiat Millecento (1100). Es habe ihn umgehauen, „wie unser alter Fiat eine Sensation war, wo immer er auftauchte“, berichtete Danquart zum Kinostart. Man bekommt Lust einzusteigen.

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