RTL-Experte Jürgen Klinsmann : Zuordnung? Zumutung?

Am Sonntag ist Jürgen Klinsmann erneut für RTL im Einsatz. Wozu es Experten beim Fernseh-Fußball braucht. Und wozu nicht.

Zugeordnet. Jürgen Klinsmann ist am Sonntag wieder Experte bei RTL.
Zugeordnet. Jürgen Klinsmann ist am Sonntag wieder Experte bei RTL.Foto: AFP


Einmal, vor vielen Jahren, kam es in München auf einer privaten Geburtstagsfeier zu einem Gespräch über Fußball zwischen einem Journalisten und Jupp Heynckes, der war damals Trainer beim FC Bayern. Es ging um die seinerzeit gerade entwickelte taktische Formation der Viererkette, und das Gespräch endete mit dem leicht spöttischen Satz des Trainers: „Wollen Sie mir Fußball erklären?“
I wo, Gott bewahre, doch nicht einem Experten.

Dass Heynckes kein Laie ist, hat er hinlänglich bewiesen, und dass er das eben nicht ist, ist wahrscheinlich auch der Grund, dass er nie auf irgendeinem TV-Sender als Experte neben einem Moderator aufgetreten ist. Da stehen andere, von allerlei Sendern eingekaufte Ex-, auch Ex-ex- und sogar Ex-ex-ex-Fußballer, die irgendetwas zu irgendeinem Spiel sagen, in der Regel sind das Banalitäten. Was bei der Inflation von Fußball-Übertragungen die Frage aufdrängt: Wer braucht eigentlich diese Experten?

Mit einem Lächeln

Der vorläufige Tiefpunkt: Jürgen Klinsmann beim Spiel gegen Serbien. Am Sonntag wird er gegen die Niederlande seine Expertisen abgeben. Expertenwissen, wie es auch ein Zuschauer aus der letzten Reihe des Oberrangs, selbst wenn er schon vier, fünf Bier im Vorsprung ist, besitzt. „Da fehlt doch die Ssssuordnung“, sagt der nach dem Führungstreffer der Serben. Klinsmann sagt: „Da fehlt doch die Zuordnung.“ Er sagt das aber mit einem Lächeln im Gesicht, und fast sieht er aus wie einer, der sich ins schwäbische Fäustchen lacht, weil ihn RTL aus Kalifornien zum Heimaturlaub zu seinem in Berlin kickenden Sohn einfliegen lässt und dafür – wahrscheinlich horrend – honoriert.
Nun hat RTL diesen Experten-Unsinn nicht eingeführt, nur multipliziert, indem es dem Experten Klinsmann auch noch den Ko-Kommentatoren-Experten Steffen Freund aus Brandenburg („Ick sach mal, da fehlt die Zuordnung“) zur Seite stellte und in der Halbzeit auch noch den Hamburger Uwe Seeler, der Fußball spielte, als der Ball noch aus Leder war („Ich seech, der s-teht da rum, da fehlt doch die T-zuordnung.“)

Inzwischen weiß doch jeder Fußball-Zuschauer, was Abseits ist – nämlich, wenn der Videoschiedsrichter es behauptet –, weiß, was ein Sechser ist (Kimmich ist es nicht) und was seine Aufgabe ist. Es braucht auch keiner den Experten Erik Meijer, der mit Pfeil und Bogen und Organigrammen irgendwelche Laufwege auf Bildschirme zeichnet. n-tv schaltet im Bedarfsfall den Experten Falko Götz hinzu. Falko who? Da muss man schon Experte sein, um den noch einzuordnen. Und was der Experte Lothar Matthäus zu sagen hat, ist wohl nicht mal mehr für die Zuschauer von Al Dschasira überraschend.

Über den Stammtisch hinaus

Man will den Experten ja nicht nur zu nahetreten. Es hat Thomas Hitzlsperger gegeben, den etwas flapsigen Mehmet Scholl, auch Oliver Kahn, die haben mitunter profundes Wissen, das über den Stammtisch auf den Tribünen und vor den Bildschirmen hinausging, weitergegeben. Auch Meister Günter Netzer im Duo mit Gerhard Delling hat sich nicht aufgespielt, sondern das Expertentum mit Frotzeleien aufgehellt und ins Lachhafte gezogen.

Zum Expertentum gehören auch Statistiken, Datenhuberei, wie sie in den amerikanischen Sportarten üblich ist. Wer hat wie viel Prozent Ballbesitz, wer hat mehr Zweikämpfe gewonnen, wer ist wie viele Kilometer gelaufen. Es hat Zeiten gegeben, da wurde höchstens das Eckenverhältnis ausgewertet, und auch das sagte nicht immer etwas aus über das Ergebnis eines Fußballspiels. Ist es wirklich so unvorstellbar, dass wir vor einem Spiel und nach einem Spiel die Schnürsenkellänge der Fußballschuhe vermessen? Es findet sich dann gewiss ein Experte, vielleicht Mario Basler, der dann sagen wird: „Da fehlt einfach die Zuordnung.“

Also, wozu sind Experten gut? Helmut Schümann

EM-Qualifikation: Niederlande – Deutschland, RTL, Sonntag, 20 Uhr

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