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Noch friert es.  Ein indigener Bewohner im sibirischen Pewek und sein Rentier.
© ZDF und Christian Bock

Klimawandel in der Arktis: Sandsturm in Ittoqqartoormiit

„Das ist nicht verboten, aber es wirkt aggressiver.“ Johannes Hano erkundet die sehr konkreten Folgen der Erderwärmung.

In Zeiten des Massentourismus muss man als Reporter schon weit reisen, um keinen Schau-mal-da-waren-wir-auch-, sondern einen Aha- oder – noch besser – einen Wow-Effekt beim Publikum zu erzielen. Johannes Hano ist das gelungen mit seiner zweiteiligen ZDF-Reportage „Arctic Blue“.

Die atemberaubenden Bilder von unberührten Eisflächen, bizarren Gletscher- und Eisberg-Landschaften, entstanden bei Flügen mit einem kleinen Propellerflugzeug oder halsbrecherischen Fahrten mit einem Motorboot, sind eines Heimkino-Empfängers würdig. Auch an den in der Dunkelheit tanzenden Polarlichtern mangelt es nicht.

Die Arktis ist nicht nur wegen der schönen Bilder von Interesse. Wenn aufgrund der Erderwärmung Bodenschätze zugänglich und Schifffahrtsrouten passierbar werden, hat das Auswirkungen auf politische Kräfteverhältnisse in der Region („Arctic Blue – Machtpoker im schmelzenden Eis“, ZDF, Mittwoch, 22 Uhr 10 und 6. Januar, 22 Uhr 15).

Korrespondent Hano, Leiter des ZDF-Studios in New York, hat sich auf eine Art Rundreise um den Nordpol begeben, vom US-Bundesstaat Alaska über Kanada und Grönland bis nach Norwegen und Russland. Er steigt an Bord amerikanischer Fischfangboote sowie kanadischer und norwegischer Militärschiffe.

Das offizielle Russland war weniger offenherzig. Hano behilft sich mit Propaganda-Videos, darf immerhin den „Minister für die Entwicklung des Fernen Ostens und der Arktis“ interviewen. Alexej Tschekunkow verweist darauf, dass die Nordostpassage um 6000 Kilometer kürzer sei als der Weg durch den Indischen Ozean.

Die Container-Riesen, die China und Europa miteinander verbinden, können nicht mehr im Suez-Kanal stecken bleiben, sondern fahren entlang der – wegen des Klimawandels möglicherweise bald eisfreien – russischen Küste.

Schön ist an dieser Stelle der harte Schnitt, den der Autor wagt: Aus dem warmen Ministerbüro in Moskau wechselt der Schauplatz in ein Badezimmer in Pewek, der nördlichsten Stadt Russlands. Genauer gesagt in Igor Ranaws Badezimmer, wo der – interessante Kombination – „Bestatter und Touristenführer“ ein Rentier zerlegt.

„Ein wenig mulmig ist mir schon“

Ranaw beklagt das unruhige Stadtleben mit dem leidigen Fernsehen und den Nachrichten aus aller Welt, schwärmt von der Abgeschiedenheit der Tundra, freut sich aber doch darüber, dass es in Pewek Elektroheizungen gibt. Im Hafen liegt die „Akademik Lomonossow“, das erste schwimmende Atomkraftwerk der Welt, vor Anker.

Auch dieses Schiff betritt Hano im Rahmen einer Pressekonferenz. Ganz ungebrochen ist Igor Ranaws Freude über die atomar erzeugte Heizungswärme aber nicht: „Ein wenig mulmig ist mir schon“, sagt er.

Allen anderen in der arktischen Region ist eher wegen des russischen Militärs mulmig. Der Kapitän der „Blue North“ zeigt ein Handyvideo. Zu sehen ist angeblich ein russischer Kampfjet, der Kurs auf das gewaltige US-Fischerboot nimmt. Ein Funkspruch soll belegen, dass die „Blue North“ von dem Piloten aufgefordert worden sei, die Route zu ändern – obwohl es in amerikanischem Hoheitsgebiet kreuzte.

Auch Norwegens Geheimdienstchef Nils Andreas Stensönes weist darauf hin, dass Russland aktiver werde. „Das ist nicht verboten, aber es wirkt aggressiver.“ Deutlich wird das wachsende Misstrauen zwischen den arktischen Anrainerstaaten, weshalb sich die Frage stellt, wie die Konflikte auf diplomatischer Ebene verhandelt werden.

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Aber die politischen Hintergründe kommen in „Arctic Blue“ zu kurz. Von dem vor 25 Jahren gegründeten Arktischen Rat, dem auch die USA und Russland angehören, ist nicht einmal die Rede.

Dafür trifft Hano nicht nur Politiker, Militärs und Schiffskapitäne, sondern auch eine Inuit-Familie in Ittoqqartoormiit, einer abgelegenen Gemeinde in Ostgrönland, die er beim Dreh für seine Doku „Nordlichter – Leben am Polarkreis“ kennengelernt hatte.

Mit zwei Booten brechen sie auf, um 250 Kilometer tief in den Scoresbysund zu fahren, das größte Fjordsystem der Welt. Eine gefährliche Reise, die bis zum Sommercamp der Walfänger führen soll, ein „Ort, den zuvor ein Inuit im Oktober noch nie erreicht hat“, so Hano.

Während Hanos ZDF-Team beim ersten Besuch vor zwei Jahren von Eisscholle zu Eisscholle hüpfen musste, um die Inuit-Siedlung zu erreichen, war der Fjord nun weitgehend eisfrei. Die Bilder belegen die Folgen einer globalen Katastrophe. Vor dem Rückflug vom Flughafen Ittoqqartoormiit wartete wegen der höheren Temperaturen kein Schnee-, sondern ein Sandsturm. 

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