St.Pauli-„Tatort“ mit Wotan Wilke Möhring : Am Tag, als Eisen-Lübke starb

Regen im Kiez: Der „Tatort“ macht sich mit Wotan Wilke Möhring auf die Suche nach einer verlorenen Zeit.

Egon Pohl (Christian Redl) und Michael Lübke (Michael Thomas) trauern.
Egon Pohl (Christian Redl) und Michael Lübke (Michael Thomas) trauern.Foto: NDR/Christine Schroeder

St. Pauli, Reeperbahn. Freiheit, Sex, Abenteuer, ein Sehnsuchtsort, der von seinem zwielichtigen Image lebt. Der Anblick der Verruchten soll die Leute freier machen. Vielleicht ist das Legendenbildung, viele der hier Arbeitenden, vor allem Frauen, dürften das mit dem Sehnsuchtsort auch in den goldenen Zeiten schon anders gesehen haben.

Man muss nur Heinz Strunks „goldenen Handschuh“ lesen, die Geschichte des Hamburger Serienmörders Fritz Honka. Seit Anfang der Nullerjahre gibt es auf der „sündigen Meile“ mehr und mehr Billig-Kioske, Prügelorgien, Müll. Es ist an der Zeit, dass ein „Tatort“-Ermittler wie Thorsten Falke alias Wotan Wilke Möhring vorbeischaut, um hier aufzuräumen.

Falke kennt sich im Kiez aus. Er wohnt direkt um die Ecke. Doch was heißt das schon: aufräumen? Das überlässt Falke seinem alten Freund und Mentor, dem Eisen-Lübke (Michael Thomas).

Der begibt sich nach einem Auftragsmord an einer Kiezgröße aus dem Rotlichtmilieu auf privaten Rachefeldzug gegen Albaner-Banden. Lange haben wir im „Tatort“ nicht mehr so einen disparaten, so einen verzweifelten Protagonisten wie diesen Eisen-Lübke gesehen.

Schwarzer Ledermantel, Kette, Bart, finsterer Blick und zerzaustes Haar, wie Jahwe schlurft er an Davidswache, „Love Domes“ und Albaner-Clans vorbei. Er will Gerechtigkeit. „Ich muss hier aufräumen, sonst geht alles den Bach runter.“

Das Opfer ist der Sohn seines mittlerweile schwer kranken Chefs. Lübke wittert die Chance, an seine goldene Zeit in den 1980er Jahren anzuknüpfen, die vielleicht gar nicht so glänzend gewesen ist, wie er sie sich selbst zusammendichtet.
Bei allem Rotlicht – ein fast biblisch anmutender Sonntagskrimi. Dieser „Tatort“ (Buch: Georg Lippert) zeigt den Kiez auf eine Art, die gleichermaßen Angst macht, beeindruckt, viel Nostalgie auslöst und dabei doch fast ohne Gut-Böse-Schemata auskommt.

Die verdächtige Tochter der dementen Ex-Kiezgröße Egon Pohl (Christian Redl), die ihre finanziell klamme Stiftung mit unsauberen Mitteln vorantrieben will, der Puffbesitzer Kainz (Roland Bonjour), der seinen „Angestellten“ im „Love Dome“ mit viel Gewalt, aber auch mit Fürsorge begegnet, sie sind tragische Figuren: einer alten Welt verschrieben.

„Wir haben nicht mehr 1990, das ist vorbei!“

Falke und Kollegin Julia Grosz (Franziska Weisz) steigen in ihrem achten gemeinsamen Fall tief ins Rotlichtmilieu und seine Geschichte ein, wobei das hier natürlich ein Falke-Krimi ist. „Wir haben nicht mehr 1990, das ist vorbei!“, brüllt dieser, mit persönlichen Erinnerungen an seine Zeit als jugendlicher Türsteher konfrontiert, den Eisen-Lübke an – ein Kiez-Urgestein, in dessen Welt noch Handschlag, Loyalität und Ganoven-Ehre gelten.


Taugt das bei Menschenhandel, Prostitution, Rache, Bandenkrieg, organisiertem Verbrechen und Gentrifizierung? Gibt es das noch, den alten Kiez? Oder wird die Reeperbahn vollends beherrscht von einer neuen Garde der Kiezkönige, die den Ton auf eine völlig andere Art angibt?

Man denkt an die Bilder neulich von Jan Fedders Beerdigungszug, bei dem Tausende Hamburger Spalier standen für den Schauspieler, der mit seiner Art und als Held im ARD-Krimi „Großstadtrevier“ den alten Kiez jahrzehntelang hochleben ließ.

Irgendetwas muss es da doch noch an Romantik geben. Die Suche nach dieser Welt von gestern treibt – neben den erst am Ende starken Spannungselementen um Eisen-Lübke und die Albaner herum – den „Tatort“ [„Tatort – Die goldene Zeit“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15] an.

Mit neonfarbigen Bildern, Pflastersteinen im Regen, Juliane Werdings „Am Tag, als Conny Kramer starb“ aus der Musicbox, stummen Gestalten am Tresen wie aus dem Heinz-Strunk-Roman und westernartigem Shootout (Regie: Mia Spengler, Kamera: Moritz Schultheiß). Viel Atmosphäre und Melancholie, von ferne erinnernd an „Leon, der Profi“ oder gar an das poetische Hongkong-Kino des Regisseurs Wong Kar-Wai.

Eine St.-Pauli-Ballade 2020. Ein, bei aller Härte, gefühlvoller Krimi, dem man Jan Fedder mit in den Briefkasten legen kann, den seine Witwe direkt an der Ohlsdorfer Grabstelle hat anbringen lassen.


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