TV-Doku mit Joachim Gauck : Ossis gegen Ossis

30 Jahre nach dem Mauerfall unternimmt Joachim Gauck in einer TV-Dokumentation eine Bestandsaufnahme. Eine Jubelarie ist der Film nicht.

Joachim Gauck vor Resten der Mauer
Joachim Gauck vor Resten der MauerFoto: ZDF/Stephan Lamby

„Gelegentlich war auch der Mensch zu sehen“, sagte der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck am Montag über die Dokumentation „30 Jahre Mauerfall – Joachim Gaucks Suche nach der Einheit“, die an diesem Abend im Zeughaus-Kino des Deutschen Historischen Museums vorab gezeigt wurde. Die meisten Etappen seiner Reise zu den Menschen, die die Wiedervereinigung auf die eine oder andere Weise geprägt haben oder an den aktuellen Debatten in Ost und West beteiligt sind, legte Gauck in dem Film der Dokumentaristen Stephan Lamby und Florian Huber zwar im dunklen Zwirn des Staatsmannes zurück, chauffiert im schwarzen Dienstwagen und von Personenschützern begleitet. Doch zugleich gibt es einige sehr persönliche Momente, und dies nicht nur, weil er den Anzug gegen Jeans und Freizeithemd getauscht hat.

Stephan Lamby und Florian Huber haben Gauck zu einer Reise eingeladen, die ihn nicht zuletzt zurück in seine eigene Biografie führte. Nach Wustrow an der Ostsee, wo er die Kindheit verbrachte. Oben auf dem Kirchturm schaut er auf Fischland, den Bodden, spricht darüber, wie sein Vater ins sibirische Arbeitslager kam, aber auch davon, dass er hier Heimat fühle. Zugleich ist der Dokumentarfilm eine Zeitreise mit Bildern von den Montagsdemonstrationen des Jahres 1989, von letzten Volkskammer-Sitzungen, von der Erstürmung der Stasi-Zentrale, mit Bildern von maroden DDR-Betrieben und einer durchlässig gewordenen Mauer zwischen Ost und West. Nach der Premiere des Films sagte Gauck, die Unterschiedlichkeit zwischen Ostdeutschen und Ostdeutschen sei vielfach markanter als zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen. Eine Jubelarie ist Gaucks Bestandsaufnahme nicht.

Ein reisender Demokratielehrer

Gauck steht in dem Ruf, ein reisender Demokratielehrer zu sein. Seit zwei Jahren ist er nicht mehr im Amt, er kann nun freier über seine Zeit bestimmen. Ohne die Last des Amtes kann er zugleich offener über die Gefühle sprechen, mit denen er in die Gespräche für die Dokumentation ging. Bei Marianne Birthler, seiner Nachfolgerin als Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde, war die Stimmung offenkundig entspannt, eine Unterhaltung unter ehemaligen Weggefährten. Bei Wolfgang Schäuble, dem Bundestagspräsidenten, schwingt der Respekt zwischen zwei herausgehobenen Repräsentanten des Staates mit. Als sich Gauck, zunächst als Mitglied der Volkskammer, um die Stasi-Hinterlassenschaft kümmerte, war Schäuble Innenminister. Respekt vor der Arbeits- und Lebensleistung zollt Gauck auch Lothar de Maizière, der als letzter DDR-Regierungschef den Vertrag zur deutschen Einheit aushandelte. Doch in dieses Gespräch gingen beide mit spürbar weniger Begeisterung. De Maizière hat es noch immer nicht verwunden, dass die Gauck-Behörde ihn damals als inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit betrachtete – was er immer bestritten hatte.

Der ehemalige Rostocker Jugendpfarrer Gauck will nicht bekehren, sondern aufklären. Er appelliert an die Prinzipien der Vernunft, um die weniger einfachen Gesprächspartner zu überzeugen. In Torgau trifft Gauck den Dresdner Pegida-Mitgründer André Jahn. 2016 wurde der Bundespräsident in Sachsen als Volksverräter beschimpft. Gauck hört Jahn zu, stellt fest, das ist keiner, der dumpf seinen Hass rausbrüllt, sondern vielmehr jemand, der mit einer freien Wählergruppe seine Ziele auf demokratischem Wege erreichen will. „Da fängt die Zivilität in der Politik an, wenn aus Wut Mitdenken und Mitgestalten wird“, sagt Gauck im anschließenden Gespräch mit ZDF-Chefredakteur Peter Frey. „Da habe ich gemerkt, es wäre falsch, nicht mit ihm zu reden.“

Bei Frauke Petry reißt ihm der Geduldsfaden

Das Gespräch mit Frauke Petry, der ehemaligen AfD-Sprecherin, verläuft anders. Als sie davon spricht, dass die Ohnmacht der Menschen in Ostdeutschland vielfach die gleiche sei wie damals zu DDR-Zeiten, reißt Gauck der Geduldsfaden. „Sie reden ja für eine Klientel, der sie selber gar nicht angehören.“ Sie stehe vielmehr für die Möglichkeiten, die dieser Staat und die Demokratie böten.

30 Jahre sind seit dem Fall der Mauer vergangen. Peter Frey wollte von Gauck wissen, ob es noch einmal so lange braucht, bis die Einheit wirklich vollzogen ist? „Ja, das dauert“, sagte dieser. Und wird der Osten überhaupt materiell aufholen? „Das wissen wir nicht.“

„30 Jahre Mauerfall – Joachim Gaucks Suche nach der Einheit“, ZDFinfo, Donnerstag, 20 Uhr 15 sowie ZDF, 9. April, 20 Uhr 15 und auf Phoenix am 11. April um 21 Uhr.

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