TV-Doku über Digitalisierung in Deutschland : Reichlich vertane Chancen

Unglaublich, aber wahr: Deutschland war einmal Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Eine ARD-Doku blickt auf diese Zeiten zurück.

Digitalvorreiter Deutschland: Konrad Zuse erfand den ersten programmierbaren Computer. Diese Zeiten sind lange vorbei. Ein Nachbau steht im Technikmuseum in Berlin.
Digitalvorreiter Deutschland: Konrad Zuse erfand den ersten programmierbaren Computer. Diese Zeiten sind lange vorbei. Ein Nachbau...Foto: NDR/Christiane Schuhbert TV/Andreas Orth

Wo noch heute im Regal der Käserei in Hopferau gut gereifte Käselaiber liegen, fand in der Nachkriegszeit die digitale Weltrevolution statt. Konrad Zuse, der Erfinder des ersten programmierbaren Computers, bewies den Bewohnern des 800-Seelenortes im Allgäu, dass seine Maschine schneller Milchgeldabrechnungen erledigen konnte als jeder Mensch. Landwirt Peter Martin erinnert sich in der Dokumentation „Digitale Verlustzone“ der ARD-Reihe „Geschichte im Ersten“ noch gut daran, wie Zuse Konservendosen der dort stationierten Amerikaner in seine Rechenmaschine einbaute.

Doch bis auf wenige Unternehmen interessierte sich damals kaum jemand für diese Technik. Dass sich zumindest die Berliner vorstellen können, dass Deutschland einmal der große Vorreiter der Digitalisierung war, liegt vor allem daran, dass im hiesigen Technikmuseum ein Modell von Zuses Z3 steht. Ansonsten ist die Debatte hierzulande vor allem von Funklöchern, lahmem Internet und der Frage geprägt, ob man an jeder Milchkanne ein leistungsstarkes Netz benötigt.

Geniale Ideen und verpasste Chancen

Autor Andreas Orth erzählt die Geschichte der Digitalisierung in Deutschland als faszinierende Abfolge von genialen Ideen wie auch der Entwicklung des MP3-Formats, erstaunlichen Erfolgen wie einst der Nixdorf-Computer und später SAP, aber vor allem von vielen vertanen Chancen. Als die digitale Revolution mit C64, Tetris, Pac-Man und IBM-Computern in den 1980er Jahren Deutschland doch erreichte, kam mit ihr zugleich die Sorge um Geist und Körper vor allem der jugendlichen Nutzer auf – und sie ist bis heute in den Köpfen geblieben.

[„Geschichte im Ersten: Verlustzone Digitalisierung“, ARD, Montag, 23 Uhr 30]

Computer gelten als Werkzeug zur Verblödung, die Digitalisierung wurde von Staats wegen verschlafen – zum Beispiel beim unzureichenden Netzausbau in den 1990er Jahren. Bis heute sind ganze Regionen abgehängt. „Das ist der stärksten Industrienation der Europäischen Union unwürdig“, sagt Netzpolitik.org-Mitgründer Markus Beckedahl. Selbst auf den norwegischen Lofoten ist das Internet schneller. Auch, weil der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl und sein Postminister Christian Schwarz-Schilling den „Rotfunk“ ARD in den 1980ern durch die Konkurrenz des Privatfernsehens eindämmen wollten und darum auf Kupferkabel setzten. Mit Folgen bis in die Gegenwart.

Als Gründe, warum Deutschland bis auf wenige Ausnahmen der digitalen Entwicklung hinterherhinkt, führt Ohrt zudem die negative Haltung vieler Westdeutscher gegenüber der Computertechnik an. Die Sorge vor dem Überwachungsstaat wurde dabei nicht zuletzt durch die Datensammelwut des BKA in den 1970er Jahren besonders bei Linken und Grünen genährt – Stichwort Rasterfahndung und Volkszählung. Auch der Datenschutz wurde durch die Offenlegung von Sicherheitslücken durch den Chaos Computer Club schnell zum Thema. Eine interessante Beobachtung am Rande: Siemens lieferte Computertechnik an die DDR-Stasi und Ost-Programmierer schrieben Programme für Westfirmen.

Wie Telefunken die Maus erfand

Sehenswert wird die Dokumentation auch dadurch, dass Orth einige weniger bekannte Dinge zu Tage gefördert hat. Zum Beispiel, dass die Computermaus als Rollkugelsteuerung von Telefunken erfunden wurde. Rainer Mallebrein, ein ehemaliger Kollege des Erfinders, hat ein Exemplar behalten. Es ist eine große Halbkugel, die er über den Tisch schiebt. Doch das Deutsche Patentamt entschied, dass „die Erfindungshöhe der RKS 100 zu gering“ sei. Zum Massenprodukt wurde diese Entwicklung erst mit dem Apple Macintosh von 1984.

In den 80er Jahren wollte Deutschland sogar der Internettechnik ein eigenes System entgegensetzen. Staatsdilettantismus nennt das der deutsche Internetpionier Werner Zorn, der heute am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam lehrt. Deutschland habe die Entwicklung anfangs nicht einfach verschlafen, sondern sogar mit öffentlichen Mitteln bekämpft. Bis es zu spät war, um noch Tritt zu fassen. Anderswo wurden Amazon, Apple und Google zu Giganten. Dabei gab es mit der Suchmaschine Metager sogar ein deutsches Google. „Warum wollen Sie eine eigene Suchmaschine entwickeln, bei uns im Ministerium sind alle mit Google zufrieden?“, wurden die Metager-Macher von offizieller Seite gefragt.

Beim Thema vertane Chancen wird derzeit ein weiteres Kapitel geschrieben. Es handelt von der Corona-App. Damit kann sich dann die nächste Digital-Doku beschäftigen.

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