TV-Serie "Schockwellen" : Horror im Heidiland

Die Arte-Serie „Schockwellen“ spürt einer morbiden Todessehnsucht in der Schweiz nach. Es geht um Verbrechen, die man dort nicht für möglich hielt.

Manfred Riepe
Die letzte Reise des Sirius-Ordens: Claude (Dominique Reymond) und Jorge (Carlo Brandt) bereiten sich auf den Freitod vor.
Die letzte Reise des Sirius-Ordens: Claude (Dominique Reymond) und Jorge (Carlo Brandt) bereiten sich auf den Freitod vor.Foto: Bande à part Films/S. Massis

Der 18-Jährige Schüler Benjamin erschießt seine Eltern. Mitglieder des esoterischen Sirius-Ordens verüben kollektiven Selbstmord. Ein flüchtiger Autodieb wird in den Bergen zu Tode gehetzt. Und der Sohn eines Elektrohändlers findet nach einer schweren Misshandlung nicht mehr in sein altes Leben zurück: Die Arte-Serie „Schockwellen“ erzählt von vier bizarren Verbrechen, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Gemeinsam haben diese Mordtaten, geschehen zwischen 1986 und 2017, nur eines. Sie erschütterten die Schweiz, in der man solche Vergehen nicht für möglich hielt.

Realisiert wurden die einzelnen Folgen von vier namhaften Schweizer Regisseuren, darunter Ursula Meier, die zuletzt für ihren Kinofilm „Winterdieb“ Beifall erhielt. Ihre Auftaktepisode rekonstruiert einen beunruhigenden Fall aus dem Jahr 2009. Der Gymnasiast Benjamin (Kacey Mottet Klein) vertraut seinem Tagebuch tief verborgene Empfindungen an. Ermuntert wurde er von seiner ambitionierten Französischlehrerin Madame Fontanel, die beseelt ist von ihrem Beruf. Sie will ihre Schüler zur Poesie führen, zur inneren Wahrheit. Sie ahnt nicht, dass die Seele eines ihrer Schüler eine Zündschnur ist, die durch kreatives Schreiben entflammt. Benjamin tötet seine Eltern – ohne Vorwarnung und ohne nachvollziehbaren Grund. Anschließend schickt der Mörder das literarisch geschliffene Protokoll dieses Massakers an seine Lehrerin. An diesem Vermächtnis zerbricht die progressive Pädagogin, die vom französischen Kinostar Fanny Ardant mit großer Intensität gespielt wird.

Kein reißerisches True-Crime-Format

Bemerkenswert an dieser Miniserie ist der puristische Ansatz. Am reißerisch-spekulativen True-Crime-Format sind die jungen Schweizer Filmschaffenden nicht interessiert. Mit konventionellen Krimis, Thrillern oder psychologischen Erklärstücken haben die vier Episoden ebenfalls nichts zu tun. Das Unerklärliche dieser Verbrechen wird dokumentarisch nüchtern protokolliert. So taucht die zweite Episode – ebenfalls an diesem Freitag – tief in die Welt der Sonnentempler-Sekte ein. Unter dem demagogischen Einfluss ihres selbstherrlichen Gurus bereiten Anhänger dieses Ordens sich 1994 in einem pittoresken Schweizer Chalet auf ihre „letzte Reise“ vor: Den erzwungenen kollektiven Suizid, auf den die versprochene Auferstehung auf dem Planeten Sirius erfolgen soll.

Regisseur Frédéric Mermoud, der einige Folgen der französischen Kultserie „Les Revenants“ inszenierte, rekonstruiert das Unvorstellbare aus der Sicht eines labilen Teenagers, der nicht ahnt, was auf ihn zukommt. Seine Eltern glauben wie viele saturierte Schweizer an esoterische Heilsversprechen. Ihren labilen Sohn schicken sie in die Selbstmordsekte, deren Guru, verkörpert vom Schweizer Darsteller Carlo Brandt, die Gehirnwäsche mit sanftmütigem Psychoterror zelebriert.

Um den entfesselten Todestrieb geht es auch in den folgenden beiden Episoden am Freitag in einer Woche. Als ob sie auf nichts anderes gewartet hätten, holen brave Schweizer Bürger ihre Gewehre aus dem Schrank, um einen flüchtigen arabischen Autodieb zu jagen. Die letzte Folge erzählt von dem jungen Mathieu, der eine Vergewaltigung mit anschließendem Mordversuch nur knapp überlebte. Mit variablen Episodenlängen, die zwischen 50 und 70 Minuten differieren, lotet „Schockwellen“ ein neues Format zwischen Film, Kino und seriellem Erzählen aus. Die Folgen haben keinen inhaltlichen Zusammenhang, verbildlichen mit ihrem regionalen Fokus jedoch die Unterströmung einer morbiden Todessehnsucht in der properen Schweizer Wohlstandsenklave. Horror im Heidiland.

„Schockwellen – Tagebuch des Todes“, Arte, Freitag, 20 Uhr 15

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