TV-Talk Anne Will zu Missbrauch : Katholische Kirche steckt in der "Jahrtausendkrise"

Ist die katholische Kirche glaubwürdig im Kampf gegen sexuellen Missbrauch? Erkenntnisse liefert bei Anne Will vor allem die einzige Frau unter den Gästen.

Diskussion über Missbrauch in der katholischen Kirche: Anne Will und ihre Gäste
Diskussion über Missbrauch in der katholischen Kirche: Anne Will und ihre GästeFoto: Screenshot von https://daserste.ndr.de/annewill

Der Talk ist im Fernsehen so alt und allgegenwärtig, dass er mehr Ritus scheint als Debatte zum Auffinden von Wahrheit oder Wirklichkeit. Da ähnelt er ein bisschen dem Institut, um das es an diesem Sonntagabend bei „Anne Will“ ging, der katholischen Kirche. Doch gerade diesmal gelang der Schritt ins Wirkliche ziemlich gut.

Natürlich half der Sendung ein perfekter Zeitpunkt: Nur Stunden zuvor war in Rom das Treffen zu Ende gegangen, zu der Papst Franziskus Bischöfe und Ordensobere, sozusagen die Welt-Leitungsebene des Katholizismus zusammengerufen hatte, um eben dieses Thema zu diskutieren. Anne Will trug nun die Nachbereitung in die deutschen Wohnzimmer.

Angesprochen wurde praktisch alles, was es zum Thema zu sagen gab: Redet die Kirche, Jahrzehnte nach den ersten Welt-Skandalen um Missbrauch und deren systematische Vertuschung, noch immer oder handelt sie inzwischen auch? Was hat sich seit damals getan – praktisch und in der katholischen Kultur? Was lässt sich von Treffen wie dem in Rom überhaupt erwarten? Ohne, dass es vieler fragender Nachhilfe der Gastgeberin bedurfte, wurde eine Stunde lang lebhaft und respektvoll debattiert.

Sexualisierter Machtmissbrauch

Den ersten Punkt setzte die Wut auf das Treffen im Vatikan: Der Papst liefere nur Worte, sagte Matthias Katsch, der am katholischen Berliner Canisius-Kolleg zur Schule ging und dort von Patres missbraucht wurde. Seine Initiative brachte vor Jahren erst die Debatte am Kolleg und in der Folge in Deutschland in Gang. „Diese Art von Erklärungen, tolle Erklärungen“ gebe es seit Jahren, die Konferenz habe es aber erneut versäumt, sie „mit konkreten Maßnahmen zu untermauern“. Und der Missbrauch höre ja nicht auf, unter den Betroffenen, die während des Treffens vorm Vatikan  protestierten, seien auch junge Opfer gewesen.

Ihm sei „fast der Griffel aus der Hand gefallen“, ergänzte Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung, als er vom Papst hören musste, Missbrauch gebe es ja auch anderswo im Leben, in Vereinen und Familien. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann, der seit 2010 Beauftragter seiner Bischofskollegen für das Thema ist, wollte da nicht widersprechen. Er sprach von Schmerz über unglückliche Formulierungen und dass auch er sich mehr erwartet habe.

Ackermann hat in den neun Jahren offensichtlich eine gewissen Routine im Spagat bekommen, das Versagen seiner Kirche zu benennen, ohne Loyalitätsgrenzen zu übertreten. Das Kunststück lieferte bei Anne Will einiges Wissenswerte über die uralte Machtsystem Kirche ab und warum ihm mit dem Aufruf aufzuräumen, allein nicht beizukommen ist. Dort haben offenbar auch nach Jahrzehnten noch nicht einmal alle Bischöfe die  „Jahrtausendkrise“ (Prantl) ihrer Kirche verstanden. Ackermann sprach von „Polarisierung“ zwischen denen, die glaubten, die Kritiker von sexualisiertem Machtmissbrauch und der gefährlichen Überhöhung, „Heiligung“ der Priester gefährdeten das Unternehmen und denen, die die Rettung im Gegenteil in schonungsloser Aufarbeitung sehen.

Man konnte mithören: Hier ist immer noch Kulturarbeit zu leisten und womöglich war das der Zweck der Veranstaltung im Vatikan. Dass in der Zwischenzeit der Staat beziehungsweise international „die Staatengemeinschaft“ ihren nationalen Kirchen auf die Finger sehen, Verbrechen dort wie im Rest der Gesellschaft verfolgen müssen und keine Paralleljustiz dulden dürfen, war unter den Talkenden bis zum Bischof Konsens.

Die stärksten Erkenntnisse lieferte die einzige Frau der Gästerunde: Agnes Wich wurde als Neunjährige vom Priester ihrer Pfarrgemeinde mehrfach vergewaltigt, verließ mit 18 die katholische Kirche und trat mit über sechzig wieder ein. Sie habe „ein Leben lang nach einem Ort für meine Spiritualität gesucht“ und sie mit Hilfe eines buddhistischen Lehrers schließlich dort gefunden, wo sie ihre Wurzeln hatte, in eben der Kirche, die ihr Gewalt angetan hatte. Über Franziskus sagte sie: Auch wenn der sich „verbal oft sehr vergreift“ ,sie schätze ihn. Er sei „der erste Papst, der sich diesem Thema weitgehend stellt“.

Weiße Flecken zu füllen

Gewalterfahrung und trotzdem Wiederannäherung, die Entschlossenheit, mit anderen Opfern weiter Druck auszuüben und dennoch Aufmerksamkeit für Fortschritte: Wich brachte genau die Ambivalenz in Wills Talk, der nötig ist zu verstehen, warum es in der Kirche eben jenen Aufstand auch unter den Laien nicht gibt, den Prantl forderte. Und brachte auch Gastgeberin Will und die vier Männer rechts und links von ihr – auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig war geladen - auf ihre leise Weise noch ein bisschen in produktive Verlegenheit: Hier sei ja durch sie „die 20-Prozent-Quote“ erfüllt, bemerkte Wich freundlich. Warum sie denn die einzige Frau sei? Will murmelte. Was frau sonst aus Männermündern hört: Man habe ja viele einzuladen versucht, aber leider leider.  

Da war dieser sonst gelungene Talk leider schon zu Ende, andernfalls hätte man spätestens hier einen weißen Flecken füllen und über die Ordensfrauen sprechen müssen, die gerade erst begonnen haben, den systematischen Missbrauch öffentlich anzuklagen, dem sie in der Kirche ausgesetzt sind. Nonnen wären glaubwürdigste Zeuginnen für die sexuelle Gewalt, die ein System rein männlicher Macht fast notwendig produziert. Thema für eine weitere Sendung.