Wie sich Corona auf die Filmbranche auswirkt : Die Tribute der Pandemie

Crews in Quarantäne, Corona-Beauftragte am Set: Die Krise stellt die heimische Film- und Fernsehbranche vor ganz neue Herausforderungen.

Dreharbeiten in Corona-Zeiten: Schauspieler proben eine Szene für "Sturm der Liebe".
Dreharbeiten in Corona-Zeiten: Schauspieler proben eine Szene für "Sturm der Liebe".Foto: dpa/Christof Arnold/ARD

Geküsst wird erst am Schluss. Auch Kampfszenen müssen jetzt öfter mal bis zum Ende der Dreharbeiten warten. Die Coronavirus-Pandemie stellt die Filmwirtschaft nicht nur finanziell vor große Herausforderungen. Auch am Set ist vieles nicht mehr, wie es war. „Die Produktionsfirmen müssen umplanen und viel vorsichtiger sein“, sagt Christiane Krone-Raab, Leiterin der Film Commission beim Medienboard Berlin-Brandenburg, einer staatlichen Einrichtung, die als Mittler zwischen der Filmbranche, den Behörden und anderen Beteiligten agiert. „Ständiges Fiebermessen, wiederholte Corona-Tests und Gruppenquarantäne vor Drehbeginn gehören zu den Maßnahmen.“ Oder der Drehplan wird so umstrukturiert, dass alle Szenen mit engem körperlichen Kontakt erst am Schluss gedreht werden. „Damit der Dreh nicht abgebrochen werden muss, falls sich jemand infiziert.“

Der komplette Lockdown ist zwar seit einigen Wochen aufgehoben, doch die Filmbranche ringt nach wie vor mit den Folgen der Krise. Normalerweise wäre jetzt Hochsaison in der Filmhauptstadt Berlin und an Brandenburger Drehorten. Mehr als 3000 Drehtage kamen in den vergangenen Jahren hier in einem Sommer zusammen. Doch in diesem Jahr sank die Zahl zwischen dem 18. März und Mai auf null. Mittlerweile sind die ersten Filmteams wieder im Einsatz. Doch mehr als eine Handvoll Produktionen sind es nach Auskunft des Medienboards noch nicht.

Die Vorgaben zum Virusschutz kommen vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales und der zuständigen Berufsgenossenschaft. „Das greift enorm in die kreativen und logistischen Prozesse ein“, sagt Krone-Raab. Vor allem größere, aufwendige Filmproduktionen, die im öffentlichen Raum mit vielen Komparsen gedreht werden, sind davon betroffen. Das Risiko sei den Produzenten noch zu hoch. Produktionsabbrüche und Verschiebungen im März und April hätten bereits große finanzielle Schäden verursacht.

Bei vielen Produktionen werden jetzt die Drehbücher an die neuen Schutzmaßnahmen angepasst. Ein Produzent berichtet zum Beispiel von einer Szene mit Mutter und Sohn am Küchentisch. Damit der große Abstand zwischen den Schauspielern für die Zuschauer nicht komisch aussieht, legt der Junge jetzt in trotziger Teenager-Haltung die Beine auf den Stuhl zwischen sich und der Mutter. Doch nicht immer lasse sich der Mindestabstand so leicht einhalten, sagt Krone-Raab. „Welcher Film kommt schon ohne menschlichen Kontakt aus?“

Eine der betroffenen Spielfilmproduktionen ist „Nebenan“, in der Daniel Brühl die Hauptrolle spielt und auch als Regisseur fungiert. Fast sechs Wochen lang musste im Frühjahr die Arbeit an der schwarzen Komödie unterbrochen werden, deren Drehbuch der Schriftsteller Daniel Kehlmann verfasst hat. Unter Einhaltung von strengen Schutzmaßnahmen konnten die Dreharbeiten dann aber im Mai und Juni doch noch „erfolgreich beendet werden“, teilten die Produktionsfirmen Amusement Park und Warner Bros. kürzlich mit. Glück für das Team: Der Film hat den Charakter eines Kammerspiels und wurde größtenteils im Studio gedreht.

Manche Filmfirmen reagieren auf die neue Situation, indem sie auf Vollquarantäne setzen. Die Menschen, die am Set eng zusammenarbeiten, werden zwei Wochen vorher in einem Hotel untergebracht und bleiben auch während der Dreharbeiten dort. Bei den Komparsen wird empfohlen, Menschen zu engagieren, die auch privat zusammenleben, also Paare oder Familien. Oder man teilt die Komparsen am Set in Gruppen auf und stellt sicher, dass diese nie zur selben Zeit am selben Ort sind.

Regisseur Tom Tykwer geht das zu weit. Unter den jetzigen Corona-Einschränkungen seien Dreharbeiten für eine neue Staffel der Serie „Babylon Berlin“ unmöglich, sagte er diese Woche nach einem Kinogespräch mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die im Rahmen des „Neustart“-Kulturhilfeprogramms weitere 40 Millionen Euro für die Branche bereitstellt. Einen Film zu drehen, bedeute, spontane Situationen auf dem Set herzustellen, „das Unkontrollierte in einer kontrollierten Situation zu finden“. Vor allem Schauspieler spürten die neue Unsicherheit, so Tykwer. Gerade arbeitet er am Drehbuch für die neue Staffel der Erfolgsserie.

Leichter haben es die Macher von Werbefilmen sowie von Serien, die in Studios entstehen. Auch die Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ wurde in den Kulissen des Studio Babelsberg trotz Pandemie fast durchgehend weitergedreht, weil die Hygienemaßnahmen schnell umgesetzt werden konnten. Schwieriger ist das bei Serien, die auch auf öffentlichen Straßen und Plätzen entstehen.

Corona wirkt sich auf alle Bereiche der Filmproduktion aus. „Die ganze Kette ist unterbrochen“, sagt Krone-Raab. Vorher habe Fachkräftemangel geherrscht, seit dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie wurden Festangestellte in Kurzarbeit geschickt. Noch immer seien viele Selbstständige in Bereichen wie Kostüm, Maskenbild, Beleuchtung oder Requisite existenziell bedroht.Die wenigen Filmproduktionen, die es derzeit überhaupt in Berlin und Brandenburg gibt, müssen auch für Catering, Masken- und Kostümbild strenge Auflagen einhalten. So muss zum Beispiel jede Schauspielerin und jeder Schauspieler einen eigenen Make-upPlatz haben. Da werden dann zusätzliche Zelte auf öffentlichem Straßenland aufgestellt. Und beim Catering wird wieder mehr Einweggeschirr oder separat verpacktes Essen eingesetzt – was eigentlich dem Ziel der Nachhaltigkeit widerspricht.

Überwacht werden die neuen Spielregeln von Corona-Beauftragten, die seit Kurzem für jede Filmproduktion vorgeschrieben sind. Jede Produktionsfirma muss alles genau dokumentieren, sodass man im Fall einer Infektion die Infektionskette nachvollziehen kann. Wer gut dokumentiert, könne den Abbruch der Dreharbeiten im besten Falle verhindern, auch wenn sich jemand am Set infiziert, sagt Krone-Raab.

Die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) hat berechnet, dass etwa jeder dritte der knapp 80 000 Arbeitsplätze in der deutschen Filmwirtschaft durch die Coronakrise gefährdet ist. Bundesweit sind mehr als 440 Filmprojekte von der Pandemie betroffen, den rund 6700 Unternehmen der Branche droht eine Insolvenzwelle, die jedes fünfte Unternehmen treffen könnte. Es werden Umsatzeinbußen von zwei Milliarden Euro befürchtet – ein Viertel des Gesamtumsatzes.

Doch es gibt auch erste Anzeichen einer langsamen Erholung. In Berlin und Brandenburg befinden sich derzeit „mehrere größere Projekte“ in Vorbereitung, sagt die Chefin der Film Commission, darunter die Videospiel-Verfilmung „Uncharted“ mit „Spider-Man“-Darsteller Tom Holland und Mark Wahlberg im Studio Babelsberg. Und ab August kann wieder vermehrt auf öffentlichem Straßenland gedreht werden. Zudem gibt es bereits erste Arbeiten an Filmen, die von der aktuellen Pandemie erzählen und in denen Schauspieler mit Mund-Nase-Masken zu sehen sind.

Die Miniserie „Der Dschungel“ zum Beispiel, die die UFA derzeit plant. Sie erzählt von einem Coronavirus-Ausbruch in einer Fleischfabrik. Ein Thema, bei dem man wahrscheinlich komplett auf Filmküsse verzichten kann.

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