Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks : Lasst uns ein Medium für die Bürgergesellschaft schaffen!

Eine gemeinwohlorientierte Internet-Plattform aus Sendern, Bildungseinrichtungen und Museen als öffentlich-rechtlicher Auftrag.

Christine Horz
Gemeinsam stärker. Was, wenn sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit anderen gesellschaftlichen Einrichtungen um Bildung, die Vermittlung von Information, kulturelle Sinnstiftung und Integration bemüht?
Gemeinsam stärker. Was, wenn sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit anderen gesellschaftlichen Einrichtungen um Bildung, die...Foto: Mopic - stock.adobe.com

Ulrich Wilhelm schlug kürzlich eine gemeinsame Plattform von ARD und den Zeitungsverlagen vor. Öffentlichrechtliche und kommerzielle Medien sollten auf diese Weise Qualitätsjournalismus im Netz sichern.

Der Vorschlag des ARD-Vorsitzenden weist in die richtige Richtung, nämlich die Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in die digitale Welt weiterzuentwickeln. Öffentlich-rechtlichen Medien (ÖRM) und den Zeitungsverlagen kommt das junge Publikum abhanden, denn es hält sich immer länger im Netz auf und konsumiert kostenlosen Content. Des Weiteren haben sich Ansprüche und Möglichkeiten der Beteiligung des Publikums vergrößert, dem müssen die ÖRM ebenfalls verstärkt Rechnung tragen. Interessierte Bürger sollten wesentlich nachhaltigere Diskussions-, Kritik- und Beteiligungsmöglichkeiten erhalten, als dies momentan Zuschauerservice oder Kommentarfunktion erlauben. Es ist klar: ARD, ZDF und Deutschlandradio (DLR) müssen nicht nur transparenter, sondern auch offener und zugänglicher werden.

Kurz gesagt ist es zur Zukunftsfrage für öffentlich-rechtliche Medien geworden, wie sie ein digitales Umfeld schaffen, in dem ihr zentraler Kernwert, die Gemeinwohlorientierung, weiterhin deutlich erkennbar bleibt. Doch was bedeutet die Gemeinwohlorientierung von ARD, ZDF und Deutschlandradio? Und wie könnte ein zukünftiges Modell der öffentlich-rechtlichen Medien aussehen?

Gemeinwohl meint in erster Linie, dass ein Gut frei von Partikularinteressen ist und allen Mitgliedern einer Gemeinschaft zu deren Wohl dient. Nun handelt es sich bei „allen“ um eine höchst heterogene Gruppe. Gerade diese Vielfalt der Meinungen und Interessen soll der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinen Inhalten erreichen. Das bedeutet auch, dass Minderheiten zu berücksichtigen sind – ein Auftrag, den kommerzielle Sender so nicht erfüllen müssen. Vor allem soll das Programm der Öffentlich-Rechtlichen komplementär denjenigen der Privaten und Pay-Kanälen gegenüberstehen.

Für ein funktionierendes Gemeinwesen

Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive wird auf diese Weise gewährleistet, dass die Bevölkerung sich eine möglichst umfassende Meinung bilden kann, die sie wiederum befähigt, sich als Bürger an einem funktionierenden Gemeinwesen zu beteiligen. Natürlich gibt es einiges an der Programmgestaltung zu kritisieren und nicht immer nutzen ARD, ZDF und DLR ihre herausgehobene Position im Medienmarkt im bestmöglichen Sinne. Doch auch Bürger müssen sich fragen, welche Medien sie angesichts von Fake News und Hassbotschaften im Netz eigentlich wollen und brauchen.

Und hier liegt der springende Punkt: Menschen in ihrer Rollen als Bürger verfolgen grundlegend andere Interessen als Konsumenten. Konsumenten befriedigen, zuallererst individuelle (Unterhaltungs-)interessen. Dem entspricht ein Programm, das sich jede/jeder selbst (im Netz) zusammenstellt. Bürger sollten darüberhinaus ein Interesse an einer funktionierenden Gemeinschaft haben. Gerade angesichts einer politischen Polarisierung in der Gesellschaft braucht die europäische Bürgergesellschaft qualitativ hochwertige Medien, die zudem ethischen Maßgaben genügen wie sie im Kern die ÖRM zur Verfügung stellen.

Bislang ist es so, dass ARD, ZDF und Deutschlandradio ihre Inhalte in kommerziellen Drittplattformen wie Facebook und Youtube einbetten. Diese erwirtschaften dann mit öffentlich-rechtlichen Angeboten, die durch Rundfunkbeiträge finanziert wurden, über Klickzahlen und Werbeplatzierung Gewinne. Die Beitragzahlenden wurden nicht gefragt, ob sie der Drittverwertung der durch sie finanzierten Inhalte überhaupt zustimmen. Die Sender befinden sich zudem in einem heterogenen Umfeld, was die Qualität der Angebote betrifft. Facebook, Youtube und Co. machen keinen Unterschied zwischen Fake News, Hasskommentaren, kommerzieller Werbung, Qualitätsinhalten. Und die Sender sind den Plattformregeln ausgeliefert, können diese weder kontrollieren noch mitgestalten. Alles in allem Bedingungen, die Bürger aufhorchen lassen sollten. Die Idee einer eigenen Plattform, mit der sich öffentlich-rechtliche mit anderen Medien und Institutionen vernetzen, ist grundsätzlich zu befürworten. Es kommt aber auf die Wahl der potenziellen Partner und die Funktion dieser Plattform an.

Ein internationales Konsortium aus WissenschaftlerInnen und MedienpraktikerInnen, schlägt genau diesen Weg ein. Statt mit kommerziellen Zeitungsverlagen befürworten sie die Kooperation mit anderen gemeinwohlorientierten Institutionen. Die Idee eines gemeinwohlorientierten Internets mag hierzulande utopisch klingen, doch Länder wie Großbritannien sind bereits auf dem Weg. Die BBC hat erfolgreich erste Kooperationsprojekte mit Kultureinrichtungen durchgeführt.

Bildungsauftrag im Internet weiterentwickeln

Der Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen muss im Internet weiterentwickelt werden – die Aufgaben sind vielfältig, nicht zuletzt wäre gemeinsam mit den Bürgern eine Ethik für das Verhalten in sozialen Netzwerken zu entwickeln. Dafür könnten sich ARD, ZDF und DLR dann weitere öffentliche Partner suchen wie Bildungseinrichtungen, Museen, Archive, Hochschulen und zivilgesellschaftliche Organisationen. Mit ihnen verbindet sie zahlreiche Funktionen, neben der Bildung, auch die kulturelle Sinnstiftung, die Vermittlung von Information und Unterhaltung sowie die Integration der Gesellschaft. Da das Internet eine globale Sphäre ist, würde zudem eine rein deutsche Plattform, wie von Wilhelm vorgeschlagen, zu kurz greifen. Sie vergibt Chancen der Verankerung der europäischen Idee und der kulturellen Globalisierung in der Lebenswelt der Menschen. Eine solche Plattform könnte ein Ort der transkulturellen Begegnung und Debatte sein und dadurch demokratiefeindlichen Diskursen im Netz einen konstruktiven Austausch entgegensetzen.

Mit der Etablierung einer gemeinwohlorientierten Plattform im Internet ist ein Paradigmenwechsel verbunden, der eine breite öffentliche Debatte erfordert; auch die Politik muss sich des Themas annehmen. Gerade die Segmentierung und Radikalisierung der Diskurssphären im Internet macht die Erneuerung des öffentlich-rechtlichen Auftrags notwendig, um die Herausforderungen für europäische Bürgergesellschaften zu meistern.

Christine Horz ist Kommunikationswissenschaftlerin an der Ruhr-Universität Bochum. Sie ist Mitautorin der 10 Thesen von WissenschaftlerInnen zur Zukunft der öffentlich-rechtlichen Medien und forscht u.a. zu gemeinwohlorientierten Plattformen im Internet. Bisherige Beiträge zur „Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“: Patricia Schlesinger (15. April), Hans Demmel (25. April), Christoph Palmer (7. Mai), Rainer Robra (11. Mai), Norbert Schneider (21. Mai), Tabea Rößner (25. Mai), Thomas Bellut (10. Juni), Frauke Gerlach (22. Juni), Ulrich Wilhelm (5. August), Heike Raab (2. September), Hans-Günter Henneke (15. September)

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