Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks : Nur Fakten können wahr oder falsch sein

ARD, ZDF und Deutschlandradio müssen in Zeiten von Polarisierung und Populismus Tatsachen von Meinungen unterscheiden.

Karola Wille
Aushalten müssen. Der MDR lässt den Vorwurf der Falschaussagen nicht auf sich sitzen.
Aushalten müssen. Der MDR lässt den Vorwurf der Falschaussagen nicht auf sich sitzen.Foto: dpa

"Wenn der Wind der Veränderung weht", sagt ein chinesisches Sprichwort, "bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen."

Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen wieder Mauern bauen. Dabei sollte die ostdeutsche Geschichte ein Lehrbuch sein, wie brüchig Mauer-Lösungen sind. Mauern, die Menschen aufhalten sollen, werden eingerissen.
Und der Wind der Veränderung weht weiter. Es wird stellenweise zunehmend stürmisch. Digitalisierung und Globalisierung haben tiefgreifende, umstürzende Veränderungen in unsere Leben geweht. Neue Kommunikationsräume und rasend schnelle Innovationszyklen verändern alle Bereiche der Gesellschaft und damit zu einem wesentlichen Teil auch die Art, wie und wo wir miteinander kommunizieren.

Das wiederum verändert demokratische Prozesse. Traditionelle Medien drohen ihre Wächterfunktion für eine gelingende öffentliche Kommunikation und eine lebendige, vielfältige Öffentlichkeit an desinformierte Teilöffentlichkeiten zu verlieren, die sich in ihren Algorithmen gesteuerten Filterblasen eingerichtet haben.

Meinungen sind keine Lügen

Dem düsteren Bild einer desinformierten Gesellschaft hat das Bundesverfassungsgericht vor gut einem Jahr in seinem jüngsten Rundfunkurteil seine Schlussfolgerung entgegengehalten: "Angesichts dieser Entwicklung wächst die Bedeutung der dem beitragsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk obliegenden Aufgabe, durch authentische, sorgfältig recherchierte Informationen die Fakten und Meinungen auseinanderhalten, die Wirklichkeit nicht verzerrt darzustellen und das Sensationelle nicht in den Vordergrund zu rücken, vielmehr ein vielfaltssicherndes und Orientierungshilfe bietendes Gegengewicht zu bilden".

Demokratie ist vor allem auch auf gelingende Kommunikation, auf lebendige Öffentlichkeit angewiesen, damit auf Medien, die die Fakten recherchieren, kritische Wahrheiten herausfinden, die Vielfalt der Meinungen und die Lebenswirklichkeit der Menschen abbilden und so den gesellschaftlichen Diskurs im Gang halten.

Wie kann dies gelingen, wenn die Polarisierung der Gesellschaft weiter voranschreitet, der Geltungsanspruch der Wahrheit durch belegbare Tatsachen erodiert und die Bereitschaft zum Austausch anderer Meinungen zunehmend schwindet? Eine wichtige Voraussetzung für einen gelingenden Diskurs ist die Fähigkeit und die Bereitschaft, Tatsachen von Meinungen zu unterscheiden. Fakten sind die Essenz, die harte Währung des Journalismus. Nur Fakten können wahr oder falsch sein. Meinungen sind niemals wahr oder falsch. Meinungen, die einem unsympathisch sind, sind keine Lügen, sondern einfach andere Meinungen.

Gemeinsame Faktenbasis sichern

Unbequeme Meinungen muss man aushalten, sogar sich ihnen bewusst aussetzen. In einer Zeit, in der Populisten ein Recht auf eigene Fakten beanspruchen, gilt es mehr denn je das Fundament demokratischer Gesellschaften, die gemeinsame Faktenbasis, zu sichern. Wenn Rechtspopulisten ein politischer Faktor sind, müssen sie, je nach Relevanz ihrer Themen, journalistisch eingeordnet werden. Unwahrheiten müssen durch sorgfältigste journalistische Vorbereitung korrigiert und konsequent richtig gestellt werden, rassistische und diskriminierende Äußerungen sind klar als solche zu benennen.

Beim MDR , in dessen Sendegebiet die Polarisierung deutlich spürbar ist, ist die publizistische Linie, mehr denn je die Vielfalt der verfügbaren Informationen, vorhandenen Meinungen, Erfahrungen, Verhaltensmuster, Werthaltungen abzubilden - so wie in dem bereits erwähnten Urteil des Bundesverfassungsgerichts gefordert. Mehr Diversität ist damit eine wichtige Antwort auf die große Herausforderung unserer Zeit. Vorbehaltlos und objektiv sich den Themen anzunähern, bleibt die Prämisse. Nicht moralisieren, aber Fakten und Zusammenhänge einordnen, weniger zuspitzen, aber Widersprüche offenlegen. Dies muss einhergehen mit einer anderen Beziehung zum Publikum, mehr Nähe, mehr Abgleichen mit direkten Erfahrungen der Menschen, mehr Dialog und zugleich der Stärkung der eigenen Recherchen vor Ort, alles dies sind journalistische Antworten des MDR auf die sich weiter ausdifferenzierende und zugleich polarisierende Gesellschaft. In dieser Zeit ist Journalismus gut beraten, diese Antworten immer wieder kritisch auf den Prüfstand zu stellen.

Der Sturm der Veränderung macht auch vor der Medienwelt nicht halt. Neuerungen, wie zuletzt die digitalen Sprachassistenten, etablieren sich in bemerkenswerter Geschwindigkeit in den Haushalten, beleben ihrerseits wiederum Nachfrage bei veraltet geglaubten Medien wie der Audionutzung durch Podcasts. Der Journalismus selbst hat die Tür geöffnet für künstliche Intelligenz, die ihn bei Wetter- und Sportnachrichten teilweise schon ersetzt. Streaming-Plattformen haben Milliarden von Besuchern, auch ihre Börsenwerte schnellen in Milliardenhöhe.

Unsichere Zukunft der linearen Medien

Sind die Tage der linearen Medien Fernsehen und Radio also gezählt? Immerhin hat die TV-Sehdauer bei den Unter-Dreißigjährigen bundesweit in den zurückliegenden zehn Jahren um durchschnittlich 40 Minuten täglich abgenommen. Ältere Menschen hingegen sind ihren Sehgewohnheiten treu geblieben. Im statistischen Mittel für das Jahr 2018 schauen die Deutschen täglich 217 Minuten - also dreieinhalb Stunden - fern. In Ostdeutschland sogar 266 Minuten. Die unter Dreißigjährigen immerhin noch rund zwei Stunden. Und dennoch kein Grund zur Entwarnung. Denn zugleich ist festzuhalten, dass die Altersgruppen ab 14 Jahre neben dem täglichen Fernsehkonsum nach der neuesten ARD-/ZDF-Onlinestudie 182 Minuten täglich im Internet verbringen, die 14- bis 29-Jährigen klicken sich sogar etwas mehr als 6 Stunden täglich durch das world wide web. Dabei hat in dieser Zielgruppe sogar schon die mediale Nutzung des Internets, also für Streaming, Video, Audio oder Nachrichten, die Nutzung von TV und Hörfunk eingeholt.

Es ist aber auch allzu verlockend: Jede und Jeder kann im Netz kommunizieren, sich in Chats und Diskussionsformen einklinken, selbst Videos, Audios, Blogs herstellen und veröffentlichen. Eigentlich beste Voraussetzungen für eine Teilhabe am öffentlichen Diskurs, die wir uns alle wünschen. Doch sie sind in Teilöffentlichkeiten unterwegs, Wahrhaftigkeit, Verantwortung für den Inhalt, Einordnung, Gewichtung nach gesellschaftlicher Relevanz Fehlanzeige. Nachrichten werden nicht nach Wichtigkeit, sondern nach Vorlieben sortiert - von Maschinen, die ihre Nutzer als werbungsempfängliche Zielgruppen-Datensätze verkaufen. Suchergebnisse bei den Suchmaschinen werden nicht neutral oder nach erklärbaren Ansprüchen an Wahrheit und gesellschaftliche Bedeutung ausgewählt, sondern, weil durch Werbung finanziert, nach Klickzahlen.

Karola Wille ist seit 2011 Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks, bei dem sie seit 1996 Juristische Direktorin war.
Karola Wille ist seit 2011 Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks, bei dem sie seit 1996 Juristische Direktorin war.Foto: MDR

Wesentliche Rolle von ARD, ZDF und Deutschlandradio

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat einen anderen Ansatz. Er stellt sich der Aufgabe, eine Gesamtöffentlichkeit anzusprechen, Menschen zu integrieren, sie am gesellschaftlichen Diskurs zu teiligen und diesen Diskurs zu befördern. Verlässlicher und unabhängiger Journalismus ordnet Meldungen ein, erklärt Sachverhalte und stellt sie in ihre Zusammenhänge. Darüber hinaus ist besonders der föderale ARD-Verbund in der Lage, die föderale Vielfalt unseres Landes darzustellen und jeder Region eine publizistische Stimme zu geben. Dabei ist der freie Zugang zu allen Informationen eine Selbstverständlichkeit, auch für Menschen mit Behinderungen.

Die Medienwirtschaft in Deutschland ist so vielfältig und leistungsfähig wie keine andere. ARD, ZDF und Deutschlandradio spielen darin eine wesentliche Rolle. Immer dort, wo sie gemeinsam auftreten, können sie mit den großen Medienunternehmen der Welt mithalten. Zu den aktuellen Beispielen hierfür gehört der Aufbau gemeinsamer digitaler Plattformen. So startete 2017 die ARD-Audiothek als gemeinsames Audioportal aller Landesrundfunkanstalten der ARD und des Deutschlandradios. Seit Herbst 2018 werden die Mediatheken der ARD zu einer großen Gemeinschafts-Mediathek zusammengefasst. Der MDR ist hier derzeit erfolgreichster Zulieferer unter den dritten Programmen. Dahinter steht die Erkenntnis, dass Angebote nicht um die öffentlich-rechtlichen Strukturen herum, sondern allein mit Blick auf das Nutzungsverhalten der Menschen ausgerichtet werden müssen. Nächste Schritte der ARD-Mediathek - die Personalisierung der Angebote und eine Login-Funktion erfordern weitere Anstrengungen. Hier sind ARD und ZDF gut beraten, wenn sie, wo immer möglich, in diesen Fragen immer stärker zusammenrücken.

Das gemeinsame Netzangebot "Funk" für junge Menschen hat mittlerweile 100 Millionen Abrufe jeden Monat. Gerade die seit geraumer Zeit zu beobachtende Politisierung junger Leute in der Content-Welt ist hier eine Chance für ein vielfältiges, verlässliches und einen gesellschaftlichen Diskurs förderndes Angebot. Auch beim KiKA haben ARD und ZDF mit dem KiKA-Player ein modernes - auf die Nutzerinteressen von Kindern ausgerichtetes - gemeinsames Angebot entwickelt. Die Erfolge der neuen digitalen Produkte zeigen, wie das gemeinsame Engagement der öffentlich-rechtlichen Anstalten von den Nutzerinnen und Nutzern honoriert wirdund zudem einen gemeinsamen gemeinwohlorientierten Kommunikationsraum schafft.

Im digitalen Transformationsprozess

Die Digitalisierung erfordert und ermöglicht zugleich tiefgreifende strukturelle Reformen. In den vergangenen Jahrzehnten haben alle ARD-Anstalten große Sparanstrengungen unternommen. So wurden in der Zeit von 1993 bis 2020 4800 Stellen und damit fast jede fünfte abgebaut. Alle Häuser sind mittlerweile mitten im digitalen Transformationsprozess und entwickeln sich zu crossmedial arbeitenden Medienhäusern. Die herkömmlichen Denkmuster kreisten um Verbreitungswege wie Fernsehen, Radio, Internet. Sie sind veraltet. Heute ist der digitale MDR konsequent an Inhalten wie beispielsweise Information, Wissen und Bildung, Kultur und Sport ausgerichtet. Die entscheidende Frage lautet: Mit welchen Inhalten erreiche ich, auf welchem Weg bzw. welcher Plattformen welche Nutzerinnen und Nutzer.

Auch die föderale ARD hat diesen Transformationsweg eingeschlagen: Die Entwicklung der ARD zu einem crossmedialen, strukturell integrierten und föderalen Medienverbund - so, wie im Bericht an die Länder 2017 dargestellt - ist eine unserer zeitgemäßen Antworten auf die digitalen Herausforderungen mit dem klaren Ziel , dem Zerfall des Publikums in viele kleinere Gruppen und deren veränderten Mediennutzungsverhalten wirksam entgegen zu wirken und in diesem Umbruch für die Bürgerinnen und Bürger relevant zu bleiben. Die ARD erreicht heute mit allen ihren Angeboten täglich rund 80 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger und trägt somit dazu bei, das Gemeinwesen zusammenzuhalten. Mit dem crossmedialen Verbund werden wir dieser Aufgabe auch in Zukunft gerecht werden können.

Wandel ist der neue Status quo

Zudem ist die ARD gemeinsame Strukturprojekte angegangen, die die Chancen der Digitalisierung für eine noch größere Wirtschaftlichkeit nutzen. Dazu gehören beispielsweise eine gemeinsame IT-Strategie ebenso wie eine ARD-weite Prozessharmonisierung - die größte Verwaltungsreform der ARD-Geschichte, die das Personalwesen, die Finanzen und das Rechte- und Lizenzmanagement gleichermaßen umfasst. Ebenso gehören zu den umfangreichen Maßnahmen technologische Veränderungen in der Produktion und Technik, die in erheblichem Umfang Wirtschaftlichkeitspotenziale heben oder ein gemeinsames crossmediales Mediensystem. Allen Reformen liegt eine klare Erkenntnis zugrunde: Wandel ist der neue Status quo in der digitalen Welt.

Zur Eröffnung der re:publica hat der Bundespräsident in diesem Jahr gesagt: "Digitalisierung heißt: vernetzt zu sein. Demokratie aber heißt: verbunden zu sein. In der Demokratie sind wir in einem tieferen, einem politischen Sinne aufeinander angewiesen, mehr als nur per Like oder Dislike. Diesen Schritt vom Vernetzt- zum Verbundensein, den müssen wir in der Zukunft der Digitalisierung hinbekommen."

Dieser gesellschaftlichen Herausforderung stellen wir uns in der ARD. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist Teil dieser Gesellschaft. Öffentlich-rechtliche Medienangebote sind für diese Gesellschaft da. Das unterscheidet uns grundlegend von jenen, für die diese Gesellschaft nur als Markt und Sammlung von Datensätzen da ist.

Denn: "Wir sind deins."

Karola Wille ist Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks.

Bisherige Beiträge in der Reihe „Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks": Patricia Schlesinger (15. April 2018), Hans Demmel (25. April), Christoph Palmer (7. Mai), Rainer Robra (11. Mai), Norbert Schneider (21. Mai), Tabea Rößner (25. Mai), Thomas Bellut (10. Juni), Frauke Gerlach (22. Juni), Ulrich Wilhelm (5. August), Heike Raab (2. September), Hans-Günter Henneke (15. September), Christine Horz (20. Januar 2019), Siegfried Schneider (20. Februar), Ronald Gläser (3. März), Christian Bergmann (20. April), Doris Achelwilm (14. Mai), Tilmann Eing/Stefan Pannen (16. Juni), Thomas Dittrich(10. Juli), Malu Dreyer (22. Juli), Eckart Gaddum (24. August), Stephan Russ-Mohl (8. September)