Er sagt, er kommt von der Arbeit. Er meint: vom Skat

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Das liebste Kartenspiel der Deutschen : Skat soll Weltkulturerbe werden

Der Junge ist heute ein Mann, heißt Dominik Scholz und wird trotz seiner inzwischen 28 Jahre von allen im Verein immer noch nur „der Domi“ gerufen. Er ist einer der Jüngsten. Mit Abstand. Scholz, kluger Blick und kleiner Bauch unter dem dunkelblauen Pulli, ist der, der vorhin die Piksieben gespielt hat, der, den sie „Horsts Ziehsohn“ nennen und die vielleicht letzte Generation des Skats in Deutschland, wie er selbst sagt. Auch das nur ein halber Scherz, denn ihre unterschiedlichen Biografien zeigen exemplarisch den Niedergang des Spiels.

Horst Schäfer wurde in Polen geboren. Kriegskind. „1947 mussten wir dann gehen.“ Zack. Weltgeschichte in drei Sätzen. Der Blick, den er dazu aufsetzt, erzählt mehr als die stummen Fernsehbilder im Hintergrund.

Als Neunjähriger kam er in den Oderbruch. Er war kaum dort, da brach der Damm. „Mehr als ein Jahr lang fiel dann die Schule aus“, erinnert er sich. Statt in den Unterricht ging er mit seinem Großvater zum Skatspielen. Und lernte schnell. Nach ein paar Tagen hatte er die Marotten der Spieler durchschaut. Sein Großvater gewann fortan.

Seitdem spielt Horst Schäfer. Jede Woche. Ein Leben lang. Eine klassische Skatbiografie, wie es sie in seiner Generation wohl noch zu Tausenden geben dürfte. Damals spielte jeder. Nicht zuletzt dank der Soldaten im Ersten Weltkrieg, die quer durch alle Schützengräben Skat kloppten, hatte das Spiel über alle Grenzen Europas Verbreitung gefunden.

"Unglaublich variabel und fordernd"

Bei Dominik Scholz, Jahrgang 1986, war es schon ein wenig anders. „Ich hatte zu Hause ein bisschen was mitbekommen, aber richtig aktiv war keiner mehr“, erzählt er. Ihn jedoch reizte das Spiel. „Skat ist unglaublich variabel und fordernd.“ Mehr Denksport als Unterhaltung. „Nicht unähnlich dem Schach.“ Wer erfolgreich sein will, muss Karten zählen und rechnen können wie eine Maschine.

Weil er niemanden hatte, mit dem er regelmäßig spielen konnte, landete Domi irgendwann in dem damaligen Skatklub von Horst Schäfer in Köpenick. Drei Jahre lang kam er jeden Mittwoch nach der Schule vorbei, schaute vier bis fünf Stunden zu und hatte ansonsten Redeverbot. Es müssen mäßig angenehme Lehrjahre gewesen sein. „Es gab viele Spieler, die kannten keine Gnade“, erinnert er sich. Eine falsche Neun und er wurde abgewatscht. „Ich hab viel geheult damals“, sagt er.

Horst Schäfer aber sah in dem kleinen Dominik eine Chance. Er sagt, dass er es als seine Aufgabe empfand, sein Wissen weiterzugeben. „Und beim Domi dachte ich, der hat das Zeug, mein Vertreter zu werden.“

Knapp 20 Jahre später ist zumindest dieser Plan aufgegangen. „Heute werde ich mit meinen eigenen Waffen geschlagen“, sagt Schäfer, und da ist unschwer Stolz in seiner Stimme zu vernehmen. 2011 ist Scholz Online-Weltmeister geworden. Gegen hunderte Spieler hat er sich durchgesetzt. Den Niedergang der Spielkultur aber konnten sie nicht aufhalten. Nach Domi kam keiner mehr. Nicht mal seinen Enkel konnte Horst Schäfer für das Spiel begeistern.

Am Nachbartisch exerzieren sie derweil die Karten-Kabbala durch: „18? Weg! 20? Wie? 22. Näh!“ Dann werden Karten auf den Tisch gehämmert, geschmissen, geschnippt, manchmal regelrecht drapiert. Stich. Stich. Stich. Aus. Nach dem Spiel beginnt das Rechtfertigen, das Auseinandernehmen der Züge. Freundliches Pöbeln. Manchmal ist einer beleidigt und geht erst mal Zigaretten holen, bevor es weitergehen kann.

Vergleichsweise kompliziert zu lernen

„Die Überalterung ist nur eines der Probleme die der Skat heute hat“, sagt Dominik Scholz und zählt eine ganze Reihe weitere auf. Skat sei vergleichsweise kompliziert zu lernen. Viel komplizierter als beispielsweise Poker, dem dank gutem Marketing auch noch die Aura des Glamour anhafte. Bei Skat dächten viele hingegen an Bier und Piefigkeit. Dazu komme das Auflösen der städtischen Infrastruktur, sprich das Verschwinden der Eckkneipen. Mal ganz davon abgesehen, dass das Angebot an alternativen Unterhaltungsmöglichkeiten immer größer werde. „Kino, Smartphone, Playstation ...“

Und dann ist da ja auch noch das Internet, sagt Horst Schäfer. Ach ja, das Internet. Sie seufzen. Auch hier lagen mal die Hoffnungen der Skatgemeinde, und noch immer gibt es mehr als 20 Plattformen, auf denen pausenlos gegen Spieler in aller Welt angetreten werden kann. Doch Junge ziehen auch sie nicht an, und schlimmer noch, inzwischen kannibalisiert der Internet- den Kneipenskat.

„Warum soll ich mich noch mit Leuten treffen, wenn ich bequem von zu Hause aus spielen kann?“, fragt Horst Schäfer. Außerdem sei durch die permanente Verfügbarkeit das Besondere der früher nur wöchentlichen Spieleabende futsch.

Horst Schäfer spielt nicht online, auch weil seine Frau dagegen ist, er soll nicht übertreiben. Domi schon. Er findet es zwar langweiliger, seinen Gegner nicht zu sehen, ihm fehlt die Geselligkeit, aber er habe sonst einfach nicht genug Gelegenheit, zu spielen. Und manchmal will er auch ein bisschen zocken. Am Tisch ist das schon lange nicht mehr wirklich möglich. Die Turniere, an die sich Horst Schäfer noch erinnert, auf denen Autos und tausende Euro gewonnen werden konnten, sind lange Geschichte. Der Deutsche Meistertitel des DSKV ist heute mit 400 Euro dotiert. Doch selbst der Zockerskat im Internet scheint in der Krise zu stecken.

Mit dem Spiel verdient er seinen Lebensunterhalt

Es ist Donnerstagmittag in Spandau, wieder eine Eckkneipe. Am Tresen wird Bier getrunken, im Raucherzimmer zieht Kalle Meier an einer Zigarette. Meier sagt grinsend, er komme gerade von der Arbeit. Was er meint: Er hat Skat gespielt. Im Internet. Seit mehr als zehn Jahren bestreitet er mit dem Spiel mehr oder weniger seinen Lebensunterhalt. Deshalb möchte er seinen richtigen Namen auch nur ungern gedruckt sehen. Ende 2000 schmiss er seine Anstellung als Versicherungskaufmann. Er verdiente damals sechsstellig, sagt er, aber der Job langweilte ihn. Stattdessen tingelte er von Turnier zu Turnier, spielte fast jedes Wochenende woanders, und weil er gut war – sehr gut sogar, wie Leute sagen, die ihm gegenüber saßen –, gab es auch mal einen Abend, an dem er fast 20 000 Mark mit Skat gemacht hat. Doch die Zeiten, in denen so viel Geld an den Tischen war, sind lange vorbei.

Heute arbeitet er im Internet. In seinem Arbeitszimmer steht ein gewaltiger Bildschirm, auf dem er mehrere Partien gleichzeitig spielen kann. Allerdings wird es schwieriger. „Vor ein paar Jahren konnte ich ein paar Stunden am Tag spielen und hatte am Ende des Monats 4500 Euro verdient“, sagt er. Und die Konkurrenz nimmt zu. Noch vor sechs Jahren teilten sich drei bis vier Haie 70 bis 80 Fische, erzählt er. Heute teilen sich sieben, acht Haie einen Fisch. Heute muss er jeden Tag spielen, um auf seinen Schnitt zu kommen. Noch geht es, sagt er. An diesem Morgen hat er in vier Stunden 100 Euro gemacht, aber er sagt auch: „Wenn nichts geschieht, dann hat auch der Internetskat bald ein großes Problem.“

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