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Nach dem Brandinferno in der Schweiz: Was über den Betreiber der Bar in Crans-Montana bekannt ist
Nach der Feuerkatastrophe mit 40 Toten steht der Besitzer im Fokus. Warum hatte er trotz Vorstrafen in Frankreich eine Gastro-Lizenz – und wie kam er offenbar schnell zu viel Geld?
Stand:
Die Brandkatastrophe in der Silvesternacht in der Schweiz hat das Land in Schockstarre versetzt. 40 junge Menschen starben im Luxus-Skiort Crans-Montana bei einem Feuer in der Bar „Le Constellation“, mehr als 110 Menschen wurden teils schwer verletzt, etliche schweben noch in Lebensgefahr. Viele der Überlebenden werden ihr Leben lang durch die Brandwunden gezeichnet sein.
Dass es ausgerechnet in der sonst als überaus korrekt geltenden Schweiz zu einem solchen Vorfall kommen konnte, erschüttert nicht nur viele Eidgenossen. Die Ermittler im Kanton Wallis vermuten, dass die Katastrophe durch an Flaschen befestigte Feuerwerksfontänen ausgelöst wurde, die einer leicht entflammbaren Decke zu nahe kamen.
Schnell rückte das französische Betreiber-Ehepaar Jessica und Jacques M. in den Fokus. Gegen sie wird wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung und Körperverletzung ermittelt. Auch in der Schweiz gilt die Unschuldsvermutung.
Jacques M. in Frankreich wegen Zuhälterei verurteilt
Vieles deutet inzwischen darauf hin, dass der Brandschutz in ihrer Bar durch die Gemeinde nicht turnusmäßig und nur lax kontrolliert wurde. Zudem war eine Hintertür von innen verschlossen. Als sich das Feuer in der Bar rasend schnell verbreitete, waren viele Gäste gefangen.

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Dies hatte Jacques M. bei seiner ersten Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft gestanden. M. sagte schweizerischen und französischen Medienberichten zufolge, es habe sich um eine „Servicetür“ gehandelt, die „nicht als Notausgang gekennzeichnet“ war.
An der Tür hätten mehrere Menschen reglos gelegen. Er habe diese Tür nach dem Brand von außen aufgebrochen, weil sie „von innen verriegelt“ gewesen sei, erklärte der 49-Jährige demnach. Den schalldämpfenden und offenbar leicht entflammbaren Schaumstoff an der Decke habe er selbst in einem Baumarkt gekauft und installiert.
Wie die Schweizer Zeitung „Blick“ unter Berufung auf den französischen Sender BFMTV berichtet, erklärten die Betreiber, dass sie die Bar 2015 übernommen und umfassend renoviert hatten. Die Elektrik und Lüftung wurden von externen Firmen installiert. Der Club verfügte über eine Hauptausgangstür und eine Notausgangstür, die Jacques M. zufolge ordnungsgemäß gekennzeichnet waren. Fotos, die der Sender einsehen konnte, hätten diese Aussage untermauert.
Das Paar gestand demnach aber, dass es keine Sprinkleranlage gab und die Angestellten nicht speziell für den Umgang mit Bränden geschult waren.
Aufgrund seiner Aussagen, seines bisherigen Lebenslaufes sowie seiner persönlichen Situation in der Schweiz und im Ausland erachtete die Staatsanwaltschaft die Fluchtgefahr als konkret.
Erklärung der Behörde im Kanton Wallis
Jacques M. sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. „Aufgrund seiner Aussagen, seines bisherigen Lebenslaufes sowie seiner persönlichen Situation in der Schweiz und im Ausland erachtete die Staatsanwaltschaft die Fluchtgefahr als konkret“, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Dies gelte nicht für seine Frau. Beide hatten in einer Erklärung vor der ersten Vernehmung umfängliche Kooperation mit den Ermittlungsbehörden zugesichert.
Was ist über Jacques M. bisher bekannt und warum hatte er die Lizenz, einen gastronomischen Betrieb zu führen? Wie der Schweizer Sender SRF am Wochenende berichtete, darf eine Gemeinde im Kanton Wallis keine Bewilligung für den Betrieb von Gaststätten erteilen, wenn relevante Vorstrafen vorliegen.
Jacques M. sei aber 2008 von einem Gericht im französischen Annecy wegen Anstiftung zur Prostitution zu zwölf Monaten Haft verurteilt worden, von denen acht auf Bewährung ausgesetzt wurden. Die Taten gingen auf das Jahr 2005 zurück und stünden im Kontext eines Massagesalons in Genf. Unter Berufung auf französische Zeitungen berichtete der Sender weiter, die Verurteilung sei mit einem Verbot verbunden gewesen, in Frankreich ein Unternehmen zu führen.
Weitere Verurteilung auf Korsika wegen Sozialbetrugs
Später folgte in Korsika eine weitere Verurteilung wegen Sozialbetrugs, wie die „Neue Zürcher Zeitung“ („NZZ“) schreibt. Seine 40-jährige Ehefrau sei nicht vorbestraft.
Wie das Blatt weiter schreibt, stelle sich inzwischen die Frage, wie das Paar zu so viel Geld kam, dass es in den vergangenen Jahren im Raum Crans-Montana und Lens mehrere Immobilien erwerben konnte – ohne eine Hypothek aufgenommen zu haben. Neben der Bar „Le Constellation“ gehören dem Paar demnach mehrere Einfamilienhäuser sowie weitere Gastrobetriebe.
Im Grundbuch seien keine Fremdfinanzierungen eingetragen. Der Gesamtwert der Liegenschaften belaufe sich auf mehrere Millionen Franken. Auch der Schweizer „Tages-Anzeiger“ berichtet detailliert über die Geldfrage. Die Autos des Ehepaars seien zudem stets luxuriös gewesen: Neben dem Maserati sollen die beiden einen Mercedes AMG, einen Bentley und später einen Porsche Cayenne gefahren haben.
Beat Imhof, Präsident von Gastro Suisse, wunderte sich im Gespräch mit SRF, dass der Franzose in Crans-Montana Gaststätten führen durfte. „Wir wollen natürlich Leute, die diese Betriebe gut führen und nicht mit kriminellem Hintergrund aus dem Ausland in die Schweiz kommen“, sagte Imhof. „Jetzt muss man im Allgemeinen hinschauen, ob die Schweiz die richtigen Regulatorien hat, um das zu verhindern.“

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Von der Gemeinde gibt es bisher keine Stellungnahme dazu. Der „Tages-Anzeiger“ schreibt unter Berufung auf das Umfeld des Ehepaars, Jacques und Jessica M. „wurden sie nicht nach dem Strafregisterauszug ihres Herkunftslandes gefragt, sondern nur der Schweiz“.
Anwalt Romain Jordan, der mehr als 20 Opferfamilien vertritt, sagte: „Wir erwarten, dass die Angehörigen Antworten erhalten, wieso sich dieses Drama ereignen konnte, das so nie hätte passieren dürfen in der Schweiz.“
Die Mitbetreiberin und Frau hatte bei der Vernehmung gesagt: „Meine Gedanken sind ständig bei den Opfern und den Menschen, die noch heute um ihr Überleben kämpfen.“ In ihrer Bar habe sich eine „unvorstellbare Tragödie“ ereignet. „Dafür möchte ich mich entschuldigen“, fügte sie hinzu.
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