Paris-Moskau-Express : Die Suche nach dem verlorenen Samowar

Mit dem Nachtzug Paris-Moskau 3159 Kilometer durch Europas Geschichte. Proviant: Schampanskoje und Piwo.

Beliebtes Souvenir. Raffgierige Touristen entwenden die schönen Teegläser aus dem EN 453 nur zu gern
Beliebtes Souvenir. Raffgierige Touristen entwenden die schönen Teegläser aus dem EN 453 nur zu gernFoto: Florian Weber/promo

An der Brücke über den Bug ist es noch ein bisschen wie früher. Laut und kalt und ungemütlich, aber wahnsinnig spannend. Im Schritttempo rollt der Zug über den Grenzfluss zwischen Polen und Weißrussland. Soldaten stehen an den Gleisen, Zigaretten glimmen durch das gespenstische Dunkel. Mitten im Niemandsland quietschen die Bremsen. Der Europa-Nachtzug 453 kommt zum Stillstand, und aus dem Nebel steigt eine Batterie von Zöllnern und Grenzern zu und vermittelt den verschlafenen Passagieren ein Europa, das diese gar nicht mehr kennen. Ein Europa mit scharf bewachten Grenzen.

Am Bug ist zwar Europa noch nicht zu Ende, aber die Europäische Union. Zeitenwende im Paris-Moskau-Express, einem der letzten großen Abenteuer in der sich immer ähnlicher werdenden Schienen-Landschaft. Für einen winzigen wunderbaren Moment schwebt der Zug sogar über den Gleisen, aber dazu später mehr.

Zurückzulegen sind 3159 Kilometer zwischen dem Gare de l’Est in Paris und dem Weißrussischen Bahnhof in Moskau. 38 Stunden lang vorbei an allerlei europäischen Schicksalspunkten. Soll ja keiner auf den verwegenen Gedanken kommen, Paris-Moskau sei eine reine Vergnügungsfahrt.

Früher wachten Provodnizas vor den Türen

Die Reise beginnt im 10. Arrondissement, und es fügt sich gut in den historischen Zusammenhang, dass der Ostbahnhof in unmittelbarer Nachbarschaft der Avenue de Verdun liegt. Im Ersten Weltkrieg traten hier Hunderttausende ihre Reise an die Front an. Ein Wandgemälde in der Bahnhofshalle erinnert daran.

Gar nicht so einfach, den Paris-Moskau-Express zu finden. Es gibt keine Lautsprecherdurchsagen, erst fünf Minuten vor der Abfahrt am frühen Abend weist die Anzeigetafel zu Gleis 14. Vom Gare de l'Est hat sich 1883 der erste Orientexpress auf den Weg nach Konstantinopel gemacht. Das weckt Erwartungen an elegante Wagen und livrierte Schaffner, aber der EN 453 ist ein stromlinienförmiges Gebilde, gehalten in schlichtem Grau. Typisch für die russischen Züge der Vergangenheit waren die Provodnizas, resolute Damen, die vor den Türen und in den Wagen wachten. Der Kurswagen im neuen Paris-Moskau-Express hat keine Provodnizas, sondern zwei schläfrige Schaffner, denen alles um sie herum ziemlich egal ist. Das gilt glücklicherweise auch für unseren Reiseproviant, eine Kiste Bier.

Die Deutsche Bahn hat ihr Nachtzugprogramm bekanntlich wegen mangelnder Auslastung abgeschafft. Das mag eine unternehmerisch kluge Entscheidung sein, im Sinne der Bahn-Aficionados ist sie nicht, denn was gibt es Schöneres, als auf Schienen durch Zeit und Raum zu gleiten? Die russische Staatsbahn RZD betreibt den Paris-Moskau-Express seit zwei Jahren auf eigene Rechnung. Schon in Paris ist der EN 453 so etwas wie exterritoriales russisches Gebiet mit russischen Landschaften an den Wänden, russischen Prospekten, russischen Speisekarten – aber exakt null russischen Fahrgästen.

Der Zug war einst ein Abenteuer

Ohne jede Vorwarnung setzt sich der Zug in Bewegung. Die schöne Aussicht auf die Champagne bleibt wegen der späten Stunde eine Andeutung, aber ein in Paris noch schnell erstandenes Fläschchen Schaumwein aus landestypischer Produktion macht diesen Makel erträglich. Kurz vor Mitternacht geht es durch den verwaisten Bahnhof von Strasbourg und über den Rhein nach Kehl. Alfred Döblin hat der dortigen Brücke in seinem „November 1918“ ein literarisches Denkmal gesetzt. Doch an den grazilen Übergang von damals kann sich heute keiner mehr erinnern. Die aktuelle Brücke ist seit 2010 in Betrieb, ein Monstrum aus Stahl, ästhetisch so anspruchsvoll wie der EN 453.

Früher war der Zug an sich mindestens so ein Abenteuer wie die Fahrt. Mit knarzenden Holzböden und einem Samowar in jedem Wagen, für den die Provodniza großzügig kunstvoll verzierte Teegläser herausrückte, die von raffgierigen Touristen nur zu gern als Souvenirs eingesackt wurden. Klingt im Rückblick alles romantischer, als es im Alltag der Fall war, denn der Tee musste ja irgendwie entsorgt werden, und über die sanitären Anlagen in den alten Zügen sei besser kein Wort verloren. Der neue EN 453 verfügt über Toiletten, bei denen die Wasserspülung tatsächlich funktioniert. In jedem Abteil gibt es einen Waschtisch und nebenan sogar eine Dusche, die allerdings nicht funktioniert. Nur ein Samowar findet sich nirgendwo. Dafür schmeißen unsere verschwiegenen Schaffner in ihrem Dienstabteil murrend den Wasserkocher an.

Morgens um sieben erreicht der EN 453 Berlin und jetzt kommt Leben in den Paris-Moskau-Express. Auf dem Bahnsteig werden russische Zeitungen verkauft, Koffer und Pakete finden ihren Weg in die Abteile. Männer, Frauen, Kinder, Greise drängen sich durch den Gang. Vorbei am Ostkreuz schlängelt sich der Zug zum Bahnhof Lichtenberg, der zu DDR-Zeiten mal der wichtigste Bahnhof der östlichen Halbstadt war.

Hell und gemütlich. Die Reisegäste übernachten in in Zwei- oder Vierbettabteilen.
Hell und gemütlich. Die Reisegäste übernachten in in Zwei- oder Vierbettabteilen.Foto: V. Strekozov

Weiter über Frankfurt an der Oder und die neue Eisenbahnbrücke hinüber nach Polen. Die alte Friedensgrenze hat ihren trennenden Charakter längst verloren. Im nicht ganz so östlichen Osten ist Europa ein Stückchen näher zusammengerückt. Mit Hilfe der Bierkiste lassen sich schnell neue Freunde finden. Über Rzepin und Poznan geht es weiter nach Warschau, wo der EN 453 gleich an drei Stationen hält. Höchste Zeit, die Biervorräte aufzufüllen, was sollen denn die neuen Freunde denken.

Also, Piwo! Mitleidige Blicke am Supermarkt des Bahnhofs Warschau-Wschodnia. Eine spontane Smartphone-Recherche ergibt, dass rund um polnische Bahnhöfe nicht mal Lightbier verkauft werden darf. Polen ist auch nicht mehr, was es angeblich mal war.

Dunkelheit fällt über den Nachmittag, aber draußen gibt es eh nicht viel zu verpassen, denn die Landschaft gestaltet sich nach einem immer wiederkehrenden Muster. Birkenwälder, Kiefernwälder. Um kurz nach vier hält der EN 453 in Terespol, dem östlichen Außenposten der Europäischen Union. Kiefernwälder, Birkenwälder. Über den Bug geht es weiter Richtung Brest-Litowsk, auch dies ein historisch nicht ganz unbelasteter Ort. Hier zwang Ludendorff der gerade entstehenden Sowjetunion 1918 einen Siegfrieden auf, der das Land um ein Viertel seines europäischen Territoriums brachte.

Ein paar hundert Meter vor dem Bahnhof von Brest-Litowsk rollt der Zug in die riesige Umspuranlage, ein Stellwerk mit Kränen, Drehgestellen und hin- und herwuselnden Bahnarbeitern, denn die europäische Normalspur ist 1435 mm breit, bei der russischen Breitspur liegen die Schienen 1520 auseinander. Die Synchronisierung ist eines der letzten großen Herausforderungen in der Welt der Bahnfahrt. Die beiden Schaffner kümmert nicht, dass hinter ihnen eine Tür geöffnet wird, um dem Treiben zuschauen zu können. Doch gerade als der lange Arm des Krans nach dem Wagen greifen will, um ihn ein paar Meter weit durch die Luft auf das neue Fahrgestell zu balancieren, wird ein weißrussischer Offizier vorstellig, und mit dem Zuschauen ist es vorbei.

Im Osten nichts Neues

Da der Zug nach dem Anhängen immer neuer Wagen mindestens so lang ist wie die chinesische Mauer, erstreckt sich das gesamte Prozedere über gut zwei Stunden. Seit ein paar Wochen setzt die russische Staatsbahn zwischen Paris und Moskau auch einen noch moderneren Zug ein, der in gerade mal 20 Minuten automatisch umspurt. Aber ist es nicht schon schlimm genug, dass es in den neuen Wagen keinen Samowar mehr gibt?

Später, im Bahnhof von Brest-Litowsk, steigen weißrussische Mütterchen zu, sie schleppen riesige Körbe, und endlich können die Getränkevorräte aufgefrischt werden. Doch zu gucken gibt es danach nichts mehr, den Rest der Fahrt schluckt die Nacht.

Gegen neun dann blinzelt die Sonne durchs Fenster. Ansonsten: Im Osten nichts Neues. Kiefernwälder, Birkenwälder, bis die Moskauer Vororte beginnen. Endlose Reihen von Wohn- und Bürosilos,mit jedem Kilometer ein bisschen höher, wuchtiger und gläserner. Auf die Minute pünktlich um 11:01 Uhr rollt der Paris-Moskau-Express in den Zielbahnhof. Die beiden Schaffner haben immer noch kein einziges Wort gesprochen.

Die Berliner Reisegesellschaft ist weniger zurückhaltend und singt: „Moskau, fremd und geheimnisvoll, Türme aus rotem Gold ...“ Na ja. Der Weißrussische Bahnhof ist eine pastellgrün gestrichene Burg im neoklassizistischen Stil.

Das Abenteuer geht zu Ende. Ein Blick auf den Fahrplan verrät, dass am Nachmittag ein Zug nach Kaliningrad aufbricht, 20 Stunden im Transit durch Weißrussland und Litauen. Eigentlich keine schlechte Idee.

ABFAHRT

Der Paris-Moskau-Express verlässt de Pariser Gare de l’Est jeden Freitag um 18:58 Uhr und erreicht Moskau am Sonntag um 11:01 Uhr.

FAHRKARTEN

Tickets können online über die Website der französischen Staatsbahn SNCF (sncf.de) oder die der russischen Staatsbahn RZD (pass.rzd.ru) erworben werden. Eine Fahrt im Viererabteil kostet regulär 288,40 Euro.

Es lohnt sich jedoch, in auf Osteuropa spezialisierten Reisebüros nach Sonderangeboten zu fragen.

VISUM

Zuletzt war neben dem russischen Touristenvisum auch ein Transitvisum für Weißrussland erforderlich. Eine angeblich für 2017 geplante Abschaffung des Transitvisums ist noch nicht offiziell bestätigt.

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