Pionier aus Holzminden : Michael Holzach, Liebling der Götter

Er verstand sich mit Gräfin Dönhoff ebenso wie mit Victor, der Ratte. Als Reporter erkundete er Deutschland zu Fuß. Und ertrank bei dem Versuch, seinen Hund zu retten.

Herr und Hund. Mit Feldmann, den er aus einem Tierheim geholt hatte, wanderte Michael Holzach ohne Geld durch Deutschland.
Herr und Hund. Mit Feldmann, den er aus einem Tierheim geholt hatte, wanderte Michael Holzach ohne Geld durch Deutschland.Foto: Freda Heyden

Sie waren das Dream-Team des deutschen Journalismus. Zwei beste Freunde, ein auffallendes Paar, der Zweimetermann und der eher kleine Fotograf, ein Duzer und ein Siezer. Der eine quatschte jeden an, der andere hielt sich zurück. Mit dem Ziel, die Welt zu verändern, flitzten sie im roten Alfa Romeo durchs Land, vor allem durch das Ruhrgebiet. Dort waren Timm Rautert und Michael Holzach sich 1973 das erste Mal begegnet, unter Tage, im heißen, dunklen Dreck. In seiner ersten Reportage für das „Zeit-Magazin“ porträtierte Holzach einen polnischstämmigen Bergarbeiter aus Castrop-Rauxel, die Geschichte kam gleich aufs Titelblatt.

Er hätte Model werden können, das hätte er auch gemacht, wenn sie ihn nicht genommen hätten bei der „Zeit“, so hat er gern kokettiert. Sie nahmen ihn, sofort, den Volontär von der „Westfälischen Rundschau“. Sein Aussehen und Auftreten hat er dann auf andere Weise eingesetzt: Bei den Recherchen für seine Geschichten über Exil-Chilenen in Oberhausen, jugendliche Trinker in Essen-Steele, Gastarbeiter auf dem Weg zurück in die Türkei, Arbeitslose.

In den Reportagen des Duos erfährt man viel über die Bundesrepublik der 70er, frühen 80er Jahre. Dabei schrieb Holzach eher schnörkellos als gefühlig, bettete seine eigenen Beobachtungen immer ein in Zahlen, Daten, Fakten, in Expertenaussagen und politische Zusammenhänge.

Holzach ertrank, sein Hund wurde gerettet

1983 war alles vorbei. Holzachs Hund und Wegbegleiter war in die Emscher gesprungen und kam nicht mehr heraus. Beide, Feldmann und die größte Kloake im ganzen Land, hatte Holzach bekannt gemacht, mit seinem 1982 erschienenen Bestseller „Deutschland umsonst. Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland“. Heute fängt man fast an zu gähnen, wenn man das hört: Da wandert einer durch sein Land und schreibt ein Buch darüber. Das haben seither so viele gemacht, Roger Willemsen, Willi Winkler, Wolfgang Büscher, um nur die Bekanntesten zu nennen.

Damals war es eine Sensation: dass sich da einer so ausgeliefert hat, um die Bundesrepublik und sich selbst zu erkunden. Das Buch wurde Kult, sollte verfilmt werden. Holzach guckte sich mit der Regisseurin Locations an, als Feldmann in die betonierte Emscher sprang, Michael Holzach hinterher. Der 36-Jährige ertrank, der Hund wurde gerettet.

Die „Bild“-Zeitung brachte eine ganze Seite zu seinem Tod, der seinen Status als Idol der Jungen, vor allem unter Journalisten nur verstärkte. Holzachs Halbbruder Georg erzählt, dass ihn Jahre nach Michaels Tod Menschen „wie eine heilige Erscheinung anschauten“, wenn sie von der familiären Verbindung erfuhren, und gerührt erzählten, wie seine Geschichten ihre Jugend beeinflusst hätten. Auch Timm Rautert staunt, „wie lange sich das gehalten hat in den Köpfen“. „Vielleicht“, vermutet der Fotograf, „war es dieses Suchen, dieses sich ernsthaft bemühen.“ Der Wunsch, die Welt zu verändern und dafür bis zum Äußerten zu gehen.

Er mochte den Kitzel, die Gefahr

„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“ Diesen Bibelspruch hat der Pfarrer bei der Beerdigung Holzachs in Holzminden verlesen. Das war es, was er als Reporter machte. Er hat sich unter die Stummen gemischt, ist eingetaucht in ihre Welt. Zwei Wochen lang lebten er und Rautert, „als Penner verkleidet, das Nötigste in ein paar Plastiktüten verstaut“, unter Obdachlosen, so lernten sie Victor, die Ratte kennen, und Gustav, den früheren Fremdenlegionär, von dem Holzach sich das Betteln abschaute. Was ihm bei seiner Deutschlandwanderung zugutekam, auf die er sich mit nur zwei Notgroschen begab. In Bochum, an der jungen Ruhruniversität, hatte er Sozialwissenschaften studiert – jetzt praktizierte er sie.

Holzach mochte den Kitzel, die Gefahr. Wenn er sich über ein Restaurant geärgert hatte (manchmal auch einfach so), rannte er schon mal raus ohne zu zahlen. Klaute eine Lederweste für seine Freundin als Geschenk. Es waren ja die Kapitalisten, von denen er nahm. Oder stieg in die Hamburger U-Bahn ein und forderte die Passagiere auf, ihm die Fahrscheine zu zeigen, was sie bereitwillig taten.

Er war neugierig, so berichten seine Freunde, den Menschen zugewandt. Sie haben dem charmanten Schlaks alles erzählt. Er hat ihnen ja auch was von sich berichtet. „Weder unterwürfig noch überheblich“, wie Georg Holzach sagt, seien die Begegnungen gewesen. Holzach konnte mit jedem. Mit der Gräfin Dönhoff so gut wie mit Victor, der Ratte.

Miechel, der Hutterer. Ein Jahr lebte er bei „Gottes heiligem Volk“ in Kanada.
Miechel, der Hutterer. Ein Jahr lebte er bei „Gottes heiligem Volk“ in Kanada.Foto: Timm Rautert

Dann ging er noch einen gewaltigen Schritt weiter. Aus zwei Wochen des Eintauchens in eine fremde Welt wurde ein ganzes Jahr. Holzach zog nach Kanada, zu den Hutterern, einer religiösen Gemeinschaft, die die Bibel wörtlich nahm, ein altertümliches Deutsch sprach und Privatbesitz ablehnte. Als Miechel ließ er sich die Haare scheren und ein dunkles Gewand verpassen, lernte Ferkel kastrieren und Schnürschuhe fertigen. Ein Jahr lang lebte der Womanizer wie ein Mönch, besuchte der 68er die Sonntagsschule und sah zu, wie Jungs, die Schlittschuh gelaufen waren, mit Prügel für diese Hoffart bestraft wurden.

Der linke Freigeist unterwarf sich den strengen Regeln von „Gottes heiligem Volk“. Arbeiten, beten, essen, schlafen. Holzach genoss die konsumferne Schlichtheit dieser altertümlichen Welt, die weißen Wände, die Glühbirne an der Decke. Das Experiment war, wie die Wanderung durch Deutschland ohne Geld, gelebte Zivilisationskritik.

Holzach machte das, wovon viele nur redeten, der damals 31-Jährige lebte den Aussteigertraum. Andere gingen nach Indien, er in die Rocky Mountains. Was er tat, sollte was Besonderes sein.

Die Anverwandlung gelang nicht komplett. „Das Gefühl, von der Außenwelt völlig abgeschnitten zu sein, die stundenlangen Gottesdienste Tag für Tag, Schnee schaufeln und Schweine füttern bei minus 30 Grad, das Herunterschlingen des Essens, daran konnte ich mich nur schwer gewöhnen.“ Aber schon auf dem Rückflug wird er Ruhe und Besitzlosigkeit vermissen. Zurück in Hamburg schrieb er sein Buch über „Das vergessene Volk“ (1979), mit Inneneinsichten, von denen niemand je gelesen und Fotos von Timm Rautert, wie sie noch niemand gesehen hatte.

Es ging ihm immer um die Sache – und die gute Story

Für die Hutterer war es Verrat. Holzach kehrte nach Kanada zurück, um Abbitte zu leisten, auf den Knien, stundenlang. Aber damit war die Sünde nicht aus der Welt, mit der die Religiösen doch nichts zu tun haben wollten. Er hat, glaubt sein Freund und Lektor Niko Hansen, darunter gelitten, dass er einen Betrug begangen hat. „Aber er hat ihn auch begangen.“

Die Ambivalenz seines Tuns hat er immer wieder thematisiert, kokettierte vielleicht auch damit. Als „Zwielichtigen“ beschrieb er sich. In „Deutschland umsonst“ nennt er sich Schmarotzer der Geschichten anderer und Ex-Journalist. Doch das Dilemma blieb. Auch die Begegnungen auf der Wanderung publizierte er ja in seinem Buch. Er war ein guter Vermarkter seiner Erlebnisse und seiner selbst. Es ging ihm immer um die Sache – aber auch um die gute Story.

Schon als Schüler und Sitzenbleiber, der mit der Rechtschreibung kämpfte, offenbar Legastheniker war, hat er so spannende Aufsätze geschrieben, dass seine Deutschlehrerin ganz begeistert war. Nach eigenen Angaben hat er immer mehr geschrieben, als er gelesen hat. Zu den wenigen Büchern gehörte Werner Herzogs „Wandern im Eis“.

Anerkennung war ihm als Kind verwehrt worden

Dabei war ihm das Schreiben eine größere Qual. Schreiben hieß leiden. Er hat sich die Haut von den Nägeln gezogen, sie blutig gebissen. Wenn er einen Text in der Redaktion abgab – immer auf den allerletzten Drücker –, waren manchmal alle Finger verbunden. Warum um Himmels willen er dann schreibe, hat Timm Rautert ihn einmal gefragt. Die Antwort: „Muss sein.“

Ganz nah dran. Der Reporter macht sich bei einer Roggenstrohschuh-Flechterin Notizen.
Ganz nah dran. Der Reporter macht sich bei einer Roggenstrohschuh-Flechterin Notizen.Foto: Timm Rautert

Und bei den Büchern lief es ja nicht besser. „Wenn er sich vorgenommen hat, ein, zwei Seiten zu schreiben, kam manchmal nur ein Satz heraus“, erzählt Lebensgefährtin Freda Heyden. „Da war viel Verzweiflung dabei.“

Aber er wusste auch, dass es was zu gewinnen gab, so sein Freund und Lektor Niko Hansen, in dessen Haus er schrieb, mit dem er um jeden Satz gerungen hat und dem Holzach gleich vorne in „Deutschland umsonst“ dankt („ohne den dieses Buch nicht entstanden wäre“): Anerkennung und Aufmerksamkeit. Das, was ihm als Kind verwehrt worden war.

Nach der frühen Trennung der Eltern war er als kleiner Junge erst mal in der Verwandtschaft herumgereicht worden. Mit der Mutter, einer eindrucksvollen Femme fatale, verband ihn eine höchst zwiespältige Beziehung. Als Knabe, erzählt seine Deutschlehrerin, musste Michael Holzach ein paar Schritte hinter ihr herlaufen, um dann Bericht zu erstatten, wie viele Männer sich nach ihr umgedreht hatten. Immer wieder fuhr er zu ihr, immer wieder reiste er im Streit wieder ab. Genauso ambivalent war wohl die Rolle, die sie ihm zugewiesen hat, mal Kind und mal Mann. In „Deutschland umsonst“ legt er sich in ihr Bett. Der Vater hat sich in dem Jahr, in dem Holzach bei den Hutterern war, das Leben genommen.

An der Emscher. Die Stele zur Erinnerung an Holzach wurde 2016 errichtet.
An der Emscher. Die Stele zur Erinnerung an Holzach wurde 2016 errichtet.Foto: eglv

Die Suche hat ihn umgetrieben, nach Vätern, einer liebevollen Mutter – die Suche nach Familie und Identität. Wohl für niemanden sonst, hat sein Kollege Rüdiger Dilloo einmal geschrieben, war das „Zeit-Magazin“ „so sehr journalistisches Trainingscamp und Familienersatz und Instrument der Selbstfindung“. So wie die Deutschlandwanderung, auf die Holzach sich begab, als ihm das Leben vielleicht zu gemütlich, zu satt geworden war. Er zog nicht auf gut Glück durchs Land, sondern wählte sich Etappenziele, die eng mit seinem Leben verknüpft waren.

Der vielleicht wichtigste Ort, der ihm am meisten Heimat war, hieß Solling. Zehn Jahre hat der Sohn aus reichem verkorksten Elternhaus im Holzmindener Landschulheim verbracht, im Internat fand er eine Gemeinschaft, Freunde fürs Leben, offene Türen und die Deutschlehrerin Roswitha Lehmann, von der er auch in „Deutschland umsonst“ erzählt. Er besuchte sie immer wieder. „Michael kam, weil es hier unkompliziert war. Weil ich ihn mochte. Ohne Trompetenkonzert.“ Solling wurde sein Zuhause über den Tod hinaus: Auf dem kleinen Friedhof liegt er begraben. Was er besaß und was seine Bücher in Zukunft einbringen würden, hinterließ er „Brot für die Welt“.

Auch „Deutschland umsonst“ hatte ihn nicht an den Kern gebracht, glaubt Lebenspartnerin und Künstlerin Freda Heyden, mit der er kurz vor seinem Tod ein Kinderbuch über Feldmann schrieb. Doch er hatte einen Plan, als Lehrer zurückzukehren ans Internat. Etwas Sinnvolles tun. Die Sehnsucht des Rastlosen nach Ruhe, Ordnung, Normalität war gewaltig.

Der Liebling der Götter hatte Schrammen bekommen

Anfangs war der Direktor wohl ganz enthusiastisch, dann, erzählt Roswitha Lehmann, ließ die Begeisterung nach. Sie glaubt, dass das Kollegium Angst hatte, dass der charismatische Schriftsteller es überstrahlen würde. Und dass er auch über das Internat ein Buch schreiben würde. Sie selbst hegte andere Bedenken: dass es ihm mehr um sich als die Schüler ging, dass er noch mal das Kindsein erleben wollte. Das fand sie zu egoistisch, hat es ihm auch gesagt.

Als Liebling der Götter hat Timm Rautert den Freund beschrieben. Er war einer, den man gern hatte, alles schien ihm zu gelingen. Aber nun hatte er Schrammen bekommen. Der Chefredakteur des „Zeit-Magazins“ hatte den Vorabdruck von „Deutschland umsonst“ abgelehnt, weil ihm der Text, der den Ich-Journalismus mitbegründete, zu bekenntnishaft, zu persönlich war. Das hat ihn so sehr verletzt wie die Ablehnung aus Solling.

Das Lehrerdasein blieb ein romantischer Traum. Was er weiter gemacht hätte, darüber gibt es nur Vermutungen – Grünenpolitiker oder Romancier vielleicht. Seit vergangenem Sommer erinnert eine Stele am Ufer der Emscher an Holzach, der in diesem Jahr 70 geworden wäre. Aus der Kloake ist wieder ein richtiger Fluss geworden.

Bestseller. „Deutschland umsonst“ wurde vom ZDF verfilmt.
Bestseller. „Deutschland umsonst“ wurde vom ZDF verfilmt.Cover: promo

„Deutschland umsonst“ und das Kinderbuch „Ich heiße Feldmann und bin ein Hund“ (mit Freda Heyden) sind weiter lieferbar. Mehr auf der von Heyden betriebenen Website michaelholzach.de

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