Berliner Verein „Keshet“ : „Viele Menschen, die jüdisch und queer sind, machen negative Erfahrungen“

Der Verein „Keshet“ will die Sichtbarkeit von queer-jüdischen Menschen stärken und kämpft gegen LGBTI-Feindlichkeit und Antisemitismus. Ein Gespräch.

Der Verein Keshet, der in Berlin sitzt.
Der Verein Keshet, der in Berlin sitzt.Foto: promo

Der Verein „Keshet“ setzt sich für die Sichtbarkeit von queer-jüdischen Personen ein. Gegründet wurde er 2018, mittlerweile zählt der Verein mit Sitz in Berlin über 130 aktive Mitglieder und wurde dieses Jahr mit der “Kompassnadel” des Schwule Netzwerks NRW ausgezeichnet. Dalia Grinfeld ist stellvertretende Vorsitzende und hat mit uns darüber gesprochen, welche Probleme Juden und Jüdinnen in der queeren Community haben und umgekehrt.

Was genau ist „Keshet“?
Keshet ist Hebräisch und bedeutet Regenbogen. Keshet Deutschland ist ein Verein, der sich für die Inklusion und die Rechte von queeren Juden und Jüdinnen einsetzt.

Was machen Sie bei Keshet?
Wir haben mehrere Säulen: Die erste ist, der queer-jüdischen Community einen Raum zu geben und diese durch Treffen und Austausch zu vernetzen. Die nächste ist, eine psycho-soziale Unterstützung zu bieten und eine gemeinschaftliche Ebene zu schaffen, auf der sich Menschen über ihre queere und oder jüdische Identität austauschen und sich gegenseitig unterstützen können. Die dritte Säule ist die Bildungsarbeit, einerseits das Self-Empowerment rund um queer-jüdische Themen, andererseits die queer-jüdische Bildung. Aufklärung innerhalb der jüdischen Gemeinden, sowie die Stärkung der Sichtbarkeit von queer-jüdischem Leben in Deutschland ist uns wichtig.

Wieso ist die Vernetzung von queer-jüdischen Menschen wichtig?
Viele Menschen, die sowohl jüdisch als auch queer sind, haben in der Regel negative Erfahrungen gemacht, die es ihnen erschweren, beides und gleichsam offen auszuleben. Gleichzeitig hat man aus religiöser Sicht, wenn auch seltener, einen erschwerten Zugang zum Queersein – familiäre Erfahrungen können diesen Zugang ebenfalls erschweren.

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Die Vernetzung ist so wichtig, weil viele Menschen das Gefühl haben, allein mit ihren Themen und Problemen zu sein. Wir schaffen ein Gemeinschaftsgefühl, damit sich Menschen über ihre Probleme, Ziele und die Gesellschaft austauschen können. Unser Ziel ist es, dass sich niemand zwischen der eigenen jüdischen und queeren Identität entscheiden muss.

Welche Ziele haben Sie in punkto Sichtbarkeit queer-jüdischer Menschen?
Wie alle Juden, erleben auch queer-jüdische Menschen Antisemitismus. Das erleben daher auch unsere Mitglieder. In Deutschland erfahren wir auf der einen Seite Antisemitismus und auf der anderen Homo- und Transfeindlichkeit. In der jüdischen Gemeinschaft gibt es Homo- und Transfeindlichkeit, wie auch in der Gesamtgesellschaft und in der queeren Szene kommt noch der Antisemitismus hinzu. Auf verschiedenen Ebenen erlebt man in der Regel eine dieser Stigmatisierungen.

Eine Versammlung des Vereins Keshet.
Eine Versammlung des Vereins Keshet.Foto: Promo

Wir setzen uns als Verein für die Sichtbarkeit, Akzeptanz und Normalität von queer-jüdischem Leben ein. Natürlich haben – und leider müssen wir – wir Antisemitismus immer mit auf dem Schirm haben. Ich glaube, wir sind auch der einzige Verein, der beim CSD in Berlin letztes Jahr über Polizeischutz nachdenken musste.

Wo kommt der Antisemitismus in der queeren Community her?
Das weiß niemand genau, es gibt aber Vermutungen: In der queeren Szene hat vor allem das linke Lager Probleme mit Israel. Es wird geglaubt, dass Israel Pinkwashing betreibe. Das wird vor allem dem Tel-Aviv-Pride vorgeworfen. Viele Menschen in Europa können Israelis und Juden auch nicht auseinanderhalten. Wir sind Juden und Jüdinnen und meist keine Israeli, wir dürfen dort nicht wählen. Wir wählen, wie alle anderen Wahlberechtigten, in Deutschland – nicht in Israel.

Das Problem an sich hat weniger mit Queerness zu tun, sondern mehr mit der Solidarisierung von queeren Menschen mit Palästinensern und Palästinenserinnen aus dem Gefühl der Unterdrückung heraus. Queere Menschen werden auch unterdrückt, da solidarisiert man sich schnell. Ob diese Erklärung stimmt, weiß ich nicht. Ich finde es aber erstaunlich, dass ausgerechnet in einer marginalisierten Gruppe andere Hassformen vorkommen.

Welche Probleme haben queere Menschen in der jüdischen Community?
Dadurch, dass unsere jüdische Gemeinschaft in Deutschland vor allem aus Einwander*innen aus der Sowjetunion besteht, herrschen teilweise auch noch die Bilder und Werte der Sowjetunion vor, zumindest was Homo- und Transfeindlichkeit angeht. Das hat weniger mit dem Jüdischsein zu tun, als mehr mit der Prägung der Sowjetunion. Da wir jetzt in zweiter und dritter Generation leben, ist das alles schon viel offener und akzeptierter.

Aber unsere Gemeinden werden stark von alten Menschen geprägt, die andere Perspektiven auf queeres Leben haben – die finden das häufig weniger akzeptabel oder wollen es nicht sehen und fördern. Hinzu kommt noch die religiöse Perspektive. Es gibt viele Rabbiner und Rabbinerinnen, die sagen, dass es im Judentum ein Problem mit Homosexualität und Transsein gibt. Es gibt sehr viele Stereotype, was Queersein ist und was das bedeutet.

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Ich würde aber auch sagen, dass die jüdische Gemeinschaft da nicht ausgesprochen schlimm ist – diese Bilder gibt es überall in der Gesellschaft. Es gibt immer wieder den Glauben, dass Homosexualität eine übertragbare Krankheit sei. Als Juden und Jüdinnen sind wir Teil unserer Gesellschaft. Stereotype, die es in der Gesamtbevölkerung gibt, gibt es eben auch unter jüdischen Menschen – vielleicht werden diese in ihrem Bild nochmal vom sowjetischen Hintergrund bestärkt. Es gibt aber auch genug lautstarke Rabbiner und Rabbinerinnen, die nicht nur kein Problem in der Vereinbarkeit von Jüdischsein und Queersein sehen, sondern diese versuchen zu fördern.

Wie genau sorgen Sie für Sichtbarkeit? Wie sieht das aus?
Wir organisieren sehr viele eigene Veranstaltungen, zum Beispiel zu jüdischen Feiertagen wie zum Shabbat, zum Pessach Seder oder Chanukka. Unsere Veranstaltungen zeichnen sich durch eine queere Interpretation aus, was zum Beispiel die begleitenden religiösen Reden und Geschichten, queere Rituale und eben den Vibe angeht. Wir kommen als jüdische Menschen zusammen und ergänzen das durch queere Elemente, wie queere Vorbeter*innen, thematisch passende Reden und so weiter. Jüdisches Leben ist da, wo Juden und Jüdinnen zusammenkommen – so verhält es sich auch mit queerem Leben.

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Wir versuchen mit unseren Events auch immer in die jüdischen Gemeinden und Institutionen zu gehen. Der CSD ist dieses Jahr ausgefallen, dafür waren wir zu Gast im Garten des Jüdischen Museums. Letztes Jahr waren wir in der Synagoge am Fraenkelufer in Kreuzberg mit knapp 200 betenden und feiernden Personen.

Außerdem fangen wir langsam mit Bildungs- und Diversity-Seminaren für jüdische Gemeinden an – das findet voraussichtlich in Schulen, Gemeinden, Sozialabteilungen und Jugendzentren statt, um über jüdisches LGBTQI*-Leben aufzuklären.

Wer kann Mitglied werden?
Jeder kann für zwölf Euro im Jahr Mitglied bei uns werden. Die große Mehrheit ist queer und jüdisch, oder eins von beidem. Wir haben aber auch Mitglieder, die aus Solidarität und Unterstützung beitreten.

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Was kann man als Mitglied erreichen?
Wir haben den Ansatz, dass sich jede*r einbringen kann und soll. Wer etwas gestalten möchte und eine Idee hat, soll auch den Raum dazu bekommen. Wir haben dazu ehrenamtliche Arbeitsgruppen, zum Beispiel für Social Media und Eventteams in Berlin und NRW. Andere kümmern sich um die Betreuung der Mitglieder, andere um Fundraising, wieder andere um Vernetzungen mit anderen Vereinen. Wir bilden Trainer*innen zum Thema Diversity aus, veranstalten Workshops und bieten unseren Mitgliedern so die Möglichkeit, sich öffentlich zu äußern und ihren Beitrag in der Gesellschaft zu leisten.

Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.