Hirschfeld-Stiftung fordert Hilfe für queere Community : "Corona-Pandemie verstärkt diskriminierende Strukturen"

Appell an Staat und Zivilgesellschaft: Die LGBTI-Community braucht in der Coronapandemie dringend mehr Unterstützung, fordert die Hirschfeld-Stiftung.

Die queere Community fordert ihre Rechte ein - hier auf dem alternativen CSD im Sommer in Berlin.
Die queere Community fordert ihre Rechte ein - hier auf dem alternativen CSD im Sommer in Berlin.Foto: Fabian Sommer/dpa

Die Belange der queeren Community in der Coronakrise müssen von Staat, Wirtschaft und Unternehmen sehr viel mehr berücksichtigt werden. Die besonderen negativen Effekte von Covid-19 auf diese Gruppe sollten stärker erforscht und ihnen entgegengewirkt werden. Das fordert die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld in einem Appell an Staat und Zivilgesellschaft.

"Das Corona-Virus diskriminiert nicht, trifft jedoch auf diskriminierende gesellschaftliche Strukturen. Deswegen sind marginalisierte Gruppen besonders stark betroffen, unter diesen die LSBTIQ*-Community", heißt es in dem Aufruf der Stiftung, die Bildung und Forschung zu LSBTIQ*-Themen fördert, also zu Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans, inter und queeren Menschen. Der Aufruf liegt dem Tagesspiegel vor (hier im Wortlaut).

Zugang zu Hilfe ist erschwert

Die Folgen der Corona-Pandemie würden diskriminierende Strukturen und Probleme verstärken, mit denen queere Personen und Einrichtungen sowieso schon zu kämpfen haben, sagt Jörg Litwinschuh-Barthel, Vorstand der Stiftung: "Zum Beispiel werden Coming-outs unterdrückt, der Zugang zu Beratung erschwert, Hilfs- und Förderprogramme gibt es nicht oder nur unzureichend." Er fordert einen Aktionsplan, an dem Bund, Länder, Kommunen und zivilgesellschaftliche Vertretung mitwirken.

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In dem Appell werden drei große Problemfelder genannt, auf die die Stiftung hinweisen will. Weil sich der medizinische Fokus in den vergangenen Monaten auf die Bekämpfung der Pandemie verlegt habe, seien andere wichtige medizinisch notwendige Versorgungsleistungen oftmals zurückgetreten und aufgeschoben worden.

Versorgung von trans Menschen erschwert

"Davon sind LSBTIQ*-Personen überproportional negativ betroffen", heißt es: Man denke an psychotherapeutische Versorgung, Hormonbehandlungen und die Behandlung chronischer (Infektions-)Erkrankungen.

Tatsächlich haben seit Beginn der Coronakrise Initiativen immer wieder auf die Nöte von queeren Menschen hingewiesen (Beispiele lesen Sie hier und hier) - etwa, dass trans Menschen Therapien und OP-Termine auf unbestimmte Zeit verschieben mussten.

Jörg Litwinschuh-Barthel, Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld.
Jörg Litwinschuh-Barthel, Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld.Foto: Sabine Hauf/promo

Als zweites Problemfeld identifiziert die Hirschfeld-Stiftung die Zunahme häuslicher Gewalt und eingeschränkte soziale Kontakte im Zuge der Pandemie. Das betreffe insbesondere minderjährige LSBTIQ*-Personen, die bei ihren Eltern leben. "Im „Lockdown“ wurde zudem vielen LSBTIQ*-Personen die Verweigerung der staatlichen Anerkennung ihrer Partnerschafts- und Familienmodelle wieder schmerzhaft bewusst, besonders wenn sie nicht in einem Haushalt zusammenleben", heißt es in dem Appell.

Förderung queerer Projekte steht in Frage

Schließlich sorgt sich die Stiftung insgesamt um die Sicherung der Community-Strukturen. Die Inanspruchnahme staatlicher Leistungen sei seit Monaten nur eingeschränkt möglich. Das gelte zum einen für den individuellen Zugang zu allgemeinen und speziellen Hilfs- und Förderprogramme sowie den Zugang zu Verwaltung und Justiz - etwa in Verfahren zu Personenstandsänderungen oder für die Aufnahme von Pflege- und Adoptivkindern. Aber auch die Förderung von queeren Projekten stehe oftmals pandemiebedingt in Frage, die institutionelle Absicherung von Community-Strukturen sei gefährdet.

Vorstand und Fachbeirat der Stiftung erinnern in dem Zusammenhang an die grund- und menschenrechtlichen Verpflichtungen der Bundesrepublik - insbesondere an das Recht auf (physische und psychische) Gesundheit sowie an die Diskriminierungsverbote, heißt es in dem Appell: "Der Staat muss die garantierten Grund- und Menschenrechte nicht nur selbst in seinen Handlungen achten, sondern auch positiv schützen und fördern."

Hirschfeld-Vorstand Litwinschuh-Barthel ruft bei dem Thema zu einem Diskurs von Bund, Länder, Kommunen und zivilgesellschaftliche Vertretung auf: "Dafür bieten wir unsere Unterstützung an."

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