zum Hauptinhalt
Braunlages Kleinod. Eingangshalle des Sanatoriums Dr. Barner, des einzigen erhaltenen Jugendstilbaus seiner Art in Deutschland.

© pa

Jugendstil-Sanatorium: Pracht zur Genesung

Braunlage ist öde, denken viele. Bis sie das Jugendstil-Sanatorium entdecken.

Es ist vermutlich der ruhigste Ort in dem ohnehin wenig brausenden Harz-Städtchen. Und wahrscheinlich der prachtvollste. Der ahnungslose Gast in Braunlage kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, wenn er das Haus betritt, das als „Klinik“ firmiert. Das 100 Jahre alte „Sanatorium Dr. Barner“ ist einer der bedeutendsten noch erhaltenen Jugendstilbauten in Deutschland. Jüngst hat sich das Büro des Architekten David Chipperfield der behutsamen Restaurierung des traditionsreichen Hauses angenommen. Alles deutet darauf hin, dass das Ensemble eine noch glänzendere „Perle“ werden wird. Und die sind im Harz ja nicht eben überreichlich zu finden, zumal es auch mit dem Tourismus im West-Harz seit dem Fall der Mauer doch sehr holprig läuft.

Bis zum 14. November 1989 verlief die innerdeutsche Grenze mitten durch den Harz. Das niedersächsische Braunlage lag hart an der Demarkationslinie, das Gemeindegebiet östlicherseits wurde vom Todesstreifen markiert. Der einst kahl geschlagene Grenzstreifen fügt sich bis auf einen Erinnerungspfad längst nahtlos in die dichten Harzwälder ein. Zu alter Kurort-Herrlichkeit hat Braunlage indessen noch nicht wieder gefunden. Im Winter soll es das mit viel Geld vergrößerte Skigebiet am Wurmberg richten, das kommt jedoch trotz Beschneiungsanlage, beleuchteten Abfahrten und gespurten Loipen nicht recht auf die Beine. Und für den Sommer ist den Verantwortlichen in der gut 5000 Einwohner großen Gemeinde noch wenig eingefallen, was mehr Schwung in die Gästelandschaft bringen könnte.

Gewiss, Übernachtungen sind ab 20 Euro zu finden, Frühstück inklusive. Das gastronomische Angebot entlang der Hauptstraße ist reichlich, doch zum gepflegten Einkauf führe man wohl eher in eine der größeren Städte, ob nach Bad Harzburg oder Goslar. Allerdings, wer sommers nach Braunlage kommt, will nicht edel einkaufen, sondern – wandern. Wandern ist der gemeinsame Nenner der Harz-Sommertouristik, und von Braunlage aus erstreckt sich ein dichtes, ausgezeichnet beschildertes Wegenetz, das sogar den an die Hügel geschmiegten Kurpark einbezieht.

Braunlage hatte schon unter der deutschen Teilung schwer zu leiden

Zudem steht mit dem Wurmberg der beste Aussichtspunkt zur Verfügung, um auf den Brocken hinüberzuschauen, den 1141 Meter hohen Gipfel aller Gipfel des Harzes. Den Brocken aus der Ferne zu betrachten, ist ästhetisch gesehen ohnehin besser, als ihn zu besteigen oder mit der dampfbetriebenen Schmalspurbahn zu befahren. Denn oben ist der Brocken eine ziemlich langweilige Kuppe, gehörig verunstaltet durch Sendeturm und weitere Bauten. Der Weg ist das Ziel – das Wort könnte eigens für die Brockenbesteigung geprägt worden sein.

Blick aufs Mittelhaus des Klinik-Ensembles

© Ute Zscharnt, David Chipperfield Architects

Braunlage hatte schon unter der deutschen Teilung schwer zu leiden, musste jedoch nach deren Überwindung erleben, wie es noch weiter ins Hintertreffen geriet, weil die östlichen Harz-Orte aus dem „Soli“ ihren Nutzen zogen und weiter ziehen. Wernigerode oder Quedlinburg, das sind Städte von historischem Rang, letztere mit der Aufnahme in die Unesco-Welterbeliste geadelt. Da kann Braunlage nicht mithalten, auch wenn die an der Hauptstraße gelegene Kirche Sankt Trinitatis aus dem späten 19. Jahrhundert ein schönes Beispiel der Holzbautradition des Harzes darstellt. Doch fehlt das geschlossene historische Ortsbild. Allerdings besitzt Braunlage mit dem Sanatorium Dr. Barner dicht am östlichen Ortsrand ein Juwel, das 2010 in die Reihe der „national wertvollen Kulturdenkmäler“ aufgenommen wurde.

Und das kam so. 1903 reiste der als Innenarchitekt tätige Albin Müller (1871–1941) erstmals ins damals besonders fashionable Braunlage, um bei Dr. Barner Heilung von seiner Schlaflosigkeit zu finden. Das gelang, und bald wurde Müller, ein Künstler des damals hochmodernen Jugendstils, für Barner tätig. Er entwarf eine „Lufthütte“ – eine Art Baumhaus ohne Baum, dafür auf vier Stelzen –, die, in Fertigbauweise errichtet, eine ganze Kolonie in den umgebenden Wäldern bilden sollte.

Alles wie vor 100 Jahren

Die „Liegekur“ ist auch heute noch Bestandteil der Therapie bei Dr. Barner.

© Ute Zscharnt, David Chipperfield Architects

Dazu kam es nicht, doch steht die Lufthütte, der wohl älteste Fertigbau überhaupt, heute noch. Ebenso wie die beiden hölzernen Veranden, die Müller für die unverändert praktizierte „Liegekur“ errichtete. Und schließlich – da war Müller bereits vom hessischen Großherzog an die Darmstädter Mathildenhöhe berufen worden, diesen Hauptort des Jugendstils – entwarf der autodidaktische Architekt im Jahr 1912 ein prachtvolles Haupthaus für die rasch gewachsene Klinik des Dr. Barner.

Der „Mittelbau“ verbindet die beiden zuvor genutzten älteren Villen des Sanatoriums elegant zu einem einzigen Ensemble. Und in diesem sind die damals aktuellen, ornamental gemusterten Linoleumböden bis heute vorhanden, ebenso wie die aus ähnlichem, abwaschbaren Material gefertigten „Lincrusta“-Tapeten, die großzügigen Holzbetten in den Zimmern, die Sessel im Wandelgang oder im runden, neo- rokokohaften Musiksalon. Was nicht mehr vorhanden war oder gelitten hatte, wurde in den vergangenen Jahren originalgetreu wiederhergestellt, wie die in Wernigerode von dem europaweit nahezu einzigen Fachmann handgedruckten Tapeten. Die zierlichen Esszimmerstühle allerdings sind nicht mehr in Gebrauch, die Lehnen bruchgefährdet, die Bespannung nicht reißfest genug.

Und was das Einmalige ist: Die Klinik Dr. Barner dient heute noch demselben Zweck wie bei ihrer Fertigstellung 1914, vor genau 100 Jahren. Zudem sind alle Krankenakten seit Klinikgründung vorhanden, so dass das bauliche Denkmal zugleich ein kulturhistorisches Ganzes ist, eine erstrangige Quelle für die Geschichte der Psychotherapie von ihren Anfängen an. Damals war es ein Haus für Medizin plus Psychotherapie, heute ist es eine psychosomatische Klinik, deren Patienten zu 60 Prozent von außerhalb Niedersachsens kommen.

„Masterplan“ für die Restaurierung kommt aus dem Hause David Chipperfield

Die Grundzüge der Behandlung sind dieselben geblieben und werden heute von den Urenkeln des Gründers gepflegt, den Brüdern Andreas (59) und Johannes Barner (52). Was damals als Neurasthenie im Bürgertum grassierte, heißt heute Burn-out, doch die Symptome ähneln sich. Die Fachdiagnose heißt „reaktive Depression“. Und Albin Müller könnte seine Schlaflosigkeit unverändert mit einer „Liegekur“ in den hölzernen Hallen angehen, mit Blick auf Wald und Forsten und Reitstall.

Ruhe ist die erste Patientenpflicht, auch in dem Haus im Harz.

© imago

Was die Zukunft bringt, ist jedoch ungewiss. 2008 haben die Barners die Klinik als Ganzes in eine Stiftung eingebracht. Für die Pflege und Restaurierung des Baudenkmals fließen bis zu 500 000 Euro im Jahr sowohl an öffentlichen als auch an selbst erbrachten Mitteln, die nach einem „Masterplan“ für die stufenweise Restaurierung des Baudenkmals verwendet werden. Der Plan stammt aus dem Büro des seit dem Umbau des Neuen Museums in Berlin dafür prädestinierten Architekten David Chipperfield. Die behutsame Sanierung unter laufendem Betrieb ist nicht eben einfach.

Und dabei handelt es sich beim Sanatorium Dr. Barner um das einzige vollständig erhaltene Jugendstilensemble, in dem insbesondere die an der Darmstädter Mathildenhöhe zu höchster Reife getriebene „Raumkunst“, die Innenarchitektur, zu bewundern ist. Das Land Hessen will übrigens die Mathildenhöhe auf die Unesco-Welterbeliste bringen. Der Antrag ist bereits von der Kulturministerkonferenz abgesegnet. Da läge es doch nahe, das Haus Barner als „Satelliten“ einzubeziehen, weil nur hier der ganze Darmstädter Stil in Gänze erhalten ist.

Der Masterplan reicht bis ins Jahr 2023. Bis dahin muss aber längst über die Zukunft als Klinik entschieden sein. Niedersachsen bemüht sich, die Zukunft des Sanatoriums durch Aufnahme in den Krankenhausbettenplan des Landes abzusichern. Mit gerade einmal 70 Betten ist die Klinik Dr. Barner auf höchst individuelle Behandlung ausgerichtet. Die Wanderungen auf Wurmberg und Brocken zählen zwar nicht im engeren Sinne dazu, werden jedoch je nach Konstitution durchaus empfohlen. Wer ausgiebig auf den Wegen spaziert ist, bleibt danach – man möchte sagen: „garantiert“ – nicht mehr schlaflos. Und findet Braunlage einen prima Kurort.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
showPaywallPiano:
false