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Christoph Daum.

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Bill Clinton, Christoph Daum & Co.: Sieben große Lügen

Einer behauptete, den Vorfahren des Menschen entdeckt zu haben. Ein anderer erfand gleich ein ganzes Land. Was passiert, wenn Lügen auffliegen?

Von Andreas Austilat

1. CHRISTOPH DAUM

Die Lüge: "Drogen waren, sind und werden nie ein Thema für mich sein." (5. Oktober 2000)

Worum geht's? Der Deutsche Fußball-Bund sucht einen neuen Bundestrainer. Als Topfavorit gilt Christoph Daum - bis Bayerns Manager Uli Hoeneß der "Münchner Abendzeitung" ein Interview gibt, in dem er seinem langjährigen Intimfeind Kokainkonsum unterstellt: "Der DFB kann doch keine Aktion wie ,Keine Macht den Drogen' starten, und Herr Daum hat vielleicht etwas damit zu tun." Hoeneß spricht wörtlich von einem "verschnupften Daum". Der zeigt Hoeneß wegen Verleumdung an und stellt klar: "Ich werde Bundestrainer." Bayern- Vize Fritz Scherer fordert von Daum einen Drogentest. Am 10. Oktober erklärt sich der zu einer notariell beglaubigten Haarprobe bereit: "Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe."

Wie es rauskommt: Am 20. Oktober holt Bayer-Manager Reiner Calmund die Haarprobe beim Institut ab. Das Ergebnis ist positiv - beweist sogar einen regelmäßigen, exzessiven Kokainkonsum. Calmund zeigt sich fassungslos: "Ich dachte, das gibt es doch nicht. Ich habe mich gefragt, warum hat er nichts gesagt." Noch in der Nacht wird Daum das Ergebnis mitgeteilt. Am nächsten Morgen flüchtet er nach Miami.

Die Folgen: Daum wird als Trainer von Bayer 04 entlassen. Er kehrt erst im Januar 2001 zurück und gesteht auf einer Pressekonferenz mit süffisantem Lächeln den Konsum von Kokain ein: "Die Haarprobe war ein Fehler. Ich hatte mir das anders vorgestellt." Bundestrainer wird Rudi Völler.

2. GREGOR MACGREGOR

Die Lüge: "Ich bin Gregor I., souveräner Fürst von Poyais." (1820)

Worum geht's? Im frühen 19. Jahrhundert erklären sich viele Kolonien in Lateinamerika für unabhängig. Um an Kapital zu kommen, geben die jungen Nationen Staatsanleihen aus - vor allem finanzkräftige Europäer werden angelockt, diese hoffen dank großer Gold- und Silbervorkommen auf hohe Rendite. Der britische Soldat Gregor MacGregor, der unter Simón Bolívar in Venezuela gekämpft hat, nutzt den südamerikanischen Anleihen-Boom aus: Er erfindet 1920 von London aus "Poyais", einen fiktiven Staat, der in etwa auf dem Gebiet des späteren Belize liegt, und wirbt mit dem Reichtum des Landes. MacGregor verkauft tausende Staatsanleihen und Landbesitz in "Poyais". Als Beweise für die Echtheit lässt er ein Buch, Flugschriften und einen Kupferstich der vermeintlich 1730 gegründeten Hauptstadt St. Joseph drucken.

Wie es rauskommt: Am 10. September 1822 macht sich ein Schiff mit neuen Landbesitzern auf den Weg in die Karibik, um Poyais zu besiedeln. Die Europäer finden nicht das beschriebene Paradies vor, sondern dichten Dschungel. Von den 240 Siedler n sterben innerhalb weniger Monate 180. Im Oktober 1823 erreicht die Nachricht vom Schwindel die Zeitungen. MacGregor flieht nach Frankreich, verkauft aber weitere Anleihen an Unwissende.

Die Folgen: Im Dezember 1825 wird er verhaftet und verbringt zwei Monate im Gefängnis. Allein 1822 verdient MacGregor mit seinem Betrug 200000 Pfund, heute umgerechnet 3,6 Milliarden Pfund. Kein Anleger bekommt sein Geld zurück.

3. CHARLES DAWSON

Die Lüge: "Der gefundene menschliche Vorfahre ist 500000 Jahre alt." (18. Dezember 1912) Worum geht's? Fälscher und Betrüger gibt es viele in der Geschichte der Wissenschaft, dieser hier zählt zu den dreistesten: 1912 behauptet der britische Altertumsforscher und Archäologe Charles Dawson, in einer Kiesgrube im Dorf Piltdown im Südosten Englands ein Skelett gefunden zu haben. Am 18. Dezember stellt er den archäologischen Fund des Eoanthropus dawsoni (deutsch: "Dawsons Mensch der Morgenröte") vor der British Geological Society in London vor. Es handele sich bei dem "Piltdown Man" um einen 500 000 Jahre alten menschlichen Vorfahren. Die meisten Forscher sind über den Fund begeistert.

Wie es rauskommt: Einige Wissenschaftler, vor allem Deutsche und Franzosen, bezweifeln rasch die Echtheit des Fundes. Erst 1959 wird der Piltdown Man mithilfe der neuartigen Radiokohlenstoffdatierung endgültig als Fälschung enttarnt. Nach der Untersuchung stellen Angestellte des British Museum in London fest: Die Knochenfunde bestehen aus einem Menschenschädel aus dem Mittelalter, einem 500 Jahre alten Orang-Utan-Kiefer und Zähnen von Schimpansen! Damit die Zähne in den Kiefer passen, wurden sie eigens zurechtgefeilt.

Die Folgen: Bis heute wird darüber gerätselt, wer neben Dawson noch für die Fälschung verantwortlich war. Verdächtigt wird der Sherlock-Holmes-Autor Arthur Conan Doyle, der in der Nähe des Fundortes lebte. Ein Motiv hätte er gehabt: Doyle war beleidigt, dass seine eigenen Abhandlungen über Geister im wissenschaftlichen Kanon wenig Beachtung fanden.

4. TITUS OATES

Die Lüge: "Es gibt ein greuliches Komplott der papistischen Partei gegen das Leben Seiner geheiligten Majestät." (27. September 1678)

Worum geht's? Der englische Geistliche Titus Oates, der zuvor wegen homosexuellen Geschlechtsverkehrs und diverser Betrugsdelikte wiederholt Priesterämter verloren hat, lernt 1677 im anglikanisch dominierten Großbritannien den Geistlichen Israel Tonge kennen. Der gilt als fanatischer Anti-Katholik. Beide planen eine Intrige: Am 27. September warnt Oates König Karl II. vor einer "Papisten-Verschwörung" - Papist ist damals eine übliche abfällige Bezeichnung für einen Katholiken. Die Verschwörer hätten, lügt Oates, angeblich vor, den König sowie alle wichtigen Protestanten Englands zu töten. Anschließend solle der Herzog von York, ein katholischer Bruder Kar ls II., König werden. Gegenüber einem Richter, der die Anschuldigungen prüft, nennt Oates wahllos 81 Namen prominenter Katholiken. Die Beschuldigten werden verfolgt und angeklagt. Bis 1681 werden 35 Todesurteile vollstreckt, darunter ist auch der Erzbischof von Irland. Oates genießt als "Retter des Vaterlands" die Annehmlichkeiten einer staatlichen Rente.

Wie es rauskommt: Mit der Zeit kommen vermehrt Zweifel daran auf, dass überhaupt jemals eine Verschwörung existierte. Ende 1681 wird erstmals ein Beschuldigter freigesprochen. Der König befiehlt daraufhin Oates, seine Wohnung zu verlassen, verurteilt ihn zu einer Geldstrafe von 100000 Pfund und lässt ihn einkerkern.

Die Folgen: 1685 wird Oates wegen Meineids zu Pranger, Peitschenhieben und lebenslanger Haft verurteilt, später jedoch begnadigt. Er stirbt im Juli 1705 in London. Im Januar 2006 wird Titus Oates von der BBC nach Jack the Ripper und Thomas Beckett zum "Schlimmsten Briten aller Zeiten" gewählt.

Eine falsche Zarentochter

Christoph Daum.
Christoph Daum.

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5. ANNA ANDERSON

Die Lüge: "Ich bin Anastasia." (20. Februar 1920)Worum geht's? Am 17. Februar 1920 wird eine verwirrte und suizidgefährdete Frau in Berlin aus dem Landwehrkanal gezogen. Drei Tage später behauptet sie, die jüngste Zarentochter Anastasia Romanowa zu sein. Von der dachte man zu diesem Zeitpunkt, sie sei 1918 zusammen mit Nikolaus II. und allen übrigen Mitgliedern der Zarenfamilie von den Bolschewiki in Jekaterinburg ermordet worden. Anna Anderson, wie sich die Gerettete fortan nennt, prozessiert in den Folgejahren gegen ihre vermeintliche Verwandtschaft, will die offizielle Anerkennung . Eine Klage Andersons gegen ihre angeblichen adligen Cousins aus Deutschland weist ein Hamburger Gericht 1970 wegen Zweifeln an ihrer Identität zurück.

Wie es rauskommt: Von Anfang an glauben viele nicht an ein Überleben der Zarentochter. In Berlin wird seit dem 9. März 1920 die Fabrikarbeiterin und Bauerntochter Franziska Schanzkowsky vermisst. Schanzkowsky wird nicht wie Anastasia 1901 in Russland, sondern 1896 in Westpreußen geboren. Im Sommer 1991 werden die sterblichen Überreste der Zarenfamilie in einem Wald geborgen. Die Leichen von Zarewitsch Alexej und einer Tochter fehlen zwar, aber bei einer DNA-Untersuchung kann später eindeutig festgestellt werden: Anna Anderson ist nicht mit der Familie verwandt - ihre richtige Identität ist Franziska Schanzkowsky.

Die Folgen: Anna Anderson erlebt ihre Enttarnung nicht mehr, sie stirbt bereits 1984 im Alter von 87 Jahren.

6. BILL CLINTON

Die Lüge: "Ich hatte niemals Sex mit dieser Frau." (26. Januar 1998)Worum geht's? Im Sommer 1997 absolviert die 22-jährige Monica Lewinsky ein Praktikum bei US-Präsident Bill Clinton. Später arbeitet sie im Pentagon, erzählt dort einer Kollegin, sie habe im Weißen Haus eine Affäre mit Clinton gehabt. Die Kollegin zeichnet das Gespräch auf und reicht das Material weiter. Am 17. Januar 1998 wird der Inhalt der Tonbänder von der "Washington Post" abgedruckt. Clinton beruft eine Pressekonferenz ein und streitet alles ab. Er beteuert, niemals Sex mit Lewinsky gehabt zu haben.

Wie es rauskommt: Im Juli sagt Monica Lewinsky vor einer Grand Jury aus. Sie behauptet, Oralsex mit dem Präsidenten gehabt zu haben, und übergibt der Staatsanwaltschaft ein blaues Cocktailkleid mit Spermaflecken. Elf Tage später gesteht Clinton vor der Jury die Affäre. In einer TV-Ansprache sagt er: "Ich hatte eine unangemessene Beziehung mit Monica Lewinsky, sie war falsch." Für seine anfängliche Lüge wolle er die Verantwortung übernehmen. Einen Rücktritt lehnt er aber ab, schließlich handele es sich nur um eine private Angelegenheit: "Jetzt ist es wichtig, in die Zukunft zu schauen."

Die Folgen: Das Repräsentantenhaus leitet ein Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton wegen Meineids und Behinderung der Justiz ein. Der Senat spricht den Präsidenten im Februar 1999 frei, da keine Zweidrittelmehrheit zustande kommt.

7. VANESSA MAE

Die Lüge: "Ich habe es geschafft." (Januar 2014)

Worum geht's? Die thailändische Stargeigerin Vanessa Mae will sich im Januar 2014 für die Olympischen Winterspiele in Sotschi bewerben. Dazu braucht die Geigerin mit Wohnsitz im schweizerischen Zermatt laut FIS-Reglement 140 Punkte, um sich für eine Teilnahme zu qualifizieren. Thailand hat keinen Fahrer unter den 500 Besten im Klassement. Die nötigen Punkte sammelt sie im Januar bei Qualifikationsrennen im slowenischen Krvavec. Die nötigen Punkte erreicht sie knapp und darf in Sotschi im Riesenslalom und im Slalom starten. Im Riesenslalom am 18. Februar kommt Vanessa Mae, die unter dem Namen ihres Vaters Vanakorn startet, mit 50 Sekunden Rückstand als 67. und damit letzte Starterin ins Ziel.

Wie es rauskommt: Anfang November 2014 kommt raus, Vanessa Mae hat bei ihrer Qualifikation für Sotschi geschummelt. Der Weltskiverband gibt bekannt: "Die vier Riesenslaloms, die am 18. und 19. Januar in Krvavec stattfanden, wurden manipuliert." Schon vorher hatte es Gerüchte gegeben, die Qualifikationsrennen seien extra für Mae ausgerichtet worden. "Wir haben den Mut gehabt, die Sache nicht unter den Tisch zu kehren. So nicht. Nicht mit uns", sagt Jurij Žurej, der Direktor des slowenischen Skiverbands. Sein Team deckt auf, dass Mae damals auf Platz zwei landete, obwohl sie gestürzt war. Auch startete die Geigerin unterhalb des Starthauses. Erst später löste der Startrichter die Zeitnahme aus.

Die Folgen: "Auf Geheiß thailändischer Skifunktionäre" sei es im Januar in Slowenien zu Ergebnismanipulationen gekommen, gibt die FIS im Juli bekannt. Im November wird Vanessa Mae vom Weltverband für vier Jahre gesperrt.

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