Violinistin Patricia Kopatchinskaja : "Musik ist wie die Liebe, sie gehört mir nicht"

Sie ist die mutigste Violinistin der Gegenwart: Patricia Kopatchinskaja. Über Mumien im Konzertsaal, den Ausbruch aus dem Ghetto lackierter Musik und ihre moldawische Oma.

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja ist bekannt für ihre Lust am Experimentieren und ihr unkonventionelles Auftreten.
Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja ist bekannt für ihre Lust am Experimentieren und ihr unkonventionelles Auftreten.Foto: Marco Borggreve

Frau Kopatchinskaja, wir treffen uns hier spätabends nach Ihrem Konzert. Sie sind dann oft ganz leer, haben Sie mal gesagt. Oder panisch, weil Sie es nicht gut fanden. Wie geht es Ihnen heute?

Ich habe nicht mehr den Anspruch, bloß keine Fehler zu machen. Da kann man sich ja gleich gemütlich zu Hause eine Platte auflegen! Dann bekommt man Standard, ein gutes Wiener Schnitzel im Restaurant! Wenn man dagegen in ein Konzert geht, sollte man mit unerwarteten Dingen rechnen, wie Alice im Wunderland.

Und was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie auf der Bühne stehen?

In richtig guten Konzerten denke ich nichts, erst beim Schlussapplaus erwache ich wie aus einer Trance. Oft bin ich gespalten. Die eine Patricia geht auf Risiko und fürchtet sich nicht, weil sie weiß, dass sie musikalische Schutzengel hat. Die andere Patricia steht kritisch daneben. Hinterher treffen sich die beiden und diskutieren.

Haben Sie vor Ihrem Auftritt Rituale?

Ich schlafe vor jedem Konzert, zwei Stunden. Davor bin ich ein zerstreutes Huhn, durch den Schlaf konsolidiere ich mich.

Sie mögen den normalen Konzertbetrieb nicht. Was würden Sie ändern, wenn Sie Intendantin wären?

Ich würde die Pause abschaffen, sie zerstört die Spannung. Und flexiblere Konzertformate erfinden. Das Konzerthaus hier in Berlin macht fantastische Sachen. Zum Beispiel das „Mittendrin“-Format, bei dem die Zuschauer mitten im Orchester sitzen. Außerdem sollte die Mehrheit der Stücke zeitgenössisch sein. Warum lassen wir nicht die Gegenwart sprechen?

Vielleicht weil weniger Leute kommen, wenn Neue Musik auf dem Programm steht?

Das haben wir Musiker verbrochen. Wir trauen uns nichts. Der Faden ist abgerissen. Seit dem Zweiten Weltkrieg wollen wir es alle gemütlich haben. Seitdem sind die Konzertsäle Tempel, dabei sollten sie Laboratorien sein, Spielplätze, theatralische, politische, entspanntere Orte. Stattdessen haben wir ein Ghetto geschaffen, mit lackierter, toter Musik. Wir präsentieren Mumien. Aber Kunst ist Feuer, nicht Asche.

Patricia Kopatchinskaja

Patricia Kopatchinskaja, 39, wuchs in Moldawien auf, bis die Familie nach Wien ging. Ihre Eltern sind ebenfalls Musiker. Als Kind erhielt sie unter anderem Unterricht von David Oistrach, sie studierte an der Wiener Musikhochschule und am Konservatorium in Bern. Kopatchinskaja liebt Konzert-Abenteuer, bevorzugt anders geschneiderte Programme und Neue Musik. In dieser Saison ist sie „Artist in Residence“ beim Berliner Konzerthaus. Ihre nächsten Auftritte dort: das „Mittendrin“-Konzert am 15. Juni, zwei Abende mit dem Konzerthausorchester, bei denen Sibelius und Bartók auf dem Programm stehen (16. und 18. Juni) und zum Finale am 6. Juli ein Late-Night-Konzert.
Kopatchinskaja lebt mit ihrem Mann, einem Neurologen, und der elfjährigen Tochter Alice in der Schweiz. Die Tochter mag lieber Popmusik, zur Zeit Fleetwood Mac und Blue Swede. Die Mutter, die ab 2018 die künstlerische Leitung der Camerata Bern übernimmt, spielte auf CD zuletzt Tschaikowskys Violinkonzert und das Schubertalbum „Death and the Maiden“ ein.

Patricia Kopatchinskaja spielt am liebsten zeitgenössische Musik.
Patricia Kopatchinskaja spielt am liebsten zeitgenössische Musik.Foto: Ulf Mauder/dpa

Die vitalste zeitgenössische Musik ist die Popmusik. Sie läuft rund um die Uhr, füllt riesige Hallen. Warum brauchen wir trotzdem die atonale Neue Musik?

Ich interessiere mich viel mehr für Dissonanzen als für schöne Harmonien. Ich schaue mir ja auch nicht nur schöne Menschen an! Musik für die Massen gab es schon zur Barockzeit: schnell komponierte, lustige Opern, sehr beliebt. Die Oper vom Vorjahr war out, es war wie heute mit den Alben in den Charts. Der Unterschied ist nur, die gleichen Komponisten schrieben auch die anspruchsvollen Werke. Heute ist das getrennt. Alte Musik wird vor Barockspezialisten aufgeführt, die Romantik wird auch separiert, kein Wunder, dass die Leute keine Ohren mehr für verschiedene Klangwelten haben. Dass die Beatles sich für Stockhausen interessierten oder John Zorn auf klassischen Bühnen gespielt wird, das gibt es viel zu wenig.

Wie wollen Sie denn die Vorbehalte des Publikums gegen Neue Musik zerstreuen?

Die zeitgenössische Musik ist eine Sprache, die wir verlernt haben. Wir müssen also mehr vermitteln, Theater spielen, ein bisschen inszenieren. Musik ist keine Konsumwelt. Ich bin doch eher so etwas wie eine Kabarettistin. Kabarettisten befassen sich mit aktuellen Themen, geben etwas Eigenes hinzu und ziehen damit von Ort zu Ort. So sollten auch wir Musiker durch die Welt tingeln, als Troubadoure.

Ziehen Sie deshalb gern mal Grimassen im Konzert?

Man darf die Musik ruhig auf meinem Gesicht sehen. Manche schimpfen, das sei Clownerie. Alles muss heute perfekt sein, das tötet die Kreativität, die Spontaneität, den Sinn. Schon die Trennung von Komponist und Interpret ist fatal, früher ging ein Brahms auf die Bühne, ein Chopin, ein Schumann, sie hauten auch daneben, doch sie spielten ihre Musik. Was lebt, ist nicht perfekt. Die Musik ist wie die Liebe, sie gehört mir nicht.

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja ist bekannt für ihre Lust am Experimentieren und ihr unkonventionelles Auftreten.
Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja ist bekannt für ihre Lust am Experimentieren und ihr unkonventionelles Auftreten.Foto: Marco Borggreve

Wie nehmen Sie das Publikum wahr, unterscheidet es sich je nach Land?

In Amsterdam stehen alle immer sofort auf. Man darf das nicht für eine Standing Ovation halten, es ist normal. Wahrscheinlich, weil die Holländer so groß sind. Sie haben wenig Platz auf ihren Sitzen und wollen sich die Füße vertreten. In Amerika geht es sehr schnell mit dem Applaus, alle sind begeistert – und ab nach Hause. In der Wigmore Hall in London sind sie ganz besonders aufmerksam, übrigens auch das Publikum in Moskau: Viele verzichten auf Mahlzeiten, um sich ein Ticket leisten zu können. Wenn man das weiß, spielt man anders.

Sie sind berühmt dafür, dass Sie sich immer Geschichten zur Musik ausdenken.

Ich kann nicht anders. Mozart zum Beispiel ist immer Oper. Die Türken kommen, der dicke kleine Diplomat aus Wien will vermitteln… Die Partitur ist nicht heilig, das Geschriebene immer ein Kompromiss. Selbst bei der Bibel oder beim Koran gibt es Kriege über ihre Auslegung. Es ist eine unmenschliche Lüge zu sagen, es gibt nur die eine richtige Interpretation. Da war dieser Pianist, Carl Reinecke, …

… 33 Jahre nach Mozart geboren …
… sein Mozartspiel ist auf Klavierrollen festgehalten, man kann es sich auf YouTube anhören. Hält er sich, als Fast-Noch-Zeitgenosse, an den Notentext? Nein, er spielt ganz frei. Nichts ist zusammen, eine Art Parlando voller Arpeggien und Rubati, wie improvisiert. Wir dagegen machen aus den Stücken abrasierte Kaninchen, die alle aus der gleichen Zucht stammen. Wenn jemand nicht die angeblich einzig gültige Version spielt, heißt es, dass der Komponist sich im Grab rumdreht. Hoffentlich dreht er sich mal rum!

Wie nähern Sie sich einem Werk?

Ich versuche, mich vollkommen darin aufzulösen. Die Stanislawski-Methode: Der Schauspieler spielt nicht eine Lampe, er wird eine Lampe. Genauso werde ich die Musik. Dann bitte ich meinen Mann, alles über das Werk zu lesen, ich schaffe das selber aus Zeitgründen nicht. Er erzählt mir, welche biografischen oder musikhistorischen Lesarten es gibt, und ich mache mir daraus eine Landkarte, mit Wegweisern. Sibelius, zum Beispiel, den ich im Juni spiele, das ist ein ganz bestimmter Wind, das surreale Licht des Nordens, die Kälte Finnlands. Nur was ich auf der Reise dorthin erlebe und wem ich begegne, das weiß ich vorher nicht.

Und wie kommen biografische Hinweise ins Spiel?

Ich trat kürzlich in Göteborg auf, da erzählte mir der Konzertmeister, dass dieses traditionsreiche Orchester noch von Sibelius persönlich dirigiert worden war. Als der Komponist einmal betrunken ein Konzert leitete, klopfte er plötzlich ab, weil er vergessen hatte, dass es keine Probe ist. Seiner Frau war das schrecklich peinlich. Dabei ist es eine gute Idee, einfach mal zu unterbrechen. Der Schweizer Geiger Hansheinz Schneeberger hat das bei Bartók gemacht. Er fing an, unterbrach die Solo-Sonate nach ein paar Minuten, weil er es nicht gut fand und fing noch mal an. Die Leute lieben ihn.

Haben Sie Verbündete bei Ihrem Kampf fürs Zeitgenössische?

Der Dirigent Teodor Currentzis ist einer davon, auch der finnische Geiger Pekka Kuusisto oder die Sängerin Barbara Hannigan. Es werden immer mehr. Schön wäre es auch, wenn wir mehr Musikkritiker auf unserer Seite hätten. Das dünkt mich oft blöd, wie der Schweizer sagt: Da wird in einer Stadt wie Berlin, ich weiß nicht wie oft im Jahr, Tschaikowskys Violinkonzert gespielt, und was machen die Journalisten? Sie gucken, ob es „richtig“ klingt und die Bogenführung stimmt. Mein Mann ist Neurologe, der sagt, wenn ich lange eine Hand auf die andere lege, ohne sie zu bewegen, spüre ich die Hände nicht mehr. Die Kunst muss dich bewegen, sonst erstarren wir.

Warum steckt die Wahrheit der Musik für Sie eher im Extrem?

Weil Wahrheit immer unbequem ist. Sie liegt nicht in der Mitte. Nehmen wir das Tschaikowsky-Violinkonzert, den zweiten Satz, die Canzonetta. Darin ist ein französisches Volkslied versteckt, mit dem Text „Wo seid ihr hin, meine schönen Liebeleien?“ Tschaikowsky schrieb an seine Freundin Nadeshda von Meck von „geheimnisvollen, verschleierten Stimmen“. Es geht also nicht um den schönen Ton, sondern um etwas sehr Zerbrechliches, um einen Schatten, fast unsichtbar. Also spiele ich das beinahe tonlos. Und die Leute, die das Stück auswendig mitsingen können, hören plötzlich wieder zu.

Nach dem Motto: Setze mich in Erstaunen?

Ja, der Satz stammt von Sergej Diaghilew. Das waren überhaupt spannende Zeiten. Jedes Ballett von Diaghilew, jedes neue Stück von Strawinsky war eine Sensation. Schönberg, Busoni, man hat sich gestritten, geschlagen. Und wir? Machen Hofknickse vor den revolutionären Stücken.

Sie haben mal gesagt, ich bin ein Migrantenkind, ich spiele überall. Gibt es trotzdem einen Lieblingssaal?

Das ist, wie wenn man einen Priester fragt, wo die Messe wichtiger ist, in einer Kathedrale, im Gefängnis oder auf dem Marktplatz. Sie ist überall gleich wichtig. Wenn die Akustik besonders gut ist, um so schöner. Doch ich bemühe mich in der Philharmonie genauso, wie wenn ich irgendwo für ein paar Kühe auftrete.

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja ist bekannt für ihre Lust am Experimentieren und ihr unkonventionelles Auftreten.
Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja ist bekannt für ihre Lust am Experimentieren und ihr unkonventionelles Auftreten.Foto: Marco Borggreve

Sie kommen aus Moldawien, Ihr Vater spielt das Cimbalom, Ihre Mutter ist Geigerin, die Familie ging nach Wien, als Sie zwölf waren. Wie viel Moldawien steckt in Ihnen?

Meine Großmutter hat Teppiche gewebt und gesungen, ihre Lieder haben mich geprägt. Der Singsang des orthodoxen Priesters in der Kirche – bis heute ist Sprache für mich immer auch Melodie. Dazu die Volksmusik, die meine Eltern gespielt haben. Vor allem stecken meine Großeltern in mir.

Inwiefern?

Sie mussten so viele Regime überstehen. Die Rumänen kamen, die kollaborierten mit den Nazis, dann kamen die Russen, die führten Krieg gegen die Nazis. Mein Großvater sagte, er habe deshalb besonders gut schießen gelernt, weil er niemanden töten wollte: Er musste sehr gut daneben schießen können. Oder diese Kriegsgeschichte, die irgendwo in Polen spielt. Hier die Deutschen, da die Russen mit meinem moldawischen Großvater, alle verlumpt und zerlaust, dazwischen ein Weinkeller. Mein Großvater ging Wein stehlen und traf dort einen Deutschen, der das Gleiche tat. Die beiden im Keller, ein wortloser Blickwechsel, jeder nahm eine Flasche und ging. Das war für ihn der Krieg.

Moldawien galt lange als das Armenhaus Europas.

Als die Russen die großen Kolchosen einrichteten, hörten die Leute auf, sich verantwortlich zu fühlen. Trotzdem sammelten meine Großeltern mit ihren Freunden jedes Mal Geld für einen Brunnen, wenn sie erfuhren, dass es in einem Dorf kein Wasser gab. Mein Großvater überbrachte das Geld dann, heute nennt man es Crowdfunding. Dieses alte Moldawien ist in mir drin.

Zur Flüchtlingsdebatte in Europa: Was würden Sie den Politikern raten?

Dass Herz und Vernunft ausbalanciert sein müssen. Wir wurden damals gerettet, uns wurde geholfen, ich habe Stipendien bekommen. Wie kann ich etwas zurückgeben? Meine Identität wird mir ja nicht gestohlen, wenn ich dankbar bin. Ich lebe in der Schweiz, sie ist mein Paradies, mein Zuhause, hier kann ich mich konzentrieren, üben, mich ausruhen. Erst vor ein paar Monaten habe ich die Schweizer Staatsbürgerschaft bekommen, und ich denke, es ist richtig, dass sie einen ausführlich befragen und röntgen. Als Migrantenkind in Wien habe ich gelernt, nichts ist geschenkt.

Stimmt es, dass niemand Ihre Geige anfassen darf?

Nur Menschen, die mir sehr nahe stehen. Jede Materie besteht aus Frequenzen. Ich verstehe davon nichts, aber wissenschaftlich gesehen gibt es keine klare Abgrenzung zwischen Objekt und Nicht-Objekt, Klang und Instrument. Meine Geige ist aufgeladen vor dem Konzert. Wenn jemand sie anfasst, verändert sich ihre Aura, dann ist zu viel los bei ihr. Die Aura erstreckt sich auch auf mein Konzertkleid. Man lässt sich ja auch nicht gern von fremden Menschen anfassen.

Hat sich die Beziehung zu Ihrer Geige, einer Pressenda von 1834, mit der Zeit verändert?

Sie hat eine Schwester bekommen, diese Gagliano hier, noch älter, mit Darmsaiten und empfindlicher Intonation. Aber die Pressenda ist nicht eifersüchtig. Die Familie wird immer größer, ich habe jetzt auch drei verschiedene Bögen. Ich probiere viel aus, es ist wie neue Vokabeln lernen. Sogar eine Rebec habe ich bestellt, ein Renaissance-Instrument mit nur drei Saiten, es klingt exotisch.

Sie spielen immer barfuß und mit Noten. Wann haben Sie gemerkt, dass es so für Sie am besten ist?

Als ich meine Konzertschuhe mal vergessen hatte, da war ich schon Ende 20! Ich merkte auch, dass das Auswendigspielen mich stresst. Ständig muss ich aufpassen, dass ich nichts vergesse. Mit Noten kann ich viel freier spielen.

Und hören Sie Musik auch mal nebenher, unterwegs oder beim Kochen?

Jede Musik, mit der ich mich beschäftige, frisst sich in mich hinein. Ich erkranke regelrecht an diesen Stücken und werde das Virus nicht mehr los. Deshalb muss ich aufpassen, dass ich nicht zu viel Musik höre.

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