„Berghain ist mir zu uniform geworden“

Seite 3 von 3
Volksbühnen-Schauspieler Alexander Scheer : „Ich will das Biest reiten“
Alexander Scheer als Edmund Kean 2008 in der Volksbühne.
Alexander Scheer als Edmund Kean 2008 in der Volksbühne.Foto: imago/Drama-Berlin.de

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Mal im Technoclub?

Ich mochte die Musik erst überhaupt nicht. Die zwei Rhythmusmaschinen, es klang alles gleich. Mich faszinierte aber die freie Form. Ein Akkord, kein Refrain, es mäandert minutenlang, dann kickt wieder die Bassdrum. Es war die Zeit, als Berlin die freieste Stadt des Planeten war. Du steigst in eine Klappe auf der Torstraße und landest in einem Club auf einem Geisterbahnhof. Da musst du dir Moves einfallen lassen, musikalisch war das ja eintönig. Ekstase durch Monotonie. Mich hat dieses nächtelange Tanzen körperlich befreit, diese Lust am Feiern. Natürlich mischte sich die eine oder andere Substanz dazu.

Sie haben Ecstasy-Pillen eingeworfen.

Das war nicht das Erste. Man hat angefangen zu rauchen, damit man kiffen kann. Und die erste E, ja, sensationell.

Sie sagen selbst von sich, Sie seien suchtaffin.

Na ja, Ost-Berlin damals, brauchen wir nicht drüber reden. Gefährlich wurde es 1996, als „Trainspotting“ in die Kinos kam. Da hatten wir alles durchprobiert, im großen Stil kam Heroin wieder in die Stadt. Gott sei Dank war ich da schon raus, weil ich bereits am Off-Theater spielte. Aber sonst, die 90er Jahre, hallo?

Der Filmemacher Andreas Dresen, der mit Ihnen „Gundermann“ gedreht hat, ist bei einem Begriff wie „Ost-Identität“ skeptisch. Was denken Sie?

Ich bin in zwei Staaten aufgewachsen und hege zu keinem ein Heimatgefühl. Ich habe Kindheitserinnerungen an ein Land, das DDR hieß. Und ich suche immer nach meinen Wurzeln. Ist doch klar, der Osten war vorbei, und plötzlich soll alles ganz anders gewesen sein. Die Hälfte der Lehrer, die noch unterrichten durften, weil sie nicht bei der Stasi waren, mussten uns den ganzen Quark noch mal andersrum erzählen.

Haben Sie die Jugendweihe trotzdem mitgemacht?

Die letzte in der DDR, Frühjahr 1990, im Kongresszentrum am Alexanderplatz, Karat spielte die Musik. Meine Mama meinte: Ist doch ein schönes Jackett. Die Ärmel hingen mir bis hier, wir hatten das Ding drei Jahre vorher gekauft. Nach der Wende waren alle überfordert, besonders die Eltern. Als ich nach der elften Klasse die Schule schmiss, meinten sie: „Wir wissen auch nicht, wo es gerade langgeht. Finde raus, was du willst, und geh deinen Weg.“ Ich habe meinen Führerschein gemacht und ausgeschlafen. Um 14 Uhr drehte ich mit dem Trabi meine Runden und holte meine Kumpels von der Schule ab. Abends bin ich ins Kino gerannt, drei Mal die Woche. New Hollywood, Nouvelle Vague, die Klassiker von Lang und Murnau, Western von John Ford.

Sie fummeln die ganze Zeit an Ihrer Kette rum. Auch im Film kämpfen Sie öfter mit den Dingen. In „Viktor Vogel“ mit der Kaffeemaschine, in „Sonnenallee“ öffnen Sie dem Mädchen die Tür ...

... als gerade das Asthmakraut reinknallt. Gibt es ein Adjektiv für Slapstick? Ich habe vielleicht ein Talent dafür, weil ich als Junge die Stummfilme liebte, die Akrobatik eines Buster Keaton.

Konnten Sie schon in der Schule nicht stillsitzen, oder kam das erst nach den Drogen?

Ganz schön frech! Meine Mutter meint, nach meiner Geburt hätte ich nicht geschrien, sondern gleich erzählt. Es stimmt, wenn ich rede, kann ich nicht stillsitzen. Disziplin habe ich am Theater gelernt. Ich pauke zu Hause Texte, während andere in die Kneipe gehen.

Und am Wochenende ab ins Berghain.

Ist mir zu uniform geworden: die Girls in Netzstrümpfen und Bikini, die Boys oben ohne mit schwarzer Badehose. Neulich war ich wieder da, trug Weste und Hut, der Barmann gab mir gleich einen aus, weil der einen knallgelben Stretch-Irgendwas anhatte und wir uns daran erinnerten, wie früher die Individualität gefeiert wurde.

Erkennen Sie Ihren Spielplatz Berlin-Mitte noch?

Ich hab in vielen Städten gewohnt, gelebt hab ich nur in einer. Mein Blick auf Berlin wird immer ein zärtlicher bleiben. Du sitzt in der Straßenbahn, plötzlich siehst du die Punks wieder, auf der Kastanienallee neben dem Prater, das Haus war schwarz, ein fauler Zahn. Dann überblendet das Bild, du bist zurück im Heute, am Soho House in der Torstraße. Und du denkst, die einzigen Ostler da drin sind die Jungs, die in der Küche arbeiten.