Was Exit-Strategien für Risikogruppen bedeuten : Die Angst vor der nächsten Stigmatisierung

Wer krank ist, muss sich ohnehin immer schützen - und sich Anderen gegenüber offenbaren. Die Corona-Krise verdoppelt diese Ausgrenzungen noch. Ein Gastbeitrag.

Franziska Krause
Chronisch Kranke leben mit dauernden Einschränkungen. Jetzt betrifft das die Gesellschaft als Ganzes. Vielleicht führt das zu mehr Empathie, hofft unsere Autorin.
Chronisch Kranke leben mit dauernden Einschränkungen. Jetzt betrifft das die Gesellschaft als Ganzes. Vielleicht führt das zu mehr...Foto: imago images/Sabine Gudath

Der Umgang mit dem Coronavirus bestimmt aktuell unser gesamtes Leben. Privat und öffentlich wird diskutiert, welche Maßnahmen zur Eindämmung der Infizierungswelle nötig sind, um den Zeitpunkt immer weiter herauszuzögern, an dem unser Gesundheitssystem einer möglichen außerordentlichen Belastung nicht mehr standhält. Gleichzeitig wird fast genauso viel darüber diskutiert, wann diese Maßnahmen enden können und ein Alltag wieder einsetzen kann.

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Die gesamte Gesellschaft erlebt gerade eine mit wenig anderen Situationen vergleichbare Vulnerabilität. Eine Vielzahl von Menschen dürfte dadurch das erste Mal erfahren, was es bedeutet, wegen eines übergeordneten Grunds auf Lebensqualität und ganz alltägliche Ding verzichten zu müssen. 

In der Coronakrise sind viele Menschen mit einem Kontrollverlust ungewohnten Ausmaßes sowie der eigenen Verletzlichkeit und der ihnen nahestehender Menschen konfrontiert. Aber neben ihnen es gibt auch Menschen, deren Normalität lange vor dem Coronavirus schon daraus bestand, sich damit auseinanderzusetzen, wie Alltag in einer Realität aussieht, die nicht ohne Verzicht, Anstrengung und Schutzmaßnahmen möglich ist.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Verletzbarkeit 

Für sie ist an der derzeitigen Lage besonders, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Verletzbarkeit jetzt eine kollektive Aufgabe ist. Nicht nur kann es alle treffen, denn das Virus ist noch zu neu, um genau zu wissen, für wen die Erkrankung mit Covid-19 kritisch oder gar tödlich wird. 

Es sind zudem aktuell alle Menschen aufgerufen, den Schutzmaßnahmen zu folgen, da man auch ohne Symptome trotzdem Überträger*in sein kann. Gerade das ist für viele Menschen neu und eine Ausnahmesituation. Für Menschen aus den sogenannten Risikogruppen sind diese Erfahrungen dagegen Alltag – und ihre Anstrengungen blieben bis jetzt zum größten Teil unsichtbar. Das gilt besonders für Menschen, die nicht den klassischen Vorstellungen von einer Risikogruppe entsprechen.

Als 23-Jährige erhielt ich die Diagnose Hodgkin-Lymphom, eine Art Lymphdrüsenkrebs. Die Behandlung und deren Nachwirkungen begleiten mich heute, sieben Jahre später, mal mehr, mal weniger immer noch. Vor allem die frühe existenzielle Erfahrung mit einer Krankheit und dem möglichen Tod. Die Erkenntnis, dass jung und Krebs oft nicht zusammengedacht werden und (gesundheits-)politisch wenig Aufmerksamkeit erhalten, hat mich motiviert, mich für die besonderen Belange von jungen Erwachsenen mit Krebs zu engagieren.

Was ist mit den jungen Kranken?

Für mich ist es wichtig, über meine Erfahrungen, die besonderen Herausforderungen und Probleme zu sprechen, die eine systemische Erkrankung als junger Mensch auch für das Leben danach bedeuten. Aus diesem Grund beschäftigt mich die aktuelle Debatte über die Corona-Exitstrategien sehr. 

Ein dabei viel diskutiertes Szenario würde vorsehen, dass möglichst viele Menschen in ihren Alltag und zu ihrer Arbeit zurückkehren, um so eine drohende Rezession zu verhindern. Risikogruppen sollen dabei weiterhin isoliert bleiben. Diesem Szenario liegt die implizite Annahme zugrunde, dass die Risikogruppe in erster Linie alte Menschen umfasst.

Junge Menschen sind demnach generell eher ungefährdet. Diese Exitstrategie hätte für sie darum vor allem eins zur Folge: Sie würden als ohnehin marginalisierte Gruppen abermals markiert. Das potenziert nicht nur Isolation und Vereinsamung, sondern es vergrößert sich auch das Stigma, mit dem junge Risikogruppen wegen ihrer (Vor-)Erkrankungen bereits besetzt sind. Es zwingt Menschen dazu, sich zu offenbaren. 

Isolation schafft zusätzliche Barrieren

Junge Menschen in Risikogruppen sind auch schon vorher häufig mit der Annahme konfrontiert, dass ihre (Arbeits-)Kraft geschwächt sei und sie weniger leisten könnten. Eine erzwungene Thematisierung der eigenen Biografie vergrößert bereits vorhandene, oft existenzielle Sorgen um soziale und wirtschaftliche Teilhabe. Eine verordnete Isolation schafft also zusätzliche Barrieren in einem eh schon von Ausschluss geprägten Alltag.

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Der Impuls, so schnell wie möglich zumindest einen Plan für das Ende der Krise zu haben, ist verständlich. Diese Ausnahmesituation ist für alle eine Belastung, von der kein Mensch vorhersagen kann, wie lange sie anhält. Gerade mit Blick darauf, dass sich in einer Krise die Gefährdungslage von vulnerablen Menschen verschärft, müssen wir die Krise und den Umgang mit ihr ganzheitlich und mit Rücksicht auf verschiedene diskriminierte Gruppen denken. 

Das verdoppelte Stigma

Denn eins steht fest: Diskussionen um Exitstrategien machen Menschen, die nicht Teil dieses Ausstiegs sein können, Angst. Sie verdoppeln das Stigma, denn für viele ist der Zustand des konstanten Aufpassens und der Vorsichtsmaßnahmen Normalität, aus der sie nicht mal eben aussteigen können.

Vielleicht könnten wir dieses kollektive Gefühl von Unsicherheit noch ein wenig aushalten, um diese neue gesamtgesellschaftliche Selbsterfahrung von Vulnerabilität für mehr Empathie und Solidarität zu nutzen, zu vervielfachen und zu stärken, damit sich nach dieser Krise die Lebensrealitäten aller verbessern – und wir nicht einfach weitermachen wie zuvor. Ich wünsche mir mehr kollektive Achtsamkeit. Lasst die Risikogruppen nicht allein.

Franziska Krause ist im Hauptberuf als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundestag tätig. Außerdem arbeitet sie ehrenamtlich für die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs.