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Dänische Minister in den USA: Heute könnte sich im Weißen Haus Grönlands Zukunft entscheiden
In Washington wird heute mit dem US-Vizepräsidenten JD Vance Grönlands Zukunft ausgehandelt. Experten sehen derweil keine Beweise für die von den USA beschworene Gefahr in der Arktis.
Stand:
Einen Tag bevor sich Grönlands Zukunft entscheiden könnte, setzt das Königreich Dänemark auf Einigkeit. „Seit mehr als einem Jahr müssen wir mit einer ungewohnten Situation umgehen – das haben wir gemeinsam getan“, sagte die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen am Dienstagnachmittag bei einer Pressekonferenz in Kopenhagen.
Neben ihr stand Grönlands Regierungschef Jens-Frederik Nielsen. Müde wirkte er und sichtlich gezeichnet von den zurückliegenden Tagen. Zuletzt sorgten beide Länder mit öffentlichen Diskussionen für Schlagzeilen. Keine 24 Stunden ehe sich der Außenminister und die Außenministerin beider Länder, Lars Løkke Rasmussen und Vivian Motzfeldt, in Washington mit ihrem US-Kollegen Marco Rubio treffen, wollte man offensichtlich eine andere Botschaft über den Atlantik senden.
„Wir kommen zusammen, wir bleiben zusammen und wir gehen gemeinsam voran“, sagte Frederiksen und machte zugleich deutlich, wie wenig Illusionen sie sich ob der imperialistischen Großmachtsfantasien der USA macht. „Vieles deutet darauf hin, dass das Schwierigste noch vor uns liegt.“

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Treffen im Weißen Haus
Kurzfristig ist am Dienstag zudem bekannt geworden, dass die Delegation aus Dänemark und Grönland am Mittwoch nicht nur mit US-Außenminister Rubio sprechen wird – Vizepräsident JD Vance wird das Treffen sogar im Weißen Haus ausrichten.
Für Nuuk und Kopenhagen sind das kaum beruhigende Neuigkeiten.
Neben US-Präsident Donald Trump gehört der 41 Jahre alte Republikaner zu einem der lautesten Kritiker Dänemarks in der US-Regierung. Im März vergangenen Jahres besuchte er den amerikanischen Militärstützpunkt Pituffik im Nordwesten Grönlands, der damalige Regierungschef Múte B. Egede bezeichnete das als „höchst aggressives“ Verhalten.

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Ähnlich wie Trump hat Vance Kopenhagen in den vergangenen Monaten wiederholt dafür kritisiert, nicht ausreichend in die Sicherheit der Nordatlantikinsel zu investieren.
„Die Tatsache, dass Vizepräsident JD Vance das Treffen im Weißen Haus ausrichtet, erhöht dessen Bedeutung“, sagt der dänische Historiker Rasmus Sinding Søndergaard vom Dänischen Institut für Internationale Studien dem Tagesspiegel. „Es macht das Treffen auch unvorhersehbarer, da Vance eine sehr kritische Haltung gegenüber der Rolle Dänemarks in Grönland einnimmt und im Vergleich zu Außenminister Marco Rubio einen weniger diplomatischen Stil pflegt.“
Obwohl Dänemark im Herbst Investitionen von vier Milliarden US-Dollar für die Sicherheit im Nordatlantik angekündigt hat, behaupten sowohl JD Vance als auch US-Präsident Donald Trump immer wieder, dass Kopenhagen seiner sicherheitspolitischen Verantwortung auf der Nordatlantikinsel kaum gerecht werde. Erst am Wochenende sagte der US-Präsident an Bord der Air Force One, dass das skandinavische Königreich Grönland mit nicht mehr als zwei Hundeschlitten verteidigen würde.
„Wenn wir Grönland nicht einnehmen, werden es Russland oder China tun, und das werde ich nicht zulassen“, sagte Donald Trump am Sonntag. Bereits zuvor hat der 79-Jährige ohne jegliche Beweise immer wieder behauptet, dass die Nordatlantikinsel von „chinesischen und russischen Schiffen umstellt“ sei.
Meines Wissens gab es noch nie ein Schiff der chinesischen Marine in der Arktis – mit Ausnahme des nördlichen Teils des Beringmeers.
Karsten Friis, Norwegisches Institut für Auswärtige Angelegenheiten
Doch sowohl nordische Regierungen als auch Forscher aus Dänemark und Norwegen weisen diese Aussagen immer wieder als falsch zurück. Auch auf öffentlich einsehbaren Ortungsdiensten wie Vessel Finder sind in der Grönlandsee kaum Schiffe zu sehen. „Umzingelt“ ist die Nordatlantikinsel dagegen von einigen Fischkuttern, auch das kaum in bemerkenswerter Größenordnung.
„Die angebliche Bedrohung Grönlands durch China und Russland ist, gelinde gesagt, stark übertrieben“, sagt Karsten Friis dem Tagesspiegel. Am Norwegischen Institut für Auswärtige Angelegenheiten forscht er unter anderem zur Sicherheitspolitik in der Arktis. „Meines Wissens gab es noch nie ein Schiff der chinesischen Marine in der Arktis – mit Ausnahme des nördlichen Teils des Beringmeers.“
Und das liegt kaum in der Nähe der größten Insel der Welt: Das Randmeer des Pazifiks liegt zwischen Russland und dem US-Bundesstaat Alaska – und knapp 6000 Kilometer Luftlinie von der grönländischen Hauptstadt Nuuk entfernt. Weiterhin gibt es in den Sommermonaten Friis zufolge Eisbrecher in der Arktis, die aber alle bei der chinesischen Marine registriert seien. Seit Jahren investiert China in seine Eisbrecher-Flotte, ebenso wie Russland, während die USA mit drei, teils sehr veralteten Spezialschiffen abgeschlagen sind.
China wurde zurückgedrängt
Das chinesische Interesse am nördlichen Polarmeer reicht fast 20 Jahre zurück, als die Führung begann, die diplomatischen Beziehungen zu den acht Ländern, die daran grenzen, auszubauen und sich dort mit zahlreichen wissenschaftlichen Expeditionen zu engagieren. Auf dieser Grundlage erreichte das größte Land Ostasiens im Jahr 2013, als ständiger Beobachter in den Arktischen Rat aufgenommen zu werden, wo es vor allem um Klima und Forschung geht.
2018 überraschte die Volksrepublik mit einem Weißbuch, in dem sie sich als „arktisnahen Staat“ definiert, der von den Folgen der Eisschmelze direkt betroffen wäre. Tatsächlich geht es Partei- und Staatschef Xi Jinping dabei auch um wirtschaftliche Vorteile: Chinas „Polare Seidenstraße“ führt westlich an Grönland vorbei – dort, wo Bodenschätze vermutet werden.

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Zugleich wurden in Grönland in den vergangenen Jahren regelmäßig Kooperationsangebote aus Peking abgewiesen, nicht selten durch US-amerikanischen Druck. Drei Flughäfen dort wollte etwa das chinesische Staatsunternehmen China Communications Construction Company vor acht Jahren bauen oder erweitern. Während Grönlands Regierung auf einen Touristenboom und wirtschaftlichen Aufschwung hoffte, warnten China-Experten vor einer zu großen Abhängigkeit und einem möglichen Druckpotenzial in politischen Bereichen.
Schließlich übernahm Kopenhagen die Kosten, Peking zog sich zurück. Auch ein grönländisch-chinesisches Wissenschaftsprojekt wurde der Tageszeitung „Politiken“ zufolge nach anfänglichem Interesse auf Eis gelegt, auch hier soll Kopenhagen interveniert haben – die Angst vor einer möglichen Dual-Use-Nutzung und Forschung für militärische Zwecke sei zu groß gewesen.
Auch Russland nicht vor Grönland aktiv
„Was Russland betrifft, so gibt es offensichtlich militärische Aktivitäten rund um die Barentssee und die Norwegische See, da die auf der Kola-Halbinsel stationierte Nordflotte für die nukleare Abschreckung Russlands nach wie vor von entscheidender Bedeutung ist“, sagt Karsten Friis. Doch seit Beginn des Ukrainekrieges 2022 habe man auch dort keine Zunahme dieser Aktivitäten entdeckt.
Grönland will nicht von den USA beherrscht werden. Grönland will nicht von den USA regiert werden.
Jens-Frederik Nielsen, Grönlands Regierungschef
Dennoch können Russlands strategische U-Boote weite Strecken zurücklegen. „Wir müssen also davon ausgehen, dass diese manchmal die sogenannte Grönland-Island-Großbritannien-Lücke (GIUK) passieren“, sagt Karsten Friis. „Das kann jedoch nicht sehr oft vorkommen. Meines Wissens gab es in den vergangenen Jahren keine russischen Überwasserschiffe in der Nähe Grönlands.“

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Ähnlich äußern sich auch nordische Diplomaten mit Zugang zu Geheimdienstdokumenten. „Es ist einfach nicht wahr, dass die Chinesen und Russen dort sind. Ich habe die Geheimdienstberichte gesehen. Es gibt keine Schiffe, keine U-Boote“, sagte ein hochrangiger Diplomat der „Financial Times“.
Wenige Stunden vor dem Treffen in Washington machte Grönlands Regierungschef seinen Standpunkt ohnehin noch einmal deutlich. „Eines muss allen klar sein: Grönland will nicht von den USA beherrscht werden. Grönland will nicht von den USA regiert werden“, sagte Jens-Frederik Nielsen am Dienstagnachmittag in Kopenhagen. Ziel sei vielmehr ein friedlicher Dialog mit Fokus auf Zusammenarbeit. „In Grönland befinden wir uns im Auge des Sturms. Die grönländische Bevölkerung ist diesem Druck schon seit längerer Zeit ausgesetzt. Aber es geht auch um die Weltordnung, wie wir sie kennen.“
Am Mittwoch wird sich zeigen, ob sich die US-Regierung davon beeindrucken lässt.
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