
© AFP/Oliver Contreras
Umarmungen und Zigarette danach: So lief das Grönland-Krisengespräch in Washington
Das Treffen zwischen Grönland, Dänemark und den USA am Mittwoch im Weißen Haus dauerte länger als gedacht. Es gebe weiterhin „grundlegende Meinungsverschiedenheiten“ – und doch lag Erleichterung in der Luft.
Stand:
Für Donald Trump gibt es eigentlich nichts mehr zu diskutieren. „Alles andere“ als die Kontrolle Grönlands durch die Vereinigten Staaten sei „inakzeptabel“, schrieb der 79 Jahre alte US-Präsident am Mittwochmorgen (Ortszeit) auf seinem eigenen sozialen Medium Truth Social.
Damit machte der mächtigste Mann der Welt Stunden vor einem historischen Treffen zwischen Dänemark, Grönland und den USA erneut deutlich, wie er auf die Debatte um die knapp 60.000 Einwohner große Nordatlantikinsel blickt.
Die Regierungen in Kopenhagen und Nuuk reisten dagegen mit der zaghaften Hoffnung auf Entspannung nach Washington – machten aber aus ihrer Position keinen Hehl. „Wenn wir zwischen den USA und Dänemark wählen müssen, dann wählen wir Dänemark“, sagte Grönlands Regierungschef Jens-Frederik Nielsen am Dienstag bei einer Pressekonferenz mit der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen.
Dänemarks „stärkstes Team“ in den USA
All das interessiert Donald Trump jedoch herzlich wenig. „Ich bin anderer Meinung als er“, sagt der US-Präsident in einer ersten Reaktion am Dienstag. Über den Regierungschef der Insel, die Trump seit 2019 „kaufen“ will, weiß der Republikaner eigenen Angaben zufolge ohnehin nichts.
Seit Wochen verschärfen die Vereinigten Staaten ihren Ton gegen den einstigen engen Nato-Verbündeten Dänemark und behaupten, die größte Insel der Welt für die eigene Sicherheit zu brauchen. Zumindest rhetorisch schreckt die Trump-Regierung auch vor militärischen Schritten nicht zurück.
„Es ist ein Treffen, bei dem man das Gefühl hat, dass die eigene Zukunft sehr weit weg entschieden wird“, sagte Cecilie Kallestrup dem Dänischen Rundfunk aus Nuuk vor der Zusammenkunft in Washington.

© Imago/Mads Claus Rasmussen
Doch nicht nur für Grönland und Dänemark, auch für das größte Militärbündnis der Welt steht in diesen Tagen viel auf dem Spiel: „Ich sage es ganz direkt: Wenn die USA ein anderes Nato-Land angreifen, dann war’s das“, sagte die dänische Ministerpräsidentin Frederiksen Anfang Januar. „Dann ist es vorbei mit der Weltordnung, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufgebaut worden ist.“
Bei dem Treffen in Washington ging es an diesem Mittwoch aber nicht nur um Deeskalation, sondern auch um eine Normalisierung der Zusammenarbeit Dänemarks und Grönlands mit den USA. Zumindest in einem öffentlichen Fiasko ist das einstündige Meeting nicht geendet. Für die Nordeuropäer ist bereits das ein diplomatischer Erfolg.
Nur Stunden nach Trumps Drohung auf Truth Social empfingen US-Vizepräsident JD Vance und US-Außenminister Marco Rubio die Delegation aus Europa im Eisenhower Executive Office Building unweit des Weißen Hauses. Mit Vivan Motzfeldt und Lars Løkke Rasmussen, Rubios Amtskollegen aus Grönland und Dänemark, schickte das skandinavische „Königreich sein stärkstes Team“, wie die dänische US-Botschaft auf dem sozialen Kurznachrichtendienst X mitteilte.
Empfohlener redaktioneller Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.
Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können.
Für beide war es die wohl bislang größte Prüfung ihrer politischen Karrieren.
Die 53 Jahre alte Vivian Motzfeldt aus Grönland gilt als Frau, die sich selten einschüchtern lässt. Auch vor Autoritäten schrecke sie nicht zurück, immer wieder kämpfte sie in der Vergangenheit auch gegen ihre heutigen Verbündeten aus Kopenhagen. Die Unabhängigkeit Grönlands ist ihr großes politisches Ziel.
Dänemarks Außenminister versteht sich gut mit Trump
Das rückt in diesen Tagen in immer weitere Ferne, immer wieder betonte die Sozialdemokratin in den vergangenen Wochen die Einheit mit Dänemark, sprach mehr über Zusammenarbeit als über Spaltung. Einer engeren Kooperation mit den USA ist sie dennoch nicht abgeneigt. „Wenn sie eine engere Zusammenarbeit mit Grönland wollen, brauchen wir aber eine völlig andere Rhetorik“, sagte sie im Vorfeld. Bei dem Treffen am Mittwoch wird sie als einzige Frau am Verhandlungstisch sitzen.

© Reuters/Mads Claus Rasmussen
Auf deutlich mehr internationale Erfahrung blickt dagegen ihr dänischer Amtskollege Lars Løkke Rasmussen zurück.
Bis 2019 war der heute 61-Jährige Ministerpräsident in Kopenhagen – und kennt Donald Trump daher noch aus dessen erster Amtszeit. Für Aufmerksamkeit in Dänemark sorgte ein Treffen beider Regierungschefs 2017 im Weißen Haus, beide Männer schienen sich blendend zu verstehen, und überschlugen sich später mit gegenseitigen Lobpreisungen. Auch Trumps berüchtigte Handschlag-Strategie bestand Løkke ohne peinlichen Moment und bescheinigte dem US-Präsidenten damals, ein „umgänglicher Mensch“ zu sein, der offen für Vorschläge sei.

© AFP/Brendan Smialowski
Vielleicht baute Løkke auch auf diese gemeinsame Geschichte am Mittwoch auf. Das Treffen dauerte länger als ursprünglich geplant, dänische Medien berichten über eine „Erleichterung“ der Teilnehmenden. Auch Umarmungen soll es gegeben haben.
In einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Vivian Motzfeldt mehr als eineinhalb Stunden später wirkte Løkke dann deutlich beherrschter als seine Kollegin aus Nuuk – die Stirn der 53-Jährigen Motzfeldt zeichneten vor allem Sorgenfalten.
Wir arbeiten seit 225 Jahren mit den USA zusammen. Deshalb halten wir es für sinnvoll, die Sicherheitsbedenken des Präsidenten in der Arktis auf hoher Ebene zu betrachten.
Lars Løkke Rasmussen
„Wir haben eine ehrliche Diskussion über die Perspektive für Grönland geführt“, sagte Dänemarks Außenminister auf Englisch. Man sei nach Washington gekommen, um mit den USA über die Sicherheit in der Arktis zu sprechen. Das Treffen mit JD Vance und Marco Rubio ist für Løkke „eine ehrliche Diskussion unter gleichberechtigten Partnern“ gewesen. Die Perspektiven beider Länder bleiben jedoch sehr unterschiedlich. „Wir haben weiterhin grundlegende Meinungsverschiedenheiten. Aber wir sind uns einig, dass wir uns uneinig sind.“
Bilaterale Arbeitsgruppe wird gebildet
Um die in den kommenden Wochen besser auszuräumen, soll nun eine Arbeitsgruppe zwischen den Vereinigten Staaten und dem skandinavischen Königreich eingerichtet werden. „Wir arbeiten seit 225 Jahren mit den USA zusammen. Deshalb halten wir es für sinnvoll, die Sicherheitsbedenken des Präsidenten in der Arktis auf hoher Ebene zu betrachten, ohne die Grenzen Dänemarks und Grönlands zu überschreiten“, sagt Løkke.

© AFP/Oliver Contreras
Vivian Motzfeldt sprach nur kurz – und richtete sich auf Grönländisch vor allem an ihre „lieben Landsleute“ in der Heimat. „Ich weiß, dass Sie alle hinter mir stehen, und obwohl es für uns alle ein aufregender Tag war, kann ich sagen, dass das Treffen gut verlaufen ist. Die Gespräche basierten auf gegenseitigem Respekt. Wir sind uns einig, dass wir in unseren zukünftigen Aktivitäten zukunftsorientiert handeln müssen“, sagte sie der grönländischen Tageszeitung „Sermitsiaq“ zufolge. Und betonte später, dass beide Länder Verbündete seien. „Das bedeutet aber nicht, dass wir uns den Vereinigten Staaten unterordnen wollen.“
Dass die Nerven womöglich doch deutlich angespannter waren, darauf deuteten bereits erste Bilder nach dem Treffen hin: Sowohl Løkke als auch Motzfeldt gönnten sich direkt nach der Sitzung eine Zigarette. Später schien Dänemarks US-Botschafter, Jesper Møller Sørensen, seinem Chef dennoch gratulieren zu wollen – und gab dem dänischen Außenminister kurzerhand eine „Ghettofaust“.
Bereits im Vorfeld des hochkarätigen Treffens versuchte Kopenhagen ein Signal der Einsicht zu senden. Am Mittwoch teilten das dänische Außenministerium und das grönländische Ministerium für Äußeres und Forschung mit, dass das skandinavische Königreich seine Militärpräsenz in und um Grönland „in enger Zusammenarbeit mit den Nato-Verbündeten“ ausbauen will.
Weiße Haus äußert sich
Washington sollte verstehen, dass Kopenhagen die Aufgabe, die Sicherheit auf und um Grönland zu gewährleisten, ernst nimmt. Zugleich sehen Beobachter:innen darin eine Art Warnung an Trump: Dessen imperialistische Großmachtsfantasien dürften mit dänischen und europäischen Soldaten und Soldatinnen um Grönland schwerer umzusetzen sein. Parallel zum Treffen in Washington kündigten die nordischen Nachbarländer Schweden und Norwegen an, militärische Verstärkung nach Grönland zu schicken. Auch Deutschland will nach Angaben der „Bild“ noch in dieser Woche Soldaten auf die Nordatlantikinsel schicken.
Doch der Kampf um Grönland scheint damit noch lange nicht vorbei. Noch während des Treffens teilte das Weiße Haus auf X ein Bild. Darauf zu sehen sind zwei Hundeschlitten mit grönländischer Flagge, denen zwei Wege offenstehen: Links wartet unter strahlend blauem Himmel die US-Flagge, rechts unter Gewitterwolken die chinesische und russische: „Wohin, Grönland?“
Abschließend geklärt ist diese Frage auch am Mittwoch nicht.
- showPaywall:
- false
- isSubscriber:
- false
- isPaid:
- false