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Die Proteste im Iran werden mit voller Gewalt niedergeschlagen.

© dpa/Uncredited

Augenzeugen über die Massenproteste im Iran: „Überall spritzte Blut und wir wussten nicht, was wir tun sollten“

Überfüllte Krankenhäuser, Hunderte Tote, Internetsperre – die Massenproteste im Iran gehen weiter. Mehrere Augenzeugen berichten dem Tagesspiegel vom Horror auf den Straßen.

Von Mahtab Qolizadeh

Stand:

Während die Menschen im Iran gegen das Regime auf die Straßen gehen und dabei ihr Leben riskieren, versuchen die Machthaber, mit aller Härte die Lage in den Griff zu bekommen. Seit fast fünf Tagen gibt es nahezu keine Internetverbindung mehr im Land, auch Mobilfunk- und Festnetze sind fast vollständig unterbrochen.

Nichts von den Verbrechen des Regimes soll nach außen dringen – und dennoch erreichen schreckliche Videos und Berichte den Rest der Welt. Jene, die kurz Internet haben, wohl auch durch Starlink von Elon Musk, finden allmählich den Mut, die grausamen Bilder, die sie aufgenommen haben, zu übertragen.

Am Wochenende schockierte ein etwa vier Tage altes Video in den sozialen Netzwerken, das von der Nachrichtenagentur AFP verifiziert werden konnte. Es zeigt einen Berg Leichen in der forensischen Einrichtung Kahrizak südlich von Teheran.

Zu Beginn des siebenminütigen Clips werden Porträtfotos toter Menschen auf einem Monitor angezeigt. Die Familien, die dort sind, um ihre vermissten Angehörigen zu finden, sollen sie durchsehen und identifizieren.

Eine andere Szene zeigt unzählige Körper in Leichensäcken, die auf dem Boden im Innenhof der Leichenhalle liegen. „Sie liefern die Toten in Pick-up-Trucks an und sagen den Menschen, sie sollen zwischen den Leichen herumlaufen und ihre finden“, beschreibt der Absender des Videos die chaotischen Zustände.

Krankenhäuser überfordert

Internationale Medien wie CNN und BBC berichten ebenfalls, dass die iranischen Krankenhäuser angesichts der hohen Zahl an Toten und Verletzten schlicht überfordert sind. Es gebe Schüsse direkt in den Kopf und ins Herz der jungen Menschen, sagte ein Arzt aus einer Teheraner Klinik dem britischen Nachrichtensender.

Bis Sonntagnachmittag wurden Aktivisten zufolge mindestens 466 Menschen bei den Protesten getötet, wie die Gruppe Hrana mit Sitz in den USA mitteilte.

„Zwei Menschen wurden direkt vor mir erschossen“

Auch der Tagesspiegel hat zahlreiche Nachrichten aus dem Iran erhalten, die auf eine hohe Zahl von Todesopfern hindeuten. Ihre Berichte decken sich mit den dramatischen Bildern im Netz aus Städten wie Karaj, Teheran und Shiraz.

„Wir waren auf der Straße, als die Basidsch (iranische Miliz, Anm. d. Red.) ihre Waffen direkt auf uns richteten. Ich weiß nicht, wie ich überlebt habe“, schreibt die 40-jährige Maral per Direktnachricht auf Instagram. Wie alle, mit denen der Tagesspiegel gesprochen hat, möchte auch sie aus Sicherheitsgründen nur mit einem Pseudonym zitiert werden. „Ich habe gesehen, wie zwei Menschen direkt vor meinen Augen erschossen wurden. Überall spritzte Blut, und wir wussten nicht, was wir tun sollten.“

January 10, 2026, Tehran, Iran: Iranian protesters demonstrate in Tehran, Iran. The nationwide protests started in late December at TehranÃââ s Grand Bazaar in response to worsening economic conditions. They then spread to universities and other cities, with the slogans evolving from economic grievances to political and anti-government demands. Tehran Iran - ZUMAi98_ 20260110_zih_i98_010 Copyright: xSocialxMediax
Die Proteste reißen nicht ab, wie hier am 10. Januar in Teheran.

© Imago/Zuma Press/Social Media

Die Hoffnung, dass die USA ihr Versprechen wahr machen und das Regime stoppen, sei groß. „Alle hier hoffen, dass Trump so schnell wie möglich gegen Khamenei vorgeht. Wir können das nicht mehr ertragen.“

Vergangene Woche hatte Präsident Donald Trump die iranischen Machthaber gewarnt: Sollten sie gegen Demonstranten vorgehen, würde sein Land nicht tatenlos zusehen – eine rote Linie, die seit Tagen überschritten wird. Am Sonntag sagte der 79 Jahre alte Republikaner Reportern, er erwäge „einige sehr drastische Optionen“ im Iran, wolle aber zunächst mit dem Regime verhandeln.

Tankstellen melden Probleme

Unterdessen kommt es in den Städten Teheran, Bandar Abbas, Karaj und Birjand offenbar zu erheblichen Problemen bei der Benzinversorgung. An Tankstellen soll es Störungen bei der Auslieferung und dem Verkauf von Kraftstoff geben.

Einige Bürger behaupten, die Islamische Republik halte bewusst Benzin zurück, um das tägliche Leben zu stören. Andere glauben, dass die Abschaltung des Internets, die sich sogar auf inländische Netzwerke erstreckt, für die Behörden selbst nach hinten losgegangen ist und den Staat außerstande setzt, die grundlegende Infrastruktur effektiv zu verwalten.

January 9, 2026, Tehran, Iran: Iranian Supreme Leader ALI KHAMENEI addresses a gathering of the people of Qom in Tehran. On January 8, 2026, Iranian protesters intensified their challenge to the clerical leadership, marking the largest demonstrations in nearly two weeks of rallies. As authorities cut internet access, the death toll from the crackdown has risen. This movement began with a shutdown of the Tehran bazaar on December 28, following a significant plunge in the rial currency to record lows. Since then, the protests have spread nationwide and are now characterized by larger-scale demonstrations, including those in the capital. Tehran Iran - ZUMAi98_ 20260109_zih_i98_023 Copyright: xIranianxSupremexLeader SxOfficex
Der Druck wächst: Irans Oberster Führer Khamenei soll angeblich erwägen, nach Russland zu fliehen.

© Imago/Zuma Press/Iranian Supreme Leader's Office

Milizen flohen vor Demonstranten

Sina, ein Bankangestellter in Bandar Abbas, berichtet per Sprachnachricht: „Aufgrund meiner Erfahrung mit der Automatisierung der Bankverwaltung glaube ich, dass das Problem der Kraftstoffversorgung auf die Abschaltung des Internets zurückzuführen ist.“

Auch er hat die Proteste erlebt: Ihm zufolge ist die Zahl an Regierungstruppen im Vergleich zur schieren Größe der Menschenmenge auf den Straßen extrem gering.

Plötzlich stürmten die Menschen nach vorne, direkt auf die Sicherheitskräfte zu.

Sina, Bankangestellter aus Bandar Abbas

„An einer der belebtesten Kreuzungen meiner Stadt standen Menschen auf beiden Seiten. Die Sicherheitskräfte waren im Norden positioniert – mit Schrotflinten, Schutzschilden und Kalaschnikows. Es kam zu einer zehnminütigen Konfrontation. Trotz all der Waffen zogen sich die Menschen nicht zurück. Sie verließen den Ort nicht, blieben einfach. Die, die weiter hinten standen, skandierten Parolen. Plötzlich stürmten die Menschen nach vorn, direkt auf die Sicherheitskräfte zu.“

Die bewaffneten Männer seien zwar nicht zurückgekommen. Aber als die Demonstranten sich zerstreuten, brach Chaos aus: „Es war unklar, woher genau Tränengas auf die Menge abgefeuert wurde. Eine der Granaten landete direkt vor den Füßen meiner Freunde und mir, aber wir konnten entkommen.“

Alles verbrannt

Ähnliches erzählt auch Faramarz, ein 50-jähriger Mann aus einer Stadt im Norden. „Die Beamten rufen den Menschen immer wieder zu: ‚Wir haben den Befehl zu schießen, geht nach Hause.‘ Aber die Menschen verlassen die Straßen nicht“, schreibt er in einer langen Textnachricht über die App Telegram an den Tagesspiegel.

Protests in Iran January 2026 A vehicle burns during protests in Tehran, Iran, on January 8, 2026. The nationwide protests began in Tehrans Grand Bazaar in late December over worsening economic conditions, then spread to universities and other cities, with slogans shifting from economic grievances to political and anti-government demands. Tehran Tehran Iran Copyright: xKhoshxIranx
Chaos in den Straßen: Ein Fahrzeug brennt im Zuge der Proteste in Teheran.

© Imago/Middle East Images/Khosh Iran

„Ich möchte, dass die Welt weiß, dass sich das Gesicht der Städte komplett verändert hat. Fast alles ist verbrannt: Fußgängerbrücken, offizielle Plakatwände, Bushaltestellen. Nachts sind die Städte komplett abgeschottet; die Küste, Parks und Gassen sind in völlige Dunkelheit getaucht. Die Sicherheitskräfte liegen in privaten Autos in den Wohnstraßen auf der Lauer, halten Fahrzeuge und Fußgänger an und durchsuchen sie.“

Stürben Demonstranten, würden die Leichen schnell weggebracht. „Es gab einen Fall, in dem jemandem in den Hals geschossen wurde. Als wir hinübergingen, um zu helfen, kamen sie, schossen, warfen die Leiche in ein Fahrzeug und fuhren davon.“

Manche Gruppen agieren professionell. [...] Es fühlt sich an, als würde ein koordiniertes Netzwerk jede Nacht die Hauptverkehrsadern der Stadt lahmlegen.

Faramarz, ein 50-jähriger Mann aus dem Norden des Landes

Zugleich sei der Sicherheitsapparat unorganisiert, logistisch schwach und habe eindeutig zu wenig Ausrüstung. Schlagstöcke und Schutzschilde reichten nicht aus, sagt Faramarz. „Letzte Nacht haben sie sogar Steine auf die Menschen geworfen. Sie haben Angst vor den Menschenmengen und versuchen, ihnen nicht zu nahe zu kommen.“

Die Menschenmengen seien riesig, viel größer als 2021, und sie umfassen ihm zufolge alle Schichten der Gesellschaft, sogar Rentner. „Einige übernehmen Führungsrollen. Manche Gruppen agieren professionell und blockieren Straßen so, dass eine Wiederöffnung praktisch unmöglich ist. Es fühlt sich an, als würde ein koordiniertes Netzwerk jede Nacht die Hauptverkehrsadern der Stadt lahmlegen.“

dpatopbilder - HANDOUT - 10.01.2026, Iran, Teheran: In diesem Ausschnitt aus Aufnahmen, die in den sozialen Medien des Irans kursieren, sind Demonstranten zu sehen, die trotz der zunehmenden Razzien in Teheran erneut auf die Straße gehen. Foto: Uncredited/UGC/AP/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung bis zum 13.01.2026 und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++
Trotz zahlreicher Razzien und Festnahmen gehen viele Iranerinnen und Iraner weiter demonstrieren.

© dpa/AP/UGC/Uncredited

Dennoch gebe es viele Verletzte, meist durch Schrotflinten, insbesondere Augenverletzungen. Dies deckt sich mit einem Bericht der BBC, wonach eine Augenklinik in Teheran bereits den Ausnahmezustand erklärt hat.

„Einige Polizisten stellen sich aber auch einfach beiseite und greifen nicht ein“, berichtet Faramarz. „Im Stadtzentrum ist die Konzentration der Kräfte größer. Es gab mehrere Fälle, in denen die Sicherheitskräfte, nachdem Menschen in Innenhöfen von Wohnhäusern Zuflucht gesucht hatten, Türen aufbrachen und Dutzende Menschen auf einmal festnahmen.“

Irans Augen auf Trump gerichtet

Roozbeh beschreibt die Verzweiflung vieler Demonstranten: „Was gibt es für ein Volk Demütigenderes, als immer wieder für die Freiheit zu kämpfen und jedes Mal zu verlieren? Dieses Mal kann keiner von uns die Islamische Republik länger tolerieren“, schreibt er über Telegram. „Unsere einzige Hoffnung ist militärische Hilfe. Ich wünschte, Trump würde früher zuschlagen.“

Omid, heute 21, war nicht einmal 18 Jahre alt, als er wegen seiner Teilnahme an den Protesten „Frau, Leben, Freiheit“ verhaftet wurde. Nun sagt er in einer Sprachnachricht, die er per WhatsApp geschickt hat: „Ich hätte nie gedacht, dass ich einen Militärschlag unterstützen würde.“ Beim Zwölf-Tage-Krieg sei ihm klar geworden, wie schrecklich das ist.

„Aber jetzt sehe ich, dass wir die Wahl haben zwischen einem Leben mit der Brutalität und Korruption der Islamischen Republik oder einem einmaligen Militärschlag. Das ist in Ordnung. Wir werden unser Land danach wieder aufbauen. Das Einzige, was zählt, ist, dass die Geistlichen gehen müssen.“

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