zum Hauptinhalt
Lars Klingbeil (SPD), Bundesminister der Finanzen, Vizekanzler und SPD-Bundesvorsitzender.

© dpa/Kay Nietfeld

Partnerschaft „in der Auflösung“: Klingbeil hält dauerhafte Schädigung der Beziehungen zu den USA für möglich

Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) sieht das transatlantische Verhältnis bedroht. Nach Gesprächen in Washington drängt er auf mehr europäische Geschlossenheit. Doch was können EU und Nato tun?

Stand:

Bundesfinanzminister Lars Klingbeil warnt vor einer tiefgreifenden Störung des Verhältnisses zu den USA. Er hält es laut „Zeit“ für möglich, dass die transatlantische Partnerschaft dauerhaft beschädigt ist. Das Bündnis, lange ein Kernstück deutscher Außen- und Sicherheitspolitik, befinde sich seiner Einschätzung nach zunehmend „in der Auflösung“.  

Klingbeil reiste am Sonntag nach Washington, um mit US-Finanzminister Scott Bessent über Rohstofffragen zu sprechen. Dabei sollte laut „Zeit“ auch Grönland angesprochen werden – eine Region, die US-Präsident Donald Trump verstärkt unter amerikanische Kontrolle bringen wolle.

Als Reaktion auf diese amerikanische Vorgehensweise fordert Klingbeil dem Bericht zufolge eine konsequentere europäische Strategie. Europa müsse enger zusammenarbeiten, schneller handeln und seine eigene Handlungsfähigkeit stärken. „Wir müssen Europa weiter stärken und wir müssen dabei viel schneller werden. Das bisherige Tempo wird der Lage nicht gerecht. Die europäische Souveränität hat jetzt oberste Priorität“, sagte Klingbeil.

US-Präsident Donald Trump hatte am Sonntag erneut den Anspruch seines Landes auf Grönland bekräftigt. „Wir bekommen Grönland, auf die eine oder die andere Weise“, sagte Trump an Bord seiner Präsidentenmaschine Air Force One.

In den vergangenen Monaten hatte der US-Präsident wiederholt mit der Übernahme Grönlands gedroht und dabei auch die Anwendung von Gewalt nicht ausgeschlossen.

Was können Nato und EU tun?

Sein Anspruch stellt die transatlantischen Partner zunehmend vor eine schwierige Aufgabe: Was tun, wenn ein Verbündeter das Territorium eines EU- oder Nato-Mitgliedstaates für sich beansprucht?

Zwar betonen europäische Politiker immer wieder, nur die Grönländer und Dänemark könnten über die Zukunft der strategisch günstig gelegenen Insel entscheiden. Doch was passiert, wenn Washington bei seinem aggressiven Kurs bleibt?

Grönland gehört zum Königreich Dänemark, einem Nato-Mitglied. Artikel 5 des Bündnisvertrags verpflichtet alle Staaten zur gegenseitigen Beistandspflicht, sieht jedoch kein Szenario für Konflikte zwischen Nato‑Partnern selbst vor.

Bei Streitigkeiten innerhalb des Bündnisses – etwa zwischen Griechenland und der Türkei – übernahm die Nato bislang eine vermittelnde Rolle.

Angesichts der US-Forderungen nach einer Übernahme Grönlands hatte Nato-Generalsekretär Mark Rutte jedoch erklärt, er wolle das Bündnis „da nicht mit hineinziehen“. Laut Nato-Diplomaten wird das Thema intern weitgehend vermieden, um Spaltungen vorzubeugen. Einer von ihnen äußerte, er glaube nicht an einen US‑Militäreinsatz, räumte aber ein, dass angesichts der Rhetorik aus Washington „keine völlige Sicherheit“ bestehe.

Die USA unterhalten bereits einen Stützpunkt auf Grönland: die Pituffik Space Base, die der Überwachung von Weltraumaktivitäten und Raketenstarts dient und auf einem Verteidigungsabkommen zwischen Washington und Kopenhagen beruht.

Geostrategisch liegt Grönland günstig zwischen Nordamerika und Europa. Die Insel liegt zudem auf einer direkten potenziellen Raketenflugbahn zwischen Russland und den USA. Trump verwies zuletzt auch auf angebliche russische und chinesische Aktivitäten in den Gewässern rund um die Insel.

Es gibt nichts, was wir tun können, und Trump weiß das.

Ein EU-Diplomat, der anonym bleiben will

Neben Sicherheitsaspekten spielen auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle: In Grönlands Boden liegen wertvolle, bisher kaum genutzte Rohstoffe. US‑Unternehmen sind dort bereits aktiv, ähnlich wie im Fall Venezuela. Hinzu kommen möglicherweise Pläne US-amerikanischer Investoren wie Peter Thiel, libertäre Siedlungen mit eigenen Gesetzen zu errichten.

EU versucht, offene Konfrontation zu vermeiden

Die Europäische Union versucht bislang, eine offene Konfrontation mit den USA zu vermeiden. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa versicherten Dänemark und Grönland die „volle Solidarität“ und verwiesen auf die Prinzipien der Souveränität und territorialen Integrität.

Ein EU‑Diplomat formulierte das Dilemma klar: „Es gibt nichts, was wir tun können, und Trump weiß das.“ Zwar ist Grönland seit den 1980er Jahren nicht mehr Teil der EU, doch als Teil des dänischen Königreichs bleiben Grönländer EU‑Bürger, und die Insel erhält weiter finanzielle Unterstützung aus Brüssel.

Suche nach Auswegen

Als möglichen Ansatz schlug Philip Bednarczyk vom Politikinstitut German Marshall Fund vor, den USA einen „Erfolg“ in Aussicht zu stellen – etwa wirtschaftliche Vorteile beim Rohstoffabbau oder mehr Spielraum bei militärischen Zuständigkeiten.

Eine weitere Annexion halte er allerdings nicht zwingend für sinnvoll und verwies auf „emotionale“ Motive der US‑Regierung: Die Vorstellung, Grönland als Teil der USA in Atlanten zu sehen, könne politisch attraktiv sein. Dennoch sollten die Äußerungen aus Washington ernst genommen werden.

Europäische Staaten betonten zuletzt die gemeinsamen Sicherheitsinteressen mit den USA in der Arktis. Bundesaußenminister Johann Wadephul sprach von einem stärkeren Engagement Deutschlands und Dänemarks innerhalb der Nato. Bundeskanzler Friedrich Merz und mehrere europäische Regierungschefs bekräftigten, dass Sicherheit in der Arktis „im Verbund mit den Nato‑Verbündeten“ erreicht werden müsse. (Tsp/mit AFP)

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
false
isPaid:
console.debug({ userId: "", verifiedBot: "false", botCategory: "" })