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Trump, Macht und Öl (Illustration).

© Foto: Getty/Chip Somodevilla; Freepik (2)/Gestaltung: Tagesspiegel

Macht ohne Moral : Donald Trump zerstört die Seele Amerikas

Die USA standen lange für den amerikanischen Traum. Jetzt verprellen sie Partner, verhöhnen Toleranz als Naivität, befeuern Ressentiments. Ein Imageschaden, der sich nur schwer beheben lässt.

Malte Lehming
Ein Kommentar von Malte Lehming

Stand:

Es war einmal eine Verheißung. Man nannte sie den amerikanischen Traum. Mit ihr verbunden waren Schlagwörter wie Arbeit, Moral, Erfolg, Rechtschaffenheit, Individualismus und Freiheit. Dieser Traum war nicht an Parteien gebunden, nicht an Links und Rechts. Das machte ihn stark und manchmal unwiderstehlich.

Vergangenen Mittwoch erschoss ein Beamter der Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis eine 37-jährige Frau in ihrem Auto. Videos der Tat legen nahe, dass dies gezielt geschah.

Die Regierung aber spricht von Notwehr, Aufstachelung, Gewalt gegen Ordnungskräfte. Außerdem kündigt sie ein hartes Durchgreifen gegen Demonstranten an. Vizepräsident JD Vance sagte, der Schütze genieße „absolute Immunität“ vor einer Strafverfolgung durch den Staat. Es ist der vierte Todesfall seit Beginn der Abschiebekampagne der Regierung von Präsident Donald Trump.

Das darf nicht wahr sein: Ein schmerzhaftes Unverständnis begleitet den Strom der Nachrichten aus den USA. Flehentlich wird nach Zeichen der Besserung gesucht. Auf wen darf gehofft werden – auf die „checks and balances“, die Opposition, die Bürgerrechtler, Barack Obama, moderate Republikaner? Alles vergebens.

Europas Hassliebe zu diesem Land, jener seltsamen Mischung aus Verachtung und Bewunderung, droht die Liebe abhanden zu kommen. Neugier verwandelt sich in Apathie und Entsetzen.

Die Vereinigten Staaten ziehen sich aus 66 internationalen Organisationen, Behörden und Kommissionen zurück. Das ordnete Trump in der vergangenen Woche an. Der Rückzug erfolge, weil die Organisationen, Abkommen und Verträge nicht mit den Interessen der USA vereinbar seien. Aus „America first“ wird „America only“.

Wen trifft es als Nächstes?

Das darf nicht wahr sein: Zum Unverständnis gesellt sich Ohnmacht. Der europäische Traum besteht aus Kooperation, Verzahnung, Interdependenzen. Die Stärke des Rechts steht über dem Recht des Stärkeren. Nostalgisch wird an den „Westen“ erinnert, an eine oft beschworene Wertegemeinschaft.

Ein Land, das sich einigelt, sämtliche Partner verprellt, Toleranz als Naivität verhöhnt und Ressentiments befeuert, wird es auf lange Zeit schwer haben, den Imageschaden zu beheben.

Malte Lehming über die USA unter Trump

Trump und die Seinen pfeifen darauf. Europas Wertefixierung wird als Schwäche verspottet. In Venezuela nehmen US-Soldaten Diktator Nicolás Maduro fest und bringen ihn und seine Frau außer Landes. Wen trifft es als Nächstes – Kolumbien, Kuba, Grönland, Mexiko? Nichts scheint mehr unmöglich zu sein.

Sicher, schon vor Trump gab es Zeiten, in denen Amerikas Skandale empörten. Guantánamo, Abu Ghraib, Irakkrieg, NSA-Bespitzelung, Drohnenkriege. Die Liste ist lang. Doch zumindest rhetorisch wurde an noblen Zielen festgehalten: am Freiheits- und Demokratie-Export, am Kampf gegen den Terror.

Trump dagegen geht es ausschließlich um Macht und Bodenschätze. Das wurde im Fall Venezuela offensichtlich. Das ölreichste Land der Welt soll den USA zunutze sein. „Amerikas Dominanz in der westlichen Hemisphäre wird nie wieder infrage gestellt“, sagte Trump nach dem Angriff.

Putin und Xi freuen sich

Dabei gilt: Jede Legitimierung eines Völkerrechtsbruches delegitimiert das Völkerrecht. Das aber kommt all jenen zupass, die mit Menschen- und Völkerrecht ohnehin auf Kriegsfuß stehen und dessen Betonung als westliches Moralisieren diffamieren. Wladimir Putin etwa oder Xi Jinping.

Das Gute an der Demokratie ist, dass nach der nächsten Präsidentschaftswahl, sollte ein Demokrat gewinnen, vieles von dem, was Trump angerichtet hat, rückgängig gemacht werden kann. Nur eines nicht – die Erosion der Seele Amerikas.

Ein Land, das sich einigelt, sämtliche Partner verprellt, Toleranz als Naivität verhöhnt und Ressentiments befeuert, wird es auf lange Zeit schwer haben, den Imageschaden zu beheben. Amerikas „Soft Power“, die der Harvard-Politologe Joseph Nye einst als Einflussnahme durch kulturelle Attraktivität und politische Vorbildhaftigkeit definierte, ist dahin.

Eines der Gründungsdokumente der Vereinigten Staaten, die Unabhängigkeitserklärung von 1776, feiert in diesem Jahr ihren 250. Geburtstag. Sie leitet aus der biblischen Schöpfungsgeschichte das Recht auf Selbstverwirklichung ab – auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. Eine Regierung, die dagegen verstößt, darf gestürzt werden.

Eine Kopie der Unabhängigkeitserklärung hat sich Trump im Oval Office aufhängen lassen. Er sollte sie aufmerksam lesen.

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