250. Todestag von Laurence Sterne : Genial verdorbener Witz

Erstmals versammelt eine deutschsprachige Ausgabe die wichtigsten Werke von Laurence Sterne. Das Literaturhaus Berlin feiert den Schriftsteller mit einem Lesemarathon.

Tobias Schwartz
Das Baby hat gelitten, und bei Dr. Slop kokelt die Perücke in Sternes Bestseller „Tristram Shandy“.
Das Baby hat gelitten, und bei Dr. Slop kokelt die Perücke in Sternes Bestseller „Tristram Shandy“.Foto: mauritius images, Science Scource, Wellcome Images

Dass die deutsche Epoche der Empfindsamkeit so heißt, wie sie heißt, hat eine ironische Note. Empfindsam: So werden nachträglich jene gefühligen, schwärmerischen, mitunter dem Pietismus nahestehenden und jedenfalls stets keuschen Dichter wie Klopstock, Gleim und Gellert des 18. Jahrhunderts genannt, aber auch die Schriftstellerin Sophie von La Roche mit ihrer tränenseligen „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“, einem durchaus lesenswerten Roman in Briefen nach dem Vorbild Richardsons und Rousseaus.

Zunächst einmal aber war empfindsam ein von Gotthold Ephraim Lessing erdachter Neologismus, um seinem Freund Johann Christoph Bode bei der Übersetzung des epochalen Titels „A Sentimental Journey“ (1768) von Laurence Sterne auf die Sprünge zu helfen. Eingedeutscht fügte sich das Werk nahtlos in den Kosmos eines rührungsbegierigen Publikums, das allerdings hätte gewarnt sein können.

Immerhin war der englisch-irische Verfasser des doppelbödigen Textes kein Unbekannter. Mit seinem Jahrhundertroman „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ (1759-1767), einem der wichtigsten Werke der Weltliteratur, hatte Sterne bereits einen Bestseller gelandet, der vom deutschen Publikum enthusiastisch aufgenommen worden war – auch wenn sich Herder über „verfluchte Säuereien und Zweideutigkeiten“ ärgerte, die darin tatsächlich nicht zu knapp enthalten sind. In England wurde Sterne für seine Genialität bewundert, galt aber aufgrund seiner Schlüpfrigkeiten als unlesbar – jedenfalls für Frauen.

Das „keusche“ Schreiben war nicht Sternes Sache

Mit seiner „Empfindsamen Reise“ wollte der 1713 im irischen Clonmel geborene Pfarrer und später für einige Zeit in Frankreich lebende Salonlöwe, der Geistesgrößen wie Diderot, d’Holbach und auch Casanova zu seinen Bekannten zählte, eigentlich seinem zweifelhaften Ruf entgegenwirken. Das „keusche“ Schreiben aber war nicht seine Sache. Im deutschsprachigen Raum überlas man dann die sexuellen Anspielungen, soweit sie nicht von Bode gemildert oder getilgt worden waren – seine Übersetzung könnte beinahe Zensur genannt werden. Man erging sich lieber in Gefühlsschwelgereien, die Sternes ironischem Buch, einem vorgeblichen Reisebericht durch Frankreich und Italien, der keine Sehenswürdigkeit erwähnt, aber von zwischenmenschlichen Begegnungen erzählt, zwar nicht gerecht wurden, aber zu einer sogenannten „Yorickomanie“ führten.

Dieser Fankult um den Protagonisten Yorick (benannt nach dem Hofnarren aus Shakespeares „Hamlet“), der Merchandising-Produkte wie Tabakdosen hervorbrachte, gipfelte darin, dass ganze Parks mit Yorick-Büsten angelegt wurden. Einen vergleichbaren Kult erlebte allenfalls Goethes „Werther“ (1774), ein empfindsamer und die Empfindsamkeit gleichzeitig bereits hinter sich lassender Roman.

Der englisch-irische Schriftsteller Laurence Sterne, 1713-1768.
Der englisch-irische Schriftsteller Laurence Sterne, 1713-1768.Foto: imago / United Archives Internat.

Die Verklärung Sternes zum empfindsamen Heiligen, das heißt die Unterdrückung sexueller Anspielungen in den Sterne-Übersetzungen, hielt sich in Deutschland bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. In England wurde er dagegen zwischenzeitlich verdammt. Etwa von William Makepeace Thackeray: „Es gibt keine Seite in Sternes Schriften, die nicht etwas enthält, das besser nicht dastünde, eine verborgene Unsittlichkeit.“

Da brauchte es schon eine liberal gesinnte und weniger verklemmte Schwester im Geiste wie Virginia Woolf, um das Bild zurechtzurücken, auch wenn sie die „lästerlichen Späße des Tristram Shandy“ in der „Empfindsamen Reise“ vermisste: „Uns heutigentags erscheint die Überheblichkeit des viktorianischen Romanautors zumindest ebenso sträflich wie die ehelichen Verfehlungen des Pastors im achtzehnten Jahrhundert.“ Mit Letzterem spielt Woolf auf Sternes nicht einfache Ehe an und seine Liebe zur deutlich jüngeren, aber bereits vergebenen Elizabeth Draper, seiner berühmten „Eliza“.

„Tristram Shandy“ erweist sich als moderner Roman

Die jetzt im Galiani Verlag erschienene, in der Kategorie Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 nominierte erste deutsche Sterne-Werkausgabe in drei hübsch marmorierten Bänden (die Gestaltung nimmt Bezug auf das „buntscheckige Sinnbild meines Werkes“, eine vollständig marmorierte Seite ohne Text im „Tristram Shandy“) enthält die schon vor Jahren publizierten, zu Recht gefeierten und jetzt überarbeiteten Übersetzungen der beiden Hauptwerke Sternes von Michael Walter. Er, versichert Verleger Wolfgang Hörner im Nachwort, habe „Sterne so sternianisch wie möglich“ präsentiert und nichts verklärt oder unter den Tisch gekehrt.

Vor allem der „Tristram Shandy“, dessen Handlung im Wesentlichen aus Abschweifungen von ebendieser besteht, erweist sich bei erneuter Lektüre einmal mehr als moderner, wenn nicht postmoderner Roman, der an Lebendigkeit nichts eingebüßt hat und so manchen Roman von heute ziemlich alt aussehen lässt. Die Werkausgabe enthält – neben einem ganzen Band mit Briefen – auch eine Reihe kleiner, eher unbekannter satirischer Schriften wie das „Fragment in Rabelais’scher Manier“, das „Impromptu“ und das „Politische Märlein“, das als Sternes erster literarischer Versuch gelten darf. Des Weiteren sind die „Briefe an Eliza“ und das „Tagebuch des Brahmanen“ enthalten, die im Kontext der „Empfindsamen Reise“ zu lesen sind. Was fehlt, sind Sternes Predigten, von denen immerhin eine Einzug in den „Tristram Shandy“ erhalten hat. Wenigstens eine kleine Auswahl wäre schön gewesen.

„Der freieste Schriftsteller“ seiner Zeit

Laurence Sterne, dessen schriftstellerische Karriere erst spät, mit Mitte vierzig begann, ist einer der großen Humoristen und Ironiker der Literaturgeschichte, tiefgründig und subtil, dabei ein virtuoser, unkonventioneller Stilist und entsprechend Vorbild für Jean Paul, Thomas Mann und viele andere Autoren gewesen.

Für Goethe und Nietzsche war er „der schönste Geist“ und „der freieste Schriftsteller“ seiner Zeit. Lessing, einer seiner begeisterten Leser, hätte dem bereits mit Mitte fünfzig Verstorbenen gern fünf Jahre seines Lebens abgetreten, „und hätt ich auch gewiss gewußt, dass mein ganzer Überrest nur acht oder zehn betrüge, mit der Bedingung aber, dass er hätte schreiben müssen, gleich was, Leben und Ansichten oder Predigten oder Reisen.“

Zum 250. Mal jähren sich Laurence Sternes Tod und das Erscheinen seiner „Empfindsamen Reise“. Deshalb verwandelt sich das Literaturhaus in der Fasanenstraße zwei Tage nach seiner Wiedereröffnung unter der Leitung von Janika Gelinek und Sonja Longolius vom 23. bis zum 25. März in die Shandy Hall Berlin. Dazu gehören Lesungen, Gespräche und Vorträge. Höhepunkt ist eine 24-Stunden-Lesung des „Tristram Shandy“, an der sich Autorinnen und Autoren wie Jenny Erpenbeck, Durs Grünbein, Katja Lange-Müller, Michael Lentz, Steffen Kopetzky oder Katja Petrowskaja beteiligen.

Soeben ist „Die erste deutsche Werkausgabe“ zu Laurence Sterne erschienen. Aus dem Englischen von Michael Walter. Galiani Verlag, Berlin 2018. 1952 Seiten, 98 €.

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