Abrisspläne vorerst gestoppt : Die Zukunft des „Mäusebunkers“ ist wieder offen

Johann König und Arno Brandlhuber wollen den „Mäusebunker“ und das Hygiene-Institut kaufen und zum Kulturzentrum umbauen. Die Charité hat eigene Pläne.

West-Berliner Ikone. Früher fanden im „Mäusebunker“ Tierversuche statt.
West-Berliner Ikone. Früher fanden im „Mäusebunker“ Tierversuche statt.Foto: Christiane Peitz

Der „Mäusebunker“ soll bleiben. Darin sind sich Architekturliebhaber einig. Eine Online-Petition hat mittlerweile mehr als 6000 Unterschriften gegen den Abriss der ehemaligen Tierlaboratorien der Freien Universität und des benachbarten Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité gesammelt.

Architekten wie Kristin Feireiss und Frank Barkow plädieren für den Erhalt der aus rauem Beton erbauten Forschungseinrichtungen, ebenso der Generalintendant des Humboldt-Forums Hartmut Dorgerloh, Oliver Elser vom Deutschen Architekturmuseum Frankfurt und Katalin Gennburg von der Linksfraktion. 

Die beiden Gebäude auf dem Benjamin Franklin Campus in Steglitz gelten als Schlüsselwerke des Brutalismus, als Ikonen der Westberliner Nachkriegsmoderne und in ihrer hochspezialisierten, funktionalen Architektur auch als bedeutsame Zeugnisse der Berliner Wissenschaftsgeschichte.

Einige Nutzungsideen gab es bereits: eine Boulderhalle, ein Kunstarchiv, ein Serverzentrum der Freien Universität, das ohnehin in der Nähe neu gebaut werden soll. Hermetisch genug wären die Räume. 

Und jetzt kommt eine Idee aus dem Kulturbereich dazu: Der Berliner Galerist Johann König und der Architekt Arno Brandlhuber möchten beide Gebäude zum neuen „kulturellen Zentrum“ Berlins ausbauen.  Das schlugen sie in einem Ende Mai an den Charité-Vorstand, den Berliner Kultursenator und den Regierenden Bürgermeister adressierten offenen Brief vor: „Lasst uns übernehmen – Wir nutzen um.“

König und Brandlhuber haben bereits eine Brutalismus-Ikone umgenutzt

Das Pfund mit dem König und Brandlhuber wuchern: Sie haben schon einmal einen Brutalismusbau gerettet. 2012 erwarb König per Erbbaupacht die ehemalige Kirche St. Agnes in der Kreuzberger Alexandrinenstraße samt den Gemeindegebäuden, einem von Werner Düttmann erbauten Ensemble. 

Weder das Erzbistum Berlin noch die Stadt wussten damals etwas damit anzufangen, der Unterhalt kam teuer. Auch hier stand der Abriss im Raum.

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Arno Brandlhuber machte aus dem Kirchenraum eine Ausstellungshalle und baute das ehemalige Gemeindehaus zu Unterrichtsräumen und Büros um. Heute sind neben Königs Galerie auch ein Architekturbüro, Wohnräume und die New York University auf dem Areal angesiedelt. 

Der behutsame, minimalinvasive Umbau gilt als vorbildlich, wurde mit Architekturpreisen ausgezeichnet. „Wir haben mit St. Agnes bewiesen, dass wir es können“, sagt Johann König. „Ich bekomme seither sehr viele Anfragen von Interessenten, die sich an einem disziplinenübergreifenden Kreativstandort wie St. Agnes ansiedeln wollen.“

Kunst, Kultur und Wissenschaft auf einem Areal

König und Brandlhuber möchten die beiden, mittlerweile als Brutalismus-Ikonen geltenden Bauten, auf dem Charité-Campus in Steglitz per Erbbaupacht oder auch Kauf übernehmen und sie einer „gemeinwohlorientierten Nutzung“ zuführen. 

Kunst, Kultur und Wissenschaft sollen sich hier treffen. Ateliers könnten entstehen, Ausstellungsflächen, Büros für Start-ups, Räume für Universitäten. 

Einmal im Jahr könnten die Ergebnisse des nachbarschaftlichen Schaffens im Rahmen eines gemeinsamen Programms präsentiert werden, heißt es in ihrem Brief. Der Campus Benjamin Franklin könnte Begegnungs- und Veranstaltungsort werden.

Die besondere Baustruktur und die außerordentlich hohe technische Komplexität mit veralteter Haustechnik mache eine wirtschaftliche Sanierung oder eine Alternativnutzung des „Mäusebunkers“ unmöglich, lautete hingegen die Einschätzung von Charité-Bauchef Jochen Brinkmann vom April.   

Ausbruchssicherer Tierstall – ein schwieriges Erbe

Beide Bauten bringen ein schwieriges Erbe mit. Das Architektenpaar Magdalena und Gerd Hänska hat mit den ab 1971 erbauten Tierversuchslaboratorien eine hermetisch abgeriegelte Laboranstalt für Tierforschung geschaffen, einen ausbruchssicheren Stall, in dem jahrzehntelang Tiere gequält und getötet worden sind. Was macht man mit dieser Vergangenheit? 

Und das Hygiene-Institut, das im Gegensatz zur Bunkerarchitektur der Hänskas mehr elegant als unheimlich wirkt, enthält keimfreie Hochsicherheitstrakte, die dafür bestimmt waren, mit gefährlichen Krankheitserregern zu experimentieren. Auch das ist ein Stück Geschichte.

Über die Zukunft der Bauten müssen Charité, Senat und der Regierende Bürgermeister Michael Müller entscheiden, wobei Letzterer zugleich Wissenschaftssenator und Aufsichtsratsvorsitzender der Charité Universitätsmedizin ist. Was er von Königs und Brandlhubers Idee hält, ist von ihm nicht zu erfahren. Kein Kommentar zu offenen Briefen.

Abrisspläne für das Hygiene-Institut sind vom Tisch

Der Protest der Brutalismus-Liebhaber ist aber scheinbar doch gehört worden. Und eine Untersuchung des Landesdenkmalamts bestätigte inzwischen die Denkmalwürdigkeit beider Gebäude. Auch wenn sie noch nicht auf der Denkmalliste stehen. 

Zumindest von den Abrissplänen für das Institut für Hygiene und Umweltmedizin hat sich die Charité inzwischen verabschiedet. Das bestätigt Axel Radlach Pries, Dekan der Charité, dem Tagesspiegel. Das Hygiene-Institut solle „definitiv nicht" beseitigt werden. Man wolle es aber auch nicht abgeben. 

Die Charité hat stattdessen einen „internationalen Ideenworkshop" für den Campus Benjamin Franklin samt „Mäusebunker" und Hygiene-Institut initiiert. 

„Die Vision ist, gemeinsam mit Partnern wie der Freien Universität Berlin einen einzigartigen medizinischen, translationalen und biotechnologischen Campus im Süden Berlins zu entwickeln", so Radlach Pries. Die Nachnutzung des Hygiene-Instituts sei bautechnisch gut möglich, heißt es aus dem Dekanat. 

Beim „Mäusebunker" spricht die Charité aufgrund der Schadstoffbelastung, der radikalen Bunkerarchitektur, der nicht natürlichen Belüftung von "nahezu unüberwindbaren Hürden für eine sinnvolle Nachnutzung". Die Kosten könnten in unrealistische Höhen steigen.  Aber vieles ist möglich, wenn der Wert des Gebäudes erst anerkannt wird.

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