Aga-Khan-Preis : Jury würdigt Architektur für muslimische Gemeinschaften

Der Aga-Khan-Preis zeichnet Projekte aus, die Bedürfnisse von Muslimen ansprechen. In der westlichen Welt findet der Preis jedoch noch kaum Beachtung.

Einen Preis gab es für die Revitalisierung der Perlenfischerstadt Muharraq in Bahrain.
Einen Preis gab es für die Revitalisierung der Perlenfischerstadt Muharraq in Bahrain.Foto: Aga Khan Trust for Culture/Cemal Emden

Dieser Tage wurde der Aga-Khan-Preis für Architektur vergeben, in Kasan, der Hauptstadt der innerhalb der Russischen Föderation gelegenen Autonomen Republik Tatarstan. Tatarstan weist eine starke muslimische Minderheit auf. Der Aga- Khan-Preis will architektonische und städtebauliche Projekte auszeichnen, die die „Bedürfnisse und Ziele von Gemeinschaften ansprechen, in denen Muslime eine signifikante Stellung einnehmen“. Er wird seit 1977 vergeben, derzeit an sechs Preisträger, die von einer internationalen Jury bestimmt werden. In diesem Jahr waren Elizabeth Diller und David Chipperfield Mitglieder des Preisgerichts.

Diesmal geht der Preis nach Bahrain für die Erneuerung der historischen Stadt Muharraq, nach Bangladesch für die Bildungseinrichtung „Arcadia“ in South Kanarchor, nach Palästina für das Palästinensische Museum in Birzeit, nach Senegal für die Lehr- und Forschungseinrichtung der Alioune-Diop-Universität in Bambey, in die Vereinigten Arabischen Emirate für das Wasit-Feuchtlandzentrum sowie nach Tatarstan für das republikweite Programm zur Schaffung öffentlicher Räume; daher die Preisverleihung in Kasan.

Gegen Privatisierung in Russland

Das Programm in Tatarstan umfasst nicht weniger als 328 öffentliche Plätze, die der in Russland verbreiteten Privatisierung von Räumen entgegenwirken sollen. Auch die Revitalisierung der alten Perlenfischerstadt Muharraq in Bahrein soll öffentliche Räume stärken und so zur langfristigen Stabilisierung der lokalen Demografie beitragen. Das Wasit-Feuchtlandzentrum soll das Umweltbewusstsein stärken; angesiedelt in Sharjah, spiegelt es die kulturelle und ökologische Vorreiterrolle des Emirats.

Die übrigen drei Projekte sind Bauvorhaben des Bildungs- und Kultursektors, worunter das Palästinensische Museum in Birzeit am ehesten als ein klassisches Projekt anzusprechen ist – ein Museumsbau in landschaftlich exponierter Lage, der der Identitätsbildung Palästinas dient, entworfen übrigens vom irischen Büro Heneghan Peng.

Den Blick weiten

Der Aga-Khan-Preis hat in der westlichen Welt bislang noch nicht die Aufmerksamkeit gefunden, die der Bedeutung des von ihm beobachteten Weltgebiets entspricht. Anfangs konzentrierte sich die Preisvergabe auf muslimische Länder im strengen Sinne, doch das ist Vergangenheit.

Warum sollte nicht auch ein Gebäude wie die Kölner Moschee von Paul Böhm in die engere Wahl kommen? Jedenfalls ist es hoch an der Zeit, die zeitgenössische Architektur Afrikas, Asiens und ganz besonders des Nahen und Mittleren Ostens in den Blick zu nehmen.

Eine hervorragende Informationsquelle bietet jetzt das Buch „Architecture in Dialogue“, das den diesjährigen Preis mit seinen 20 in die engere Wahl genommenen Projekten vorstellt. Als Herausgeber des Buches zeichnet Andres Lepik, der Direktor des Architekturmuseums München, und erschienen ist es im Berliner Verlag Architangle (352 S. mit 232 Farbabb., 38 €). Er wird geleitet von Cristina Steingräber, der früheren Publikationschefin der Staatlichen Museen Berlin und nachmaligen Geschäftsführerin des Hatje Cantz Verlags.

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