Annette Frier im Interview : Late Night Show mit Gott

In David Javerbaums Komödie „Gott der Allmächtige“ spielt Annette Frier den Herrn - und erfindet zehn neue Gebote. Im Interview spricht sie über Kindererziehung, Schwulenhymnen und das Universum 2.0.

Hauptstadt im Blick. Annette Frier, fotografiert im „Brel“ am Savignyplatz, spielt die Titelrolle des Stücks in Köln und Berlin.
Hauptstadt im Blick. Annette Frier, fotografiert im „Brel“ am Savignyplatz, spielt die Titelrolle des Stücks in Köln und Berlin.Foto: Mike Wolff

Frau Frier, Sie feiern Dienstag mit „Gott der Allmächtige“ Premiere in Köln und Donnerstag in Berlin. Ist das eine Form göttlicher Omnipräsenz?
Eher ein lustiges Abenteuer im Kamikaze-Stil. Die Doppelpremiere entspringt dem Wunsch, sowohl in Köln wie auch in Berlin zu spielen, wo ich 2015 schon an den Ku‘dammbühnen in „Eine Familie“ Erfahrungen gesammelt habe. Die Kölner sind auf meiner Seite, das ist Heimat, also fange ich in der Provinz an. Dann bin ich hoffentlich gut eingespielt, wenn ich in die Hauptstadt komme.

Im Titel des Theaterstücks und in der allgemeinen Anschauung ist Gott maskulin, was man von Ihnen nicht sagen kann.
Finden Sie?

Dem Augenschein und der Tatsache nach, dass Sie Zwillinge haben, sind Sie eine Frau. Wieso spielen Sie die Hauptrolle?
In einer „Spiegel“-Titelgeschichte wurde neulich wieder debattiert, ob wir es mit „der“, „die“ oder „das“ Gott zu tun haben. Dass wir „den“ Gott daraus gemacht haben, passt in viele gesellschaftliche Diskurse, die gerade geführt werden. Und genau in diesem Kontext finde ich es toll, ihn zu spielen. Ich bin quasi die Welturaufführung als Göttin. Das Buch und das Theaterstück von David Javerbaum sind ja aus dem Twitter-Account „Absender Gott“ entstanden, in dem er als Gott die Welt kommentiert. Und zwar als männlicher Gott, weil er nun mal ein Mann ist. Diese Identität wegzuwischen, hat mich sofort gereizt.

Weil Sie als Anhängerin der feministischen Theologie sowieso immer von einer Göttin gesprochen haben und nicht von einem Gott?
Das könnte ich mal behaupten, weil man ja ständig irgendwelche Dinge behauptet. Vielen Dank. Ab sofort mache ich das!

Sie sind Schauspielerin und Komikerin, wie sieht es mir Ihren religiösen Kompetenzen aus? Bringen Sie welche mit?
Kompetenzen keine, aber eine Vorbelastung. Meine Mutter ist katholische Religionslehrerin und ich komme aus Köln. Das ist ein doppeltes Päckchen, das ich zu tragen habe. Außerdem bin ich immer noch nicht aus der Kirche ausgetreten und meine Kinder gehen im April zur heiligen Erstkommunion. Sonntags besuche ich mit ihnen die Kirche und mache Feldstudien. Das macht mir im Moment besonders viel Spaß. Den Kindern allerdings weniger.

Dabei kennt die katholische Messe doch so viele Showelemente.
Die muss ich ihnen aber bereiten und den Gottesdienst gut an- und abmoderieren. Dazu bedarf es auch einiger Spielchen. Stillsitzen kann man ja nirgends besser üben als in der Kirche. „Wer das kann, ist echt weit vorn, das ist ganz hohe Schule, Leute!“, habe ich den Kindern gesagt. Hinterher verteile ich dann Punkte, wer wie gut gesessen hat. Die sind neun und finden das lustig. Letzten Sonntag habe ich in der ersten Hälfte fast zehn Punkte verteilt, dann folgte allerdings ein massiver Abbau in der zweiten – da gab’s nur vier bis sechs.

Annette Frier

Die Schauspielerin und Komikerin Annette Frier, 43, lebt mit ihrer Familie in Köln. Nach Abitur und Schauspielausbildung arbeitete sie dort als Theaterschauspielerin. Ihre Fernsehkarriere begann 1997 mit der RTL-Serie „Hinter Gittern – der Frauenknast“. In das Comedy-Fach ist sie bei „Switch“ und der „Wochenshow“ eingestiegen und wurde dann als „Danni Lowinski“ populär. Zuletzt war die verstärkt auch in Charakterrollen besetzte Schauspielerin in der ZDF-Serie „Das Pubertier“ zu sehen. An den Berliner Ku’dammbühnen hat sie bereits 2015 in „Eine Familie: August Osage County“ eine Theaterrolle gespielt.

Fragen Sie auch die Predigt ab?
Die sind ja sehr unterschiedlich gelungen. Ich bin schon manchmal baff, dass da so gar nicht reformiert wird. Meine Kinder gehen auf eine evangelische Grundschule und müssen dort als Einzige zur katholischen Kommunion, da passt eh manches nicht. Trotzdem können sie nicht dööfer werden, wenn sie sich die Kirche von innen angucken. Ich kenne viele intelligente Menschen, die sagen, ich schicke mein Kind sicher nicht in einen Gottesdienst, es bekommt Ethikunterricht und fertig. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass religiöse Bilder sehr viel Kraft haben und die rituellen Momente in der Kirche, wenn Menschen Geld in einen Korb schmeißen, sich Fremde gegenseitig Frieden wünschen und zusammen singen, auf einer unbewussten Ebene etwas auslösen. Das sollen die Kinder mitkriegen.

Glauben Sie an Gott?
Auf alle Fälle. Sonst müsste ich mich mit dem Thema nicht so abmühen, wenn mir das alles scheißegal wäre. Dann würde ich das Stück auch nicht spielen. Die große Menschheitsfrage „Gibt es etwas nach dem Tod und wenn ja, was und warum?“ schwingt ja immer mit. Alle, die ich bislang habe sterben sehen, sind um diese Frage nicht herumgekommen. Deswegen erlaube ich mir den Luxus, mich zurzeit zehn Stunden am Tag damit zu beschäftigen. Gestern erlebte ich eine unverhältnismäßig lange Zugfahrt mit der transsibirischen Eisenbahn von Köln nach Berlin. Da wollten mein Kollege Kai Lüftner, der den Erzengel Gabriel spielt, und ich nur am Text arbeiten und plötzlich haben wir heulend im Zug gesessen. Beim Thema, worum es im Leben geht, kommt man schnell auf solche Pfade.

Mussten Sie Regisseur Roland Hüve die zehn Gebote aufsagen, um die Rolle zu bekommen?
Die Idee gefällt mir, aber nein, ich habe ihn gefragt, ob er Regie führen will. Ich bin mit den Santinis, den Berliner Theaterproduzenten, freundschaftlich verbunden und fand den Text gleich bestechend. „Gott der Allmächtige“ ist ja eine Komödie mit Showelementen.

Die da wären?
Die vierte Wand ist total durchbrochen. Ich habe den ganzen Abend Kontakt zum Publikum. Zwar stellt mir der Erzengel Gabriel Fragen an Publikums statt, aber trotzdem belästige ich die Leute auch direkt. Es ist gewissermaßen eine Late Night Show mit Gott.

In David Javerbaums Stück gibt Gott der Menschheit neue zehn Gebote, dabei konnte die sich nicht mal an die alten halten. Wie sieht Ihre Bilanz in Sachen nicht lügen, nicht stehlen, nicht töten, Vater und Mutter ehren aus?
Schwierige Aufgabe. Aber Jesus’ Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ gefällt mir. Das ist die Kernaussage des Christentums, die es sinngemäß ja auch in anderen Weltreligionen gibt. Den Satz gilt es zu beherzigen. Auch, wenn man auf der Straße Parkplatzprobleme hat oder sein Wahlkreuzchen macht und die Kinder erzieht.

Hwang Sok-yong

Hwang Sok-yong, geboren 1943, gehört zu den Zeitzeugen, in deren Leben sich die koreanische Geschichte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. Seine Mutter stammte aus der späteren nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang, seine Eltern, die vor der japanischen Okkupation in die chinesische Mandschurei geflohen waren, zogen nach Ende des 2. Weltkrieges ins spätere Südkorea, wo Hwang aufwuchs. Er positionierte sich bald gegen die herrschende Militärdiktatur und musste 1964 das erste Mal in Haft. 1989 reiste er nach Nordkorea, um sich dort mit Schriftstellerkollegen zu treffen, was im Süden unter strenger Strafe stand. 1993, nach Aufenthalten in Berlin und New York, wurde er deswegen zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. 1998 begnadigte ihn der neue Präsident Kim Dae-jung. Hwang hat die dramatische Geschichte seines Landes immer wieder in Romanen verarbeitet. So handelt „Die Geschichte des Herrn Han“ (1972) von der Flucht eines nordkoreanischen Arztes in den Süden, wo er als Spion denunziert wird. In „Der ferne Garten“ (2000) setzt Hwang sich mit der Militärdiktatur auseinander. Als Berater des Wiedervereinigungsinstitutes steht er in Kontakt mit der Regierung Südkoreas.

Zu den neuen Geboten gehört: „Du sollst mich und den Staat trennen.“ Können Sie das unterschreiben?
Der Gedanke ist gut. Allerdings ist es ja nicht so, dass man von der Kirchensteuer dem Papst das Kissen bezahlt. In Köln leistet die Kirche gute Arbeit, in Hospizen, in Kinderheimen. Da gehen meine Gelder hoffentlich auch hin. Und die Strukturen in einem christlich geprägten Land sind nun mal mit den staatlichen Strukturen vernetzt. Ich fände ja einen universellen Glauben für alle interessant. Dass jeder nur von seinem Gott spricht, ist wirklich ätzend. Was soll das? Das nervt doch.

Wie sieht es mit „Du sollst deine Kinder ehren“ aus? Sie möchten als Mutter doch sicher gern weiterhin geehrt werden wie im originalen Gebotstext?
Nicht nur das, ich möchte verehrt werden. Können Sie das bitte den Kindern ausrichten? Ich werde sehr gern sehr gut von meinen Kindern behandelt. Das bedeutet aber auch, dass da eine gewisse Dialektik herrschen muss. Die Kinder sind nun mal die, auf die es als Nächstes ankommt und auf die wir unser besonderes Augenmerk richten müssen.

Das dritte Gebot lautet „Du sollst nicht in meinem Namen töten“, aber sonst schon oder was?
Der Gott im Stück sagt, dafür brauche ich euch nicht, das mache ich selber, ich töte den ganzen Tag. Das Töten ist eine satirische Überhöhung. Dahinter steckt die Frage nach der Ungerechtigkeit. Und Gott sagt darauf, dass er das Universum 2.0 schaffen wird. Dort ist alles gut und fair, gestorben wird nicht mehr, der Tod ist abgeschafft. Da merkt man sofort, wie die Erfüllung eines Wunsches zur Horrorvorstellung wird.

Ewig leben wäre schlimm?
Also ich möchte es nicht. Das wäre ein heilloses Gewusel. Außerdem müsste ich mich dann an Sachen erinnern, die 400 Jahre her sind, und ich kann mir jetzt schon nichts merken. Davor möchte ich die Menschheit verschonen.

Gott räumt bei der Gelegenheit mit Legenden aus der Schöpfungsgeschichte auf. Im Evangelium nach Javerbaum heißen die ersten Menschen Adam und Ewald statt Adam und Eva: Ist das nicht reichlich männerzentriert?
Das ist eine lustige Schwulenhymne, die ich da verkünden darf. Natürlich rede ich als Gott großen Schwachsinn, das ist aber super. Ich hasse das, wenn die Gegner der Schwulenehe sagen, es sei ja nicht umsonst so, dass Gott Adam und Eva erschaffen habe. Da bekomme ich ganz schlechte Laune. In der Szene projizieren wir übrigens einen Paradiesgarten auf die Bühne.

Und Sie tragen einen weißen Bart?
Ich hoffe!

Am Broadway hat Jim Parsons, der Star aus der Serie „Big Bang Theory“, Gott verkörpert und im Stück wird dessen Inkarnation als Fernsehgröße auch direkt thematisiert: Ist „Gott der Allmächtige“ ein ideales Vehikel für Fernsehnasen wie Sie, die gerne mal Theater spielen?
Genau so ist es. Da gebe ich mich keinen Illusionen hin. Nur gut, dass ich ursprünglich vom Theater komme. Ich habe also schon gelegentlich auf einer Bühne gestanden.

Hegen Sie persönlich gelegentlich Allmachtsfantasien?
Bestimmt.

Welche?
Das geht Sie wirklich nichts an (lacht). Hören Sie auf, mir Fragen zu stellen.

Das Gespräch führte Gunda Bartels.

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