Archäologie für Kinder : Dem Vergessen entrissen

Silke Vry erzählt von großen archäologischen Entdeckungen und abenteuerlichen Reisen

Kapitän Jacob Roggeveen landet 1722 als erster Europäer auf den Osterinseln.
Kapitän Jacob Roggeveen landet 1722 als erster Europäer auf den Osterinseln.Abbildung: Marin Haake

Auf dem Forum Romanum weiden Kühe und Schafe, die Triumphbögen ragen nur einige Handbreit aus dem Boden. Über diese idyllische Landschaft blickt von einem Hügel aus der Weinbauer Felice de Fredis 1506 auf Rom. Von der Antike hat er keine Ahnung, ihn interessieren nur die Steine, die seine Rebstöcke am Wachsen hindern. Also muss er hier und da graben, um Trümmer zu beseitigen. Eines Tages legt er so den Zugang zu einem Gewölbe frei.

Er steigt hinab, findet einen wunderschönen Mosaikboden und erstarrt vor Schreck, als er in der Ecke einen Mann und zwei Jungen entdeckt, die mit schmerzverzerrten Gesichtern mit Schlangen ringen. Erst dann begreift er, dass diese Figuren aus Stein gehauen sind. Felice de Fredis erzählt von diesem Sensationsfund, und bald schickt der Papst seinen Architekten Giuliano da Sangallo in das Gewölbe, zusammen mit seinem Freund, dem Bildhauer Michelangelo Buonarotti. Ergriffen soll Giuliano ausgerufen haben: „Das ist der Laokoon, den Plinius erwähnt!“ Damit ist die berühmteste Skulptur des Altertums entdeckt und identifiziert.

Howard Carter entdeckte 1922 im Tal der Könige das nahezu unversehrte Grab von Tutanchamun.
Howard Carter entdeckte 1922 im Tal der Könige das nahezu unversehrte Grab von Tutanchamun.Abbildung: Martin Haake

Mit dieser wunderbaren Episode beginnt Silke Vry ihr Buch „Verborgene Schätze, versunkene Welten. Große Archäologen und ihre Entdeckungen“, das von weiteren 20 bedeutenden Funden erzählt. Es sind vor allem abenteuerliche Geschichten aus der Frühzeit der Archäologie, die geholfen haben, diese Wissenschaft zu etablieren. Das Spektrum ihrer Erzählungen reicht von der Entdeckung der Osterinseln durch den niederländischen Kapitän Jacob Roggeveen 1722 über die Höhlenmalereien von Altamira in Spanien, die ein Mädchen entdeckte, bis hin zu den Forschungen des Unterwasserarchäologen Franck Goddio, der 1995 vor Alexandria in Ägypten spektakuläre Funde unter Wasser machte.

Oft waren es Zufälle oder Ahnungen, die wagemutige Männer aufbrechen ließen zu Zeiten, als das Reisen durchaus noch beschwerlich war. So tarnte sich der Schweizer Johann Ludwig Burckhardt als indischer Handlungsreisender namens Ibrahim Ibn Abdallah. Er hatte sich gründlich auf die Reise nach Jordanien vorbereitet, den Koran studiert und Arabisch gelernt, sich nach Landessitte gekleidet und vorgegeben, eine Ziege am Grab des Aaron zu opfern, in dessen Nähe er die Felsenstadt Petra der Nabatäer vermutete.

1812 brach Burckhardt zu seiner abenteuerlichen Reise auf – und fand, was er suchte, Petra, die vergessene Metropole der Nabatäer. Seinen ursprünglichen Plan, mit einer Karawane nach Niger zu reisen, hatte er aufgegeben. Bei weiteren Expeditionen entdeckte er den im Sand versunkenen Tempel von Abu Simbel. 1817 stirbt er mit 32 Jahren in Ägypten. Er hat, wie nicht wenige Archäologen, seine Leidenschaft mit seiner Gesundheit, schließlich mit dem Leben bezahlt.

Eine Entdeckungsreise zu den Anfängen der Archäologie.
Eine Entdeckungsreise zu den Anfängen der Archäologie.Abbildung: Martin Haake

Silke Vry erzählt faszinierende Geschichten, nicht ohne kritischen Unterton, denn nicht immer waren die Motive der Reisenden rein wissenschaftlicher Natur. Viele frühe Archäologen waren Schatzsucher, manche in höherem Auftrag. Robert Koldewey hingegen, der Entdecker von Babylon, interessierte sich auch für die Architektur und gilt zu Recht als Begründer der Bauforschung.

Illustriert ist das Buch nicht mit historischen Fotos und Stichen, sondern mit reizvollen Illustrationen von Martin Haake, die das Buch wie aus einem Guss erscheinen lassen. Der schön gestaltete Band ist nicht nur für junge Leser interessant, sondern kann auch bei Erwachsenen das Interesse für Archäologie und alte Kulturen wecken.

Silke Vry, Martin Haake (Illustrationen): Verborgene Schätze, versunkene Welten. Große Archäologen und ihre Entdeckungen. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2017. 160 Seiten, 24,95 €. Ab 10 Jahren.

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