Ausstellung von Judith Hopf, KW : Laptop-Mensch und Ziegelfinger

Die Tücken der vernetzten Welt: Judith Hopf rockt mit „Stepping Stairs“ die Berliner Kunst-Werke.

Jens Hinrichsen
Aus Staub gemacht . Judith Hopfs Ziegelsteinmonumente gliedern den Ausstellungsraum.
Aus Staub gemacht . Judith Hopfs Ziegelsteinmonumente gliedern den Ausstellungsraum.Frank Sperling

Doch, Judith Hopf hatte die Absicht, eine Mauer zu bauen. Sogar mehrere. „Ja, das ist eine Anspielung auf die Berliner Mauer“, sagt die Künstlerin, die in New York ausgestellt hat, in London, Paris und Lissabon, aber ausgerechnet in Berlin nicht, wo sie seit 25 Jahren lebt. Dafür hat ihr Krist Gruijthuijsen in den Kunst-Werken jetzt eine Soloschau eingeräumt.

„Ich möchte wenig Sondermüll produzieren“, sagt Hopf, „deshalb arbeite ich mit Ziegeln, mit transformierter Erde“. In der großen Halle der Kunst-Werke sind vier rote Backsteinmauern verteilt, die als Raumteiler und Sitzbänke fungieren. Die eigentlichen Ziegelskulpturen in der Ausstellung sind durch einen zusätzlichen Arbeitsschritt entstanden. Dicke Quader aus Mauerwerk wurden abgeschliffen, bis gerundete Formen sichtbar wurden. Hopf fertigte bis zu anderthalb Meter hohe Hand-Skulpturen, teils mit schornsteinhaft erhobenem Ziegelfinger.

Backstein-Birnen liegen herum wie überdimensioniertes Fallobst. Den Bezug zu Helmut Kohl, den böse Zungen früher „Birne“ nannten, stellt Hopf selber her. Sie wurde 1969 in Karlsruhe geboren, ihre Jugend fällt in die Kohl-Ära, die sie als „lähmend-spießig“ empfand. So wird man wohl zwangsläufig Künstlerin. In den späteren 90ern wechselte Hopf von der Bremer Akademie nach Berlin an die Hochschule der Künste. Heute lehrt sie als Professorin an der Frankfurter Städelschule – wo sie auch als Prorektorin fungiert.

Hopf bezieht sich auf die spießige Kohl-Ära

Ziegel, Beton, Glas, Verpackungsmüll sind Materialien, mit denen Hopf bevorzugt arbeitet. Es sind Dinge, die wir Zivilisationsmenschen als selbstverständlich voraussetzen – was sie eigentlich nicht sind. Besonders krass findet Hopf, wie sich moderne Elektronik sozusagen in unsere Körper einschleicht. Im Entree der Ausstellung hocken, stehen und liegen Hopfs „Laptop-Men“. Lackierte Stahlskulpturen, die wie plattgewalzte Hybride zwischen Notebook und Mensch wirken.

„Stepping Stairs“ nennt Hopf ihre Ausstellung. In einem gleichnamigen Text beschreibt die Künstlerin, wie sie manchmal Rolltreppen in der falschen Richtung hochläuft, und man weiß nicht genau, ob sie da noch Kinderspiel oder schon Hamsterrad-Existenz beschreibt. Der Text ist in einem zur KW-Ausstellung gedruckten Reader (15 Euro) abgedruckt, in dem Hopf vor allem fantasielose Wohnarchitektur kritisiert. Die Häuser, schreibt sie, „funktionierten weitgehend automatisch. Sie wiederholten einfach das Vergangene, ohne es als Vergangenes zu begreifen. Ihre Funktionsweisen sollten in die Körper ihrer Bewohnerinnen und Bewohner so eingeschrieben werden, dass sie sich diese erst gar nicht mehr bewusst machen mussten. Sie behaupteten, sie wären irgendwie schon immer da gewesen, wie angeboren.“

Den Häusern wird's zu langweilig

In ihrem „Kampf gegen die Grauheit“, wie Hopf das nennt, hat die Künstlerin zwei Verbündete, die allerdings nicht mehr leben. Ihre Kollegin Annette Wehrmann (1961-2010) betippte etwa Silvester-Luftschlangen mit der Schreibmaschine. Die Textstreifen als „Speichermedium für beliebige Wahrnehmungen & Gedankenverbindungen, Splitter von Sinnzusammenhängen & Unsinn“ (Wehrmann) sind in einer Extra-Ausstellung im dritten KW-Geschoss als Geflecht-Installation zu sehen.

Als Inspiration nennt Hopf auch den US-Architekten John Hejduk, der in Kreuzberg den Komplex „Berlin Masque“ realisierte. Für den Innenhof der KW hat die Künstlerin eine Kunst-am-Bau-Arbeit geschaffen, die dem Grauputz ein Gesicht gibt: Augenlider aus Heidjuk'schen Sonnenvisieren, blondes Haar als Fassadenmalerei, und die Tür streckt die Zunge heraus – in Form einer roten Außenmatte. Die anthropomorphe Gestaltung soll dauerhaft an der Fassade verbleiben.

Temporär sind die beiden Zeltstrukturen, die rechts und links der schon genannten Mauer-Werke tief von der Hallendecke hängen. Es sind schwebende Kinos, in denen zwei Hopf-Filme zu sehen sind: In „OUT“ (2018) schmuggelt sich ein schlanker Wohnturm – wiederum mit Hejduk-Elementen versehen – zwischen die Betonriegel einer öden Berliner Neubaugegend. Das nette Haus hat Füße, irgendwann wird's ihm zu langweilig und es trottet aus dem Bild. Gemeinsam mit Henrik Olesen hat Hopf 2008 den Kurzfilm „Türen“ produziert, einen absurden Reigen, in dem die Welt nur aus Türen zu bestehen scheint, und eine Freizeitpolizei auf Streife unterwegs ist. Olesen und Hopf haben hier eine Szene aus Luis Buñuels surrealistischem Klassiker „Das Phantom der Freiheit“ neu verfilmt.

Die Rache weiblicher Hausangestellter

Weiter zurück in die Filmgeschichte reicht die Referenz des Low-Budget-Katastrophen-Kurzfilms „Lily's Laptop“ (2013), der oberhalb der Halle an eine Kabinettwand projiziert wird: Das Au-pair-Mädchen Lily möchte wissen, ob ihr Notebook schwimmen kann, dreht daher die Hähne auf und setzt das schick möblierte Haus ihrer Arbeitgeber unter Wasser. Das erinnert – mit geschickt zusammenmontierten Real- und Modellaufnahmen – an Disneys Micky Maus als Zauberlehrling, ist von Judith Hopf aber als Hommage an „Le Bateau de Léontine“ von 1911 gedacht, einem Beispiel eines „Suffragetten-Films“, wie sie sagt. Alle diese Stummfilme erzählten von der Rache weiblicher Hausangestellter. In Slapstick-Manier wurden bürgerliche Einrichtungen zerlegt, Machtverhältnisse vom Kopf auf die Füße gestellt.

Léontine oder Lily – natürlich identifiziert sich eine Künstlerin wie Hopf mit diesen Alltags-Anarchistinnen. Immer noch haben die Männer die Macht im Kunstbetrieb. Wie behauptet frau sich da? „Einfach machen“, entgegnet Hopf, „und nicht jammern“.

KW Institute for Contemporary Art, Auguststr. 69, bis 15.4., Mi-Mo 11 -19 Uhr, Do 11 -21 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben