Berlinale Special „Unga Astrid“ : Das Mädchen Astrid Lindgren

Die Schöpferin von Pippi Langstrumpf als Volontärin: Der schwedische Film „Unga Astrid“ zeigt die frühen Jahre der großen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren.

Alba August als die junge Astrid Lindgren.
Alba August als die junge Astrid Lindgren.Foto: Erik Molberg Hansen

Es gibt Filme, die scheinen mit jeder Einstellung um den Zuschauer zu werben, und andere, sprödere, die scheinen zu sagen: Sieh her oder sieh nicht her, mir doch egal. „Unga Astrid“ gehört eindeutig zu ersteren, optisch also ist es, sagen wir, Bullerbü-Kino. In Schweden spricht man vom Bullerbü-Syndrom, dem „bullerbysyndromet“. Es bezeichnet das Phänomen, dass Menschen, die Astrid Lindgrens Kindheitsgeschichten lasen, oftmals das Gefühl haben, darin ihre eigentliche Heimat gesehen zu haben. Die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen, die mit ihrem Debütfilm „A Soap“ 2006 einen Silbernen Bären gewann, gehört durchaus dazu.

„Unga Astrid“ beginnt, als Astrid Ericsson aufhört, ein Kind zu sein. Das junge Mädchen sitzt mit Eltern und Geschwistern im Sonntagsgottesdienst und hört dem Pfarrer zu, nein, sie hört ihm eben nicht zu. Warum seit Jahrhunderten immer die gleichen Geschichten erzählen, und dann noch von einer Kanzel herab? Der Pfarrer spricht über Sodom und Gomorra und auf der Pferdekutschenrückfahrt fragt das Mädchen seine Geschwister, ob sie lieber in Sodom oder lieber in Gomorra leben würden. So geht das weiter. Der jungen Schauspielerin Alba August – kindlich unverwundbar, naiv und klug zugleich – glaubt man von der ersten Szene an, dass aus ihr einmal eine der bekanntesten Kinderbuchautorinnen der Welt werden könnte, Auflage bis heute: 160 Millionen Bücher.

Der Chefredakteur schwängert seine Volontärin

Dabei war die Chance für das Kind eines Pfarrhofpächters, länger als drei Jahre zur Schule zu gehen, gering. Erst recht für ein Mädchen, Jahrgang 1907. Es waren die Eltern einer Freundin, die Vater und Mutter Ericsson überzeugten, ihre Tochter auf die höhere Schule zu schicken. Wahrscheinlich hat die 18-Jährige dem örtlichen Zentralorgan, der „Vimmerby Tidning“, ein kleines Feuilleton geschickt, und das hatte eine Wirkung, die die meisten Autoren, die unverlangte Artikel an Zeitungsredaktionen senden, schmerzlich vermissen. Der Chefredakteur bietet dem unbekannten Talent umgehend ein Volontariat an. Bis dato bestand die Redaktion nur aus dem Chefredakteur. Jetzt sind sie zu zweit.

Die Bewusstseinswächter und -wächterinnen von heute werden wohl höchst skeptisch sein gegenüber diesem Arbeitsverhältnis, und für das, was nun folgt, gibt es wohl auch nur eine einzige Entschuldigung: Dass es wirklich so war. Der Chefredakteur schwängert seine Volontärin. Missbrauch einer Machtposition? Aber die Volontärin guter Hoffnung ist gewissermaßen Pippi, ist Astrid Lindgren. Auch in diesem Fall gilt: Man muss immer schon Astrid Lindgren gewesen sein, um Astrid Lindgren zu werden. Es ist durchaus lohnenswert, ihr dabei zuzusehen.

22.2., 12.30 Uhr (Zoo-Palast 1), 15.30 Uhr (Neues Off), 18.30 Uhr (Friedrichstadt-Palast), 25.2., 10 Uhr (Berlinale-Palast)

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