Berliner Kunstfestival : 48 Stunden Neukölln feiert Geburtstag

Kann Kultur die Welt verbessern? Das Image eines gebeutelten Bezirks auf jeden Fall. „48 Stunden“, das größte freie Kunstfestival der Stadt, wird 20 Jahre alt.

Berlin bizarr. Sebastian Bieniek gehört zu den 1200 beteiligten Künstlern. Seine Serie „Doublefaced“ ist in der Galerie Luisa Cantucci zu sehen.
Berlin bizarr. Sebastian Bieniek gehört zu den 1200 beteiligten Künstlern. Seine Serie „Doublefaced“ ist in der Galerie Luisa...Foto: Sebastian Bieniek / VG Bildkunst Bonn 2018

Ein Willkommensbrief! Martina Becker ist immer noch freudig verblüfft, als sie von der Post erzählt, die sie 1999 als frisch von Prenzlauer Berg nach Neukölln gezogene Kunstschaffende im Briefkasten fand. Das Kulturamt begrüßte sie darin herzlich als Künstlerin im Bezirk. „Für mich war das ein Zeichen, dass hier was geht, dass Experimente möglich sind“, sagt Becker. Obwohl und gerade, weil man die Kunstschaffenden im Neuköllner Norden zwischen Landwehrkanal und S-Bahnring zu der Zeit „noch an zwei Händen abzählen konnte“. Jeder kennt hier jeden und schon ist die auf partizipative Projekte abonnierte Becker über die Künstlerkolonie Pasewaldscher Hof bei der ersten Ausgabe des Festivals „48 Stunden Neukölln“ dabei. Und zwar mit der Installation „Neurosenbeet“, die allein ob ihres Spielortes Keller und ihres Materials Plastiktüten eine ausgesprochen festivaltypische Erscheinungsform annimmt.

Berlins größtes freies- und ältestes dezentrales Kunstfestival, dessen 20. Ausgabe an diesem Freitagabend beginnt, fängt von unten an. Als bunte Graswurzelbewegung der örtlichen Kulturszene in einem verlorenen Bezirk, der zwei Jahre zuvor im „Spiegel“-Artikel „Endstation Neukölln“ zur Bronx von Berlin erklärt wurde und sieben Jahre später mit dem „Brandbrief“ der Rütli-Schule erneut Negativ-Schlagzeilen schreibt. Kultur? Das ist das letzte, woran man 1999 beim Stichwort Neukölln denkt. Viel eher fallen dem Rest Berlins und dem Rest der Welt da Drogen, Gewalt, kurz deutsche und migrantische Parallelgesellschaften ein.

Dass sich so ein übler Leumund nur durch einen beherzten Imagewechsel bekämpfen lässt, hat der von örtlichen Kulturanbietern, Kirchengemeinden und Bildungseinrichtungen gegründete Verein Kulturnetzwerk Neukölln seinerzeit lange vor dem Bezirk erkannt, erzählt Festivalchef Martin Steffens. „Das geschah aus künstlerischem Eigeninteresse, weil das Publikum wegblieb, nicht aufgrund eines politischen Auftrags.“ Gemeinsam mit Co-Chef Thorsten Schlenger und einem Kernteam von weiteren sechs Personen bereiten sie im Auftrag des Kulturnetzwerks in einem Büro in der Passage an der Karl-Marx-Straße, wo auch die Neuköllner Oper sitzt, rund ums Jahr die „48 Stunden“ vor. „Wir sind die Biennale di Neukölln, die auch über die Bezirksgrenzen hinaus wirken will“, sagt Steffens.

Pünktlich zum 20. kommt Senatsförderung

Das könnte zukünftig leichter werden. Dieses Jahr herrscht reines Glück. Nicht, weil es zum 20. Geburtstag ein neues Logo und eine Festschrift gibt, sondern weil man sich stadtpolitisch gewürdigt fühlt. Im April wurde den „48 Stunden“ der Ritterschlag einer Förderung durch den Festivalfonds des Senats zuteil.

Wo sonst bei einem Anfangsbudget von mickerigen 15 000 Euro, das sich nach ein paar Jahren auf vom Bezirk und von Sponsoren aufgebrachte 60 000 Euro erhöhte, die hier und da von Drittmitteln und Projektförderungen ergänzt wurden, lässt sich nun mit 210 000 Euro wirtschaften. Die 150 000 Euro Senatsförderung für 2018 und 2019, die bei erfolgreicher Evaluierung für zwei weitere Jahre bewilligt werden, versetzen Steffens und Schlenger in die Lage, endlich Sachmittel und Künstler-Honorare verteilen zu können. Die waren nämlich trotz des zeitweilig auf 900 Veranstaltungen angeschwollenen Festivals mit rund 80 000 Besuchern im Jahr bislang Mangelware.

Von der Veranstaltungsfülle, die in ihrer auch Enttäuschungen produzierenden Jeder-kann-mitmachen-Beliebigkeit das Festival zu fressen drohte, sind die 48 Stunden seit der Umstrukturierung der Jahre 2012/13 herunter. Seither heißt das vormalige „Kunst- und Kulturfestival“ nur noch Kunstfestival, womit keine Beschränkung auf bildende Kunst, sondern das Streben nach einer Kulturschnitzeljagd mit mehr Qualität gemeint ist. Eine Kneipe mit DJ ist seither kein Festivalbeitrag mehr. Künstler müssen sich mit ihrer Idee bewerben.

250 Orte und 90 Projekträume und Ateliers sind dabei

Inzwischen werden nur noch 250 Keller, Dachböden, Hinterhöfe, Plätze, Läden, Wohnungen von 1200 Künstlerinnen und Künstlern bespielt. Zusätzlich öffnen 90 Projekträume und Ateliers ihre Türen. Das Musikschiff ist wieder auf dem Landwehrkanal unterwegs. Und zwei zentrale, kuratierte Ausstellungen in der imposanten alten Sparkasse am Alfred-Scholz-Platz und im Kesselhaus der alten Kindl-Brauerei beackern das in digitalen Zeiten virulente Festivalthema „Neue Echtheit“.

Dessen – wie Torsten Schlenger sagt – vom Begriff Neue Sachlichkeit inspirierte Gestelztheit kann es locker mit dem Kunstsprech von Hochkulturorten aufnehmen. Trotzdem reicht ein Blick ins Programm, um zu erkennen, dass die cleane Galerie-Kultur von Mitte hier trotz aller Gentrifizierungstendenzen noch nicht angekommen ist.

Folge der Fahne. Die Festivalchefs Thorsten Schlenger, Martin Steffens (r.) und ihr explosives neues Logo.
Folge der Fahne. Die Festivalchefs Thorsten Schlenger, Martin Steffens (r.) und ihr explosives neues Logo.Foto: Florin Leonties

Das im Atelierhaus Karl-Marx-Straße 58 ansässige Künstlerduo Birgit Auf der Lauer und Caspar Pauli etwa hat mit 14 der 80 Neuköllner Stadtteilmüttern ein gemeinsames Projekt ausgeheckt, das sie Sonntag in der Galerie im Körnerpark zeigen. Die Frauen aus Einwandererfamilien haben sich – genauso wie die aus Rumänien und Deutschland stammenden Künstler – an ihre Großmütter erinnert und deren Porträts per Holzschnitt und Stoffdruck zu einem Erinnerungstuch vernäht.

Ähnlich wie Martina Becker, die dieses Jahr nicht als Teilnehmerin, sondern als Koordinatorin der Festivalreihe „Signals“ (große Außeninstallationen) dabei ist, haben auch die Stammgäste Auf der Lauer und Pauli mit ihrer partizipativen Kunst nicht die Steigerung ihres Marktwerts im Sinn. Sie wollen gesellschaftlicher Phänomene durch das Sichtbarmachen einer sonst kaum wahrgenommenen Gruppe beleuchten.

Noch sind sie da, die Kreativen, von denen das Festival lebt

Als Künstler sind sie sich sicher: „Für unsere Karriere hat das Festival keine Bedeutung.“ Aber für die Wahrnehmung Neuköllns als Kulturstandort. Das glaubt auch der Maler und Fotograf Sebastian Bieniek, der seine witzige Serie „Double-Faced“ in der Galerie Luisa Cattucci in der Allerstraße ausstellt. In Mitte stünden seit 20 Jahren dieselben Leute bei Ausstellungseröffnungen herum, erzählt Bieniek, der außer von Verkäufen auch von Auftragsarbeiten etwa für das „SZ-Magazin“ lebt. „Dort ist die Kunstszene hermetisch.“ Anders in Neukölln. „Da kenne ich keinen Menschen, weil immer neue da sind.“

Noch funktioniert er also, der stete Nachschub junger Kreativer, der laut Martin Steffens 2006 eingesetzt hat, als nach den Studenten und vor den Maklern die Künstler anfingen, die damals noch bezahlbaren Wohnungen und Zwischennutzungsladenateliers zu entdecken. Mit steigender Hipness Neuköllns sind auch die „48 Stunden“ internationaler geworden. Kooperationen mit ausländischen Festivals wurden geschlossen. Dänen, Russen, Koreaner und Ägypter lassen sich das Modell geglückter Kiez-Entwicklungshilfe durch Kultur zeigen oder wollen gleich als Künstlergruppe teilnehmen.

Die Schattenseiten des Wandels kommen auch bei den Künstlern an

Trotzdem kommen die Schattenseiten des Neuköllner Wandels auch bei den Künstlern und damit beim Festival an. Die Fluktuation der Orte sei gigantisch, sagt Martin Steffens. Kaum einer, der 2006 dabei war, sei es heute noch. So wie die Alte Post, die jetzt ein nobler Co-Working-Space wird. Und auch die Abwanderung der Künstler laufe. Doch noch kommen neue Orte nach. „Solange wir mit dem Festival den Standort hochhalten, ist es schwerer die Leute rauszukicken“, glaubt Torsten Schlenger.

Oder hat der Aufwertungsprozess mit dem schnell als frisch und anders geltenden Wochenende überhaupt erst begonnen? Prompt kann man Festivalchefs wüten sehen. Das Thema ist Schlengers rotes Tuch. „Eine jährliche Veranstaltung von 48 Stunden kann kaum Schuld an der Gentrifizierung eines Bezirks sein.“ Da wirkten doch wohl komplexere kapitalistische Verwertungsstrategien, von denen die Beschuldigungen eines Impulsgebers eher ablenken sollen. Da ist was dran. Genauso stimmt, dass ein Kunstfestival wie „48 Stunden Neukölln“, das in seinen besten Momenten auch ein Volksfest ist, einen abgeschriebenen Bezirk verdammt attraktiv machen kann.

"48 Stunden Neukölln", Fr. 22. – So. 24.6., Eröffnung Freitag 19 Uhr Alte Sparkasse am Alfred-Scholz-Platz. Das komplette Programm unter: www.48-stunden-neukoelln.de

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

4 Kommentare

Neuester Kommentar