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Spurensuche. Die Raubkunst-Ausstellung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe zeigte unter anderem enteignetes Besteck.

© Lena Holbein

Kulturgutverlust-Tagung: Blamagen und Herkulesaufgaben

Wohin steuert die Raubkunstforschung? Die erste Tagung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Berlin zeigte aktuelle Ansätze.

Der Name Hildebrand Gurlitt fiel nur dann und wann. Und trotzdem schwebten der spektakuläre Fall der vor drei Jahren entdeckten Sammlung des NS-Kunsthändlers und die verschleppte Aufarbeitung, schließlich das Versagen der eiligst gegründeten Taskforce zur Klärung der Provenienzen über dieser Tagung. Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste, von der Kulturstaatsministerin Monika Grütters vor einem Jahr als gemeinsame Einrichtung von Bund und Ländern ins Leben gerufen, hatte zu seiner ersten Konferenz ins Jüdische Museum Berlin eingeladen, um von internationalen Provenienzexperten zu hören, worin ihre Erwartungen an das neue Institut bestehen.

Die Causa Gurlitt gab die Folie der Referate ab: Es darf nicht mehr passieren, dass nach zwei Jahren Forschung und viel politischem Bohei nur vier von mehreren hundert unter Raubkunstverdacht stehenden Werken eindeutig identifiziert werden konnten. Nur wenige Tage zuvor hatte Taskforce-Leiterin Ingrid Berggreen-Merkel im Bayerischen Landtag eingestehen müssen, wie „naiv“ sie an das Projekt herangegangen war, das eigentlich binnen Jahresfrist abgeschlossen sein sollte. Als politisches Instrumentarium konnte die Taskforce Schwabinger Kunstfund nur scheitern, Forschung und politische Manöver vertragen sich nun einmal nicht.

Aus den Fehlern habe man gelernt, versprach Uwe Schneede gleich zu Beginn der Tagung. Als Stiftungsvorstand leitet der einstige Direktor der Hamburger Kunsthalle das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste. Bei ihm wird nach Auflösung der Taskforce im kommenden Jahr die weitere Erforschung der Gurlitt-Sammlung angesiedelt sein: Man werde fortan „kompakt, effizient, transparent“ arbeiten, kündigte Schneede an.

Außerdem stellte er klar, dass in Magdeburg, wo das Zentrum angesiedelt ist, Forschung mit offenem Ausgang betrieben werde, über Restitution entscheiden die anderen, die Museen und mit ihnen streitenden Erben. Hier aber eröffnen sich schon die ersten Fragen: Wie groß oder klein darf eine Lücke in der Herkunftsforschung sein, damit eine Rückgabe erfolgen kann? Wo verläuft die Grenze zwischen Recht und Moral, wenn nur ein „Soft Law“ gilt, die Washingtoner Erklärung, nach der zwischen den Konfliktparteien eine „faire“ Einigung erzielt werden soll?

Bei Auktionen erwarben die Nachbarn von Juden deren Besitz zu Schnäppchenpreisen

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bescheinigte Uwe Schneede denn auch, dass er vor einer „Herkulesaufgabe“ stehe. „Die Welt schaut auf Sie“, so Parzinger. „Das Zentrum ist für uns alle wichtig, denn es steht für die Qualität der Provenienzforschung in Deutschland.“ Wie weit sich das Feld erstreckt, ließen die anderen Referate ahnen. Ruediger Mahlo, Repräsentant der Claims Conference in Deutschland – nur mit einer Videobotschaft zugeschaltet, da die Tagung auf einen Sabbat gelegt worden war, an dem jüdischen Repräsentanten öffentliche Auftritte versagt sind –, erinnerte an die Auktionen im „Dritten Reich“, bei denen sich die Nachbarn der Verfolgten zu Schnäppchenpreisen mit deren Hausrat eindeckten.

Handel und Auktionswesen sind wichtig für die Spurensuche

Bislang sind die jüdischen Großsammler bevorzugter Gegenstand der Provenienzforschung gewesen, so Mahlo, aber was ist mit den vielen anderen Beraubten? Außerdem mahnte er angesichts des hohen Alters der Nachfahren zur Eile: Der Bruder von David Toren, an den das Liebermann-Gemälde aus der Gurlitt-Sammlung restituiert wurde, hat die Rückgabe nicht mehr erlebt. Hier allerdings bremste Schneede: „Forschung lässt sich nicht wie ein Auto beschleunigen.“ In den Ohren der Erben muss dies bitter klingen, doch der gescheiterte Kickstart der Gurlitt-Taskforce bestätigt Schneede. Auch das hat der Fall des NS-Kunsthändlers nochmals gelehrt: wie wichtig Handel und Auktionswesen für die Spurensuche sind. Mit den Spitzen der Galeristen- und Auktionatorenverbände führt das Zentrum Gespräche, damit sie ihre Bücher öffnen. Bislang hatte der Schutz ihrer Kunden Priorität.

Herfried Münkler schlug einen Bogen zu den Raubzügen und Zerstörungen des IS

Auf ein ganz anderes Kapitel machte der Berliner Rechtsanwalt Ulf Bischof aufmerksam, der über den Umgang mit Kunst sprach, die den Sammlern von den Behörden der DDR geraubt wurde, um sie in den Westen zu verkaufen. „Es muss sich ein Unbehagen einstellen, diese Dinge zu erwerben“, forderte er und rief damit auch den Eröffnungsvortrag der Tagung von Herfried Münkler in Erinnerung, den den Bogen zu den Raubzügen und Zerstörungen des IS im Nahen Osten geschlagen hatte. An ihren Kunstverkäufen klebt Blut, und doch gibt es einen Markt für ihre angebotenen Archäolgica. Bischof erzählte die Geschichte eines Mandanten, der zehn Jahre lang mit dem Erfurter Angermuseum um die Herausgabe der Sammlung seines Vaters rang. Erst vor Gericht setzte sich der Erbe gegen die hartleibige Bürgermeisterin durch – um am Ende doch nur jene Stücke zu erhalten, an die er sich noch aus seiner Kindheit erinnerte.

In der DDR wurden Händler und Sammler kriminalisiert

Spurensuche. Die Raubkunst-Ausstellung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe zeigte unter anderem enteignetes Besteck.

© Lena Holbein

Auch Gilbert Lupfer mahnte, dass die Recherche sich nicht in der Suche nach NS-Raubkunst erschöpfen dürfe, und wünschte sich ein Ende der „Ostnische“. Der Forschungsleiter des Staatlichen Kunstsammlungen Dresden berichtete von den „Schlossbergungen“ noch unter der russischen Militäradministration, bei der Tausende von Schlössern und Gutshäusern enteignet wurden. Deren Inventar verleibten sich die Museen ein, wo es heute noch zu einem großen Teil schlummert. In der DDR wurden schließlich die Händler und Sammler kriminalisiert, um sich deren Besitz anzueignen. Erst jetzt stehen die Akten der Kommerziellen Koordinierung des staatlichen Außenhandels der Forschung zur Verfügung, 83 Regalmeter im Mühlenbecker Lager.

Die Berliner Forschungsstelle für "Entartete Kunst" steht vor dem Aus

Auch hier haben sich Museumsleute als Handlanger und Profiteure betätigt, allerdings im Nachhinein mit einem guten Ende, wie sich für den Nachfahren eines beraubten Sammlers erweisen sollte. Die Direktorin der Dresdner Porzellansammlung hatte dafür gesorgt, dass ein Meißner Deckelkrug nicht in den Westen, sondern in ihre Kollektion gelangte. Von den 5000 Positionen, die zu DDR-Zeiten enteignet wurden, ist sie das einzige Objekt, das an den Erben restituiert werden konnte. Alles andere ging über die Grenze und ist verloren. Inzwischen befindet sich das kostbare Stück wieder im Dresdner Museum. Ähnlich wie bei den verfolgten jüdischen Sammlern des NS-Zeit müsse den beraubten Sammlern der DDR ihre Würde zurück gegeben werden, so Lupfer. Zugleich warnte er davor, das NS-Unrecht zu relativieren.

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste steht vor einer großen Aufgabe. Uwe Schneede nannte als weitere Felder Exponate aus Kolonialzeiten, archäologisches Raubgut, zoologische Sammlungen, private Kollektionen, nicht zuletzt den Ausbau der Weiterbildung. Wie ein Hohn muss es da klingen, dass die Berliner Forschungsstelle „Entartete Kunst“ kurz vor ihrer Abwicklung steht, da die FU nach einer Förderung des Bundes in den nächsten drei Jahren nicht bereit ist, ihren Weiterbestand zu garantieren. „Welche Auswirkung die Schließung im Ausland hätte, darf man sich nicht vorstellen“, so Schneede. Die Forschung braucht eben doch die Politik – zumindest zur Bereitstellung der Gelder. Weitere Peinlichkeiten sollten sich Bund, Land und FU ersparen.

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