Bryan Adams in Berlin : Summer of 2019

Ach, was war das schön damals: Kitschonkel Bryan Adams gibt seinen Fans in der Mercedes Benz Arena genau das, was sie wollen.

Ohne jeden Tand. Bryan Adams und seine Band spielen live - und manchmal auch ein bisschen schief.
Ohne jeden Tand. Bryan Adams und seine Band spielen live - und manchmal auch ein bisschen schief.Foto: Jens Kalaene/dpa

Kurz bevor Bryan Adams seinen Song „You Belong To Me“ anstimmt, hat er eine Bitte ans Publikum. Das möge, so schlägt er vor, doch tanzen, seine beiden Kameramänner würden dann die allerbesten Tanzenden einfangen und auf die große LED-Leinwand hinter der Bühne beamen. Man sieht da also, während Adams und seine Band die eher egale Rock-Nummer herunterdreschen, jede Menge Moves im körnigen Schwarzweiß. Die Damen – sie sind an jenem Abend in der Überzahl – bemühen sich tatsächlich um einigermaßen koordinierte Bewegungsabläufe. Brust raus, Arme in die Luft! Ein paar Herren dagegen entledigen sich ihrer „Summer Of ’69“-Shirts und schwenken diese in den Hallenhimmel. Vor allem aber bemühen sich alle, das Geschehen mit ihren Handykameras festzuhalten.

Sie filmen sich also, während sie gerade gefilmt werden, und kurz muss man an Jack White denken, der gar kein Smartphone besitzt und an Tom Morello von Rage Against The Machine, der vor ein paar Tagen den Versuch eines Fans, während eines Konzertes ein Selfie mit ihm zu schießen, damit parierte, dass er dessen Telefon im hohem Bogen von der Bühne warf. Da hätte Bryan Adams viel zu tun gehabt. Aber vermutlich stört’s ihn gar nicht, denn schon vor dem Gig lief auf der Leinwand ausführliche Instagram-Werbung. Ohnehin scheint der Kanadier kein Problem mit der Dauerverwertung seiner Person zu haben: Es ist nicht nur so, dass er da auf der Bühne steht. Man sieht ihn eigentlich auch ständig durch die Visuals und Musikvideos im Hintergrund mäandern. Mal ironisch – im Vorspann des Konzerts schnellt aus seinem rot eingefärbtem Überlebensgroß-Antlitz plötzlich eine große, grüne Zunge, die eine Fliege verspeist – mal beim Flanieren durch ein Einkaufszentrum. Und einmal streichelt ihm eine junge Dame zärtlich durch das Gesicht, während er doch nur sein Lied singen mag!

Eine Überraschung gibt es dann doch

Die visuell recht hochgezüchtete Show, deren zentraler Bestandteil neben den Videos eine auf- und abfahrbare Neonröhren-Instalation ist, die in ihrer Reduktion bisweilen an die Beleuchtungslösungen Kreuzberger Kulturvereine erinnert, stellt einen interessanten Gegensatz zu dem dar, was tatsächlich auf der Bühne passiert. Denn Adams und seine Band stehen da ohne jeden Tand. Ein paar in die Jahre gekommene, aber maximal sympathische Jungs, die nur spielen wollen und sowohl auf Bläser, Streicher, Backgroundsänger verzichten als auch auf allzu häufige Instrumentenwechsel. Neben Adams am wichtigsten ist sicher Keith Scott, dessen Hauptgitarre so aussieht, als sei sie schon mehrfach von einem LKW überfahren worden. Sie klingt großartig, ist eine der Dominaten.

Nichts, so sagt Adams selbst, komme hier vom Band. Man nimmt ihm das gerne ab, zumal er gegen Ende des gut zweieinhalbstündigen Konzertes sogar Publikumswünsche erfüllt und da dann das passieren lässt, was eigentlich nicht mehr vorgesehen ist bei solchen Veranstaltungen: Die Band ist nicht sattelfest. Sie verspielt sich ein, zwei Mal und tut das mit höchstem Vergnügen. Schließlich holzt sie auch noch ein Cover von Stevie Wonders „Superstition“ runter. Diese Viertelstunde ist vielleicht der charmanteste Part an einem Abend, der sonst bis ins kleinste Detail ganz genauso abläuft, wie alle Anwesenden es sich vorgestellt haben. Bryan Adams als nostalgischer Rocker („Summer Of 69“; Part Friday Night, Part Sunday Morning“). Bryan Adams als Kitschonkel („(Everything I Do) I Do It For You). Und ein Publikum, das sich nicht weiter daran stört, dass gerade die neueren Songs recht wenig Fallhöhe besitzen und stattdessen das macht, was das deutsche Publikum so gerne macht: Es zerklatscht einen guten Teil der Musik einfach, so laut und ausdauernd, dass man von den letzten Feinheiten der an Feinheiten ohnehin nicht reichen Lieder kaum mehr etwas mitbekommt. „This Is Torture, this is pain“, singt der Mann, der im November 60 wird, einmal dazu. Er meint’s natürlich ganz anders, aber man ist geneigt, ihm in diesem Moment, in dieser Sekunde, rechtzugeben.

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