Carsten Nicolai im Porträt : Von Karl-Marx-Stadt nach Hollywood

Carsten Nicolai ist Künstler und Musiker. Er stellt in Berlin aus und veröffentlicht Alben und Filmmusik als Alva Noto. Eine Begegnung in der Berlinischen Galerie.

In einem schlauchförmigen Ausstellungsraum der Berlinischen Galerie stehen sich an den Enden des Saals zwei Installationsobjekte gegenüber. Die archimedischen Körper scheinen zusammenzugehören, auch wenn sie weit voneinander entfernt stehen. Ein gelb-grüner Laserstrahl, der von sechseckigen Figuren gespiegelt wird, stellt die Verbindung her.

„Tele“ hat der in Berlin lebende Künstler Carsten Nicolai seine Arbeit genannt, die er extra für die Galerie konzipiert hat. Er habe sich in letzter Zeit viel mit Quantenphysik beschäftigt, erklärt der Künstler in seiner Ausstellung. Die Erkenntnis, dass auch zwei räumlich voneinander getrennte Quantensysteme eine Art telepathische Verbindung miteinander haben, habe ihn bei seinem Werk beeinflusst. Im Hintergrund plätschert ein wenig Musik. Was naheliegt: Nicolai ist ja auch Musiker, da wird er sich eine Soundinstallation ausgedacht haben. Doch er winkt ab und sagt, die Klänge gehörten zur Ausstellung im Nebenraum, worüber er nicht besonders glücklich sei, aber so sei das nun mal.

Ein Besucher kommt vorbei, spricht Nicolai an und sagt auf Englisch: „Vielen Dank. Die Arbeit ist wunderbar.“ Dann lässt er sich noch seinen Ausstellungskatalog unterschreiben. Ganz sachlich und nüchtern kümmert sich Nicolai um den Fan, ein wenig so, wie er auch seine Kunst und seine Musik gestaltet.

Vor zwanzig Jahren kam der Durchbruch

Geboren wurde der 52-Jährige in Chemnitz, das damals noch Karl-Marx-Stadt hieß. Er studierte Landwirtschaftsarchitektur in Dresden, wo er heute eine Professur an der Kunstakademie innehat. Vor etwas mehr als zwanzig Jahren wurde er gleichzeitig als Künstler und Musiker bekannt. So wurde er schon 1997 als Carsten Nicolai zur Documenta nach Kassel eingeladen und veröffentlichte im selben Jahr unter dem Musiker-Alias Noto seine zweite Platte.

Beispiele für Musiker, die auch als Künstler arbeiten oder umgekehrt, gibt es viele. Das reicht von Bob Dylan, der auch malt und Eisenskulpturen erschafft, bis hin zu Künstlern wie Mike Kelley, Albert Oehlen oder Martin Kippenberger, die sich auch als Musiker versucht haben. Doch am Ende überschattet bei den meisten dieser Doppelbegabten der Erfolg in der einen Disziplin die öffentliche Wahrnehmung in der anderen. Bob Dylan kann noch so viele Riesenskulpturen bauen, er wird für immer hauptsächlich der Musiker Bob Dylan bleiben.

Carsten Nicolai jedoch hat es geschafft, sich zwei sorgsam voneinander getrennte Paralleluniversen zu schaffen. In einem ist er der Künstler Nicolai, der überall in der Welt seine Installationen ausstellt. Im anderen Universum ist er der Musiker Noto oder inzwischen vor allem Alva Noto, der für einen streng pulsierenden Elektroniksound an der Grenze zum Minimal-Techno steht. Dazu betreibt er noch sein eigenes Label Noton, das er, der Idee eines strengen Minimalismus folgend, programmatisch „Archiv für Ton und Nichtton“ nennt. Zeitgleich zur Ausstellung in der Berlinischen Galerie sind von dem auch als Musiker enorm produktiven Nicolai bei seiner Plattenfirma gleich zwei neue Platten erschienen: das Alva-Noto-Album „Unieqav“ und „Glass“, seine inzwischen bereits fünfte Zusammenarbeit mit der japanischen Pop- und Elektroeminenz Ryuichi Sakamoto, der schon Ende der Siebziger mit seinem Yellow Magic Orchestra Weltruhm erlangte und später erfolgreich Soundtracks für Hollywoodfilme komponierte.

Er hat drei Räume in seinem Berliner Studio - zwei für Kunst, einen für Musik

Sein Studio in Berlin habe drei Räume, erklärt der im Gespräch überaus freundliche Carsten Nicolai mit leicht sächselndem Tonfall. In zweien davon konzipiere er seine Kunst, im anderen produziere er die Musik. „An einem Tag gehe ich auch mal von Raum zu Raum und widme mich nacheinander beidem, der Musik und der Kunst“, sagt er. „Du brauchst als Künstler auch mal Abstand von dem, was du machst. Ich gewinne den, indem ich für eine Weile die Disziplin wechsele.“

Er sagt, für ihn fühle sich das alles ganz normal und natürlich an. „Ich finde eben den kleinen Club, in dem ich als Musiker auftrete, genauso spannend wie den White Cube. Das Spannungsverhältnis zwischen beidem interessiert mich.“ Zudem haben „die Leute, mit denen ich mich umgebe, oft ein multiples Interesse an Kunst und Musik. Ryuichi Sakamoto arbeitet ja auch als Künstler, obwohl das viel zu wenig wahrgenommen wird.“

Gleichzeitig sei ihm aber doch bewusst, dass er da in zwei verschiedene Welten hineinarbeite. Schon die Produktions- und Rezeptionsbedingungen sind völlig unterschiedlich. Ohne Gelder des Hauptstadtkulturfonds hätte er seine nicht gerade billig herzustellende Installation in der Berlinischen Galerie gar nicht stemmen können, in Tokio oder New York bekommt jedoch kaum jemand mit, dass er in Berlin gerade ein neues Kunstwerk ausstellt. Platten verkaufe er kaum noch, sagt er, dennoch sei deren Wahrnehmung eine ganz andere als die seiner Kunst, denn die Musik würde überall in der Welt besprochen. Einen ungeahnten Aufmerksamkeitsschub bekam sein Projekt zudem vor ein paar Jahren, als er mit Depeche Mode umhertouren durfte und in ihrem Vorprogramm spielte.

Um die Verbindungslinien zwischen dem Künstler Nicolai und den Musiker Alva Noto zu erkennen, braucht es nicht einmal einen Laser, da reicht schon ein Blick auf seine Plattencover und überhaupt die Gestaltung seiner Alben, die er selbst vornimmt. Schlicht und klar sind die Attribute, die man seiner präzisen Kunst genauso zuschreiben kann wie seiner schnörkellosen Tongestaltung.

Dass ausgerechnet er, der klar und sachlich denkende Deutsche mit seiner von Mathematik und Architektur geprägten Ästhetik nun auch noch in Hollywood gelandet ist, das nennt er selbst „ziemlich verrückt“. Sakamoto, den er bei seinem ersten Konzert in Japan kennenlernte und mit dem er Mitte Juni auch wieder in Berlin auftritt, hat ihn einfach dazugeholt, als er die Musik für Alejandro G. Iñárritus später oscar-prämierten Film „The Revenant“ schrieb. Sie fanden suggestiv-atmosphärische Klänge für den Überlebenskampf des von Leonardo DiCaprio gespielten Jägers, was ihnen eine Golden-Globe-Nominierung einbrachte. Von Karl-Marx-Stadt nach Hollywood – „ziemlich verrückt“ trifft es ganz gut.

„Tele“, Berlinische Galerie, bis 3.9., Mi–Mo, 10–18 Uhr. Konzert Alva Noto & Ryuichi Sakamoto, 13.6., 20.30 Uhr, Funkhaus Nalepastraße

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