zum Hauptinhalt
Familiengeschichte: Eine Szene aus „Virus Tropical“.
© Parallelallee

Autobiografische Comics aus Lateinamerika: „Wir waren alle Amateure ohne eine lange Comic-Tradition“

Powerpaola ist eine Pionierin der autobiografischen Bilderzählung in Lateinamerika. Jetzt ist ihr Buch „Virus Tropical“ auf Deutsch erschienen.

Ihre Mutter will kein weiteres Kind von ihrem Mann, einem ehemaligen katholischen Priester, und hat sich sterilisieren lassen. Und so diagnostiziert ihr Arzt im ecuadorianischen Quito zunächst ein „tropisches Virus“, als sie dennoch wieder schwanger wird, eben mit Paola, die heute unter dem Künstlerinnenname Powerpaola firmiert.

Eine weitere Szene aus dem besprochenen Buch.
Eine weitere Szene aus dem besprochenen Buch.
© Parallelallee

Die 1977 geborene und heute in Argentinien lebende Comic-Künstlerin, die auch als Illustratorin arbeitet, ist eine Meisterin des autobiografischen Comics in Lateinamerika. Doch ist dieses Genre nicht längst ausgereizt? So viele sind doch schon zu Wort gekommen und haben in vielfältigen Formen ihre Geschichte erzählt.

Keineswegs! Denn die Entdeckungsreise ins Selbst geht gewissermaßen als Weltreise weiter. Für Powerpaola waren Zeichnerinnen wie Julie Doucet eine Offenbarung, als sie deren Arbeiten bei einem Paris-Aufenthalt entdeckte. Sie öffneten das bis dahin männerdominierte Medium Comic für explizit weibliche Perspektiven.

In Lateinamerika gab es solche Comics damals überhaupt nicht, und so war Powerpaolas 2011 erschienenes Buch „Virus Tropical“, das jetzt beim kleinen Berliner Verlag Parallelallee auf Deutsch vorliegt (164 S., 19 €), eine wirkliche Pionierleistung.

In ihrer mitreißenden, teils auch selbstentblößenden Coming-of-age-Geschichte erzählt Paola von den Schwierigkeiten, als jüngste von drei Töchtern ihren Platz in der Familie zu finden und davon, wie sie nach dem Umzug nach Kolumbien wegen ihres ecuadorianischen Spanisch als Landei veräppelt wird.

Die verschiedenen Begriffe und Redeweisen, die in Ecuador und Kolumbien benutzt werden, hat Lea Hübner kongenial ins Deutsche übertragen, ohne auf hiesige Dialekte zurückzugreifen.

Jean-Michel Basquiat, Otto Dix und George Grosz als Vorbilder

Paola findet trotzdem Freunde, während ihre Mutter sich als Wahrsagerin für reiche Kolumbianerinnen über Wasser hält, nachdem der Vater die Familie verlassen hat. Sie muss sich nicht nur mit ihren Töchtern, sondern auch mit ihrer Haushälterin herumschlagen.

Eine weitere Szene aus „Virus Tropical“.
Eine weitere Szene aus „Virus Tropical“.
© Parallelallee

Powerpaola nennt neben Doucet und Marjane Satrapi auch die expressiven Arbeiten von Jean-Michel Basquiat, Otto Dix und George Grosz als Vorbilder, ihr Stil wirkt wie skizzenhaft hingeworfen. Aber die Dynamik der schwarz-weißen Bildfolgen und der spritzigen Dialoge zieht den Leser in den Sog der Geschichte des Mädchens und der jungen Frau.

[Weitere Tagesspiegel-Artikel zu Comics aus Lateinamerika: Die Entdeckung Brasiliens, Harte Zeiten für Cartoons und Comics in Brasilien]

Auf der Basis des Comics entstand auch ein Animationsfilm, der 2018 auf der Berlinale lief und nun an einigen Terminen im Berliner Kino Acud zu sehen sein wird, am 10. Juli in Anwesenheit der Künstlerin, die als Fellow am Literarischen Colloquium Berlin arbeiten wird.

Der Tagesspiegel hat Powerpaola in Buenos Aires per Skype zu ihrer Arbeit befragt:

Powerpaola im Selbstporträt.
Powerpaola im Selbstporträt.
© Parallelallee

Ihre Comics sind autobiografisch und oft sehr enthüllend und freizügig. Hat diese Form eine starke Tradition in Lateinamerika – oder haben Sie Ihre Inspiration anderswo bekommen?
2003 war ich in Frankreich und habe Künstlerinnen wie Julie Doucet, Marjane Satrapi und Aline Kominsky entdeckt. Frauen, die von sich selbst erzählen – niemals zuvor hatte ich etwas Ähnliches gesehen, und ich habe mir gesagt: „Ich will eine von ihnen sein“. Zu der Zeit wurden die meisten Comics in Lateinamerika von Männern gezeichnet, mit jeder Menge perfekter Körper. Ich habe nach Comics gesucht, die ausdrucksstärker waren, sowohl in Bezug auf die Zeichnungen als auch in Bezug auf die Geschichten, und habe angefangen, Comics von Frauen zu sammeln.

Tatsächlich ist keine der Künstlerinnen, die sie genannt haben, Französin. Zu der Zeit war auch Frankreich noch hinterher, was autobiografische Comics von Frauen angeht, oder?
Ja, und vielleicht war ich auch deshalb von diesen Künstlerinnen angezogen, weil sie – wie ich – Ausländerinnen waren. Aber vor allem war es ihr Stil. Während meiner Visual Arts-Ausbildung habe ich mich unter anderem für die Arbeiten von Basquiat, Dix und Grosz interessiert, sehr expressive, eine andere Art von Wirklichkeit aufdeckende Kunst. In meiner eigenen Arbeit möchte ich den Prozess zeigen, wie Kunst gemacht wird.

Familienporträt: Ein Panel aus „Virus Tropical“.
Familienporträt: Ein Panel aus „Virus Tropical“.
© Parallellee

Enthüllende, freizügige autobiografische Arbeiten werfen immer die Frage auf, ob der Künstler oder die Künstlerin mit Freunden und Familie Probleme bekommt, weil intime Details und persönliche Geschichten veröffentlich werden – ist Ihnen das auch passiert?
Mein erstes Buch – „Virus Tropical“ von 2011 – habe ich sehr schnell entwickelt und gezeichnet. Ich habe mich selbst entblößt und wollte eine schwierige Unterhaltung innerhalb meiner Familie und mit meiner Familie anstoßen. Schwierig aber wichtig, um sich selbst wirklich zu kennen. Und, nein, ich habe keine Freunde wegen meiner Comics verloren. Ich gehe sehr sorgfältig mit meinen Figuren um! Tatsächlich haben manche zwar darum gebeten, dass ihre Namen geändert werden, aber viele haben sich darüber beschwert, dass sie nicht vorkommen – sie sagen: „Du magst mich wohl nicht genug“.

„Virus Tropical“ und auch Ihr zweites Buch „Todo va a estar bien“ („Alles wird gut“) sind sehr dialog-getrieben, es gibt kaum Beschreibungen – ist das insgesamt Ihr bevorzugter Stil?
Als ich in Kolumbien begann, Comics zu zeichnen, waren wir alle Amateure, in einem Kontext ohne eine lange Comic-Tradition. Das hat uns unglaubliche Freiheiten verschafft. Ich wollte auf die verschiedenen Dialekte, die in den verschiedenen lateinamerikanischen Ländern gesprochen werden, fokussieren – und war sehr froh, dass das im Animationsfilm beibehalten wurde, der auf der Basis von „Virus Tropical“ entstanden ist und der 2018 auf der Berlinale lief.

Sind Ihre neuen Projekte auch autobiografisch und dialog-getrieben?
Mein neues Buch – grob übersetzt heißt es „Alle Fahrräder, die ich jemals in meinem Leben hatte“ – ist wieder autobiografisch, hat aber weniger Dialoge. Und es wird in Farbe sein, eher wie Gemälde.

Das Titelbild von „Virus Tropical“.
Das Titelbild von „Virus Tropical“.
© Parallelallee

Das klingt teuer. Heißt das, dass es heute eine institutionelle Infrastruktur für Comics in Lateinamerika gibt? Verlage, Stipendien und ähnliches?
Alle meine bisherigen Verlage in ganz Lateinamerika haben sich für dieses Projekt zusammengetan! Leider gibt es nicht viele Stipendien oder andere Unterstützung und deshalb müssen Künstler_innen andere Jobs haben, um über die Runden zu kommen. Ich arbeite als Illustratorin und Künstlerin und zeichne Comics, weil ich es liebe. Aber es gibt auf jeden Fall eine wachsende Szene – vor allem in Argentinien, wo es sowohl die großen Comic-Läden mit den Superheldencomics, Mangas und französische Comics gibt, als auch die Spezialläden mit Fanzines und lateinamerikanischen Comics. In Kolumbien gibt es weniger Leser_innen und es ist ein größeres Risiko für Verlage, Comics zu veröffentlichen – aber auch da wächst die Szene. Das Internet hat dabei geholfen, ein Netzwerk entstehen zu lassen und Austausch jenseits der Festivals ermöglicht. Auf jeden Fall habe ich meine Sippe gefunden.

Und Sie haben einen deutschen Verlag gefunden – Parallelallee. Sie werden Ihr Buch ja auch persönlich in Deutschland vorstellen…
Ich habe mich sehr gefreut, als Lea Hübner mir eine deutsche Fassung vorschlug. Und ich freue mich sehr darauf, ab Juni für zwei Monate als „Artist in Residence“ beim Literarischen Colloquium Berlin zu sein.

Veranstaltungen mit Powerpaola in Deutschland
16.-19.06. Comic-Salon Erlangen: Täglich Signierstunden
16.6. um 20 Uhr, Filmvorführung von „Virus Tropical“ und Q&A mit Powerpaola
17.6. um 17 Uhr Gespräch Powerpaola und Ulli Lust
2.-23.7. Verlagsausstellung Parallelallee in der Neurotitan-Galerie, Berlin, mit Vernissage am 2.7. und Finissage am 23.7.
5.7 um 19 Uhr Filmvorführung von „Virus Tropical“ (OmeU) im Kino Acud (Berlin)
10.7 um 19 Uhr Filmvorführung von „Virus Tropical“ (OmeU) in Anwesenheit von Powerpaola, mit Q&A im Kino Acud
14.07 um 19 Uhr Filmvorführung von „Virus Tropical“ (OmeU) im Kino Acud

Thomas Greven

Zur Startseite