Corona gefährdet Kunstmessen : „Wir drücken gerade auf Reset“

Die Art Cologne verlegt als größte deutsche Kunstmesse ihren Termin in den Herbst. Doch der Kalender ist eng – für andere Messen könnte diese Entscheidung das Ende bedeuten.

Sebastian C. Strenger
Mit der Tefaf in Maastricht fand die letzte Kunst- und Antiquitätenmesse für längere Zeit statt.
Mit der Tefaf in Maastricht fand die letzte Kunst- und Antiquitätenmesse für längere Zeit statt.Foto: Tefaf Maastricht Promo

Die Tefaf in Maastricht war womöglich für viele Monate die letzte internationale Kunstmesse. Vier Tage vor ihrem offiziellen Ende wurde sie vergangenen Mittwoch geschlossen – nachdem man vonseiten der Tefaf noch einmal auf die guten „Verkäufe an private und institutionelle Sammler während der gesamten Messetage“ hingewiesen hatte. Allerdings war ein niederländischer Aussteller auf der Messe mit Corona infiziert; ein ähnlicher Fall, wie ihn bereits im Februar die Kunstmesse Arco in Madrid verzeichnen musste.

Zumindest solche Nachrichten bleiben der Art Cologne nun erspart. Deutschlands bedeutendste Kunstmesse mit knapp 200 teilnehmenden Galerien und an die 57 000 Besuchern hat nach langem Zögern nun auch abgesagt und den Termin um rund sieben Monate auf den 19. bis 22. November verschoben.

Das trifft sich gut für Köln, denn so fallen diesmal die Art Cologne und ihre Schwestermesse Cologne Fine Art & Design zusammen, die regelmäßig im Herbst auf Antiquitäten, Schmuck und Vintage-Design setzt.

Es sieht düster aus

Für andere Veranstalter sieht es düster aus, auch wenn die meisten ihren Termin erst einmal nur verschieben wollen. Doch wohin? Der Kalender der zwischen London, Paris, Basel und Hongkong stattfindenden Messen ist eng. „Die derzeitige Situation mündet in einer Komplettüberarbeitung des Messekalenders,“ meint denn auch Markus Peichl, dessen Galerie Crone in Berlin und Wien ansässig ist.

Die aktuelle Situation werde ihre Folgen bald zeigen. „Es ist kaum anzunehmen, dass uns die gewohnte Vielfalt an Kunstmessen erhalten bleibt. Wenn sich jetzt alles in den Spätherbst verlagert, werden dies viele Akteure nicht überleben. Und es ist wohl auch kaum möglich, dass sämtliche Messen im Herbst noch einen Termin finden. Das ist nur ein strategisches Manöver“, so Peichl.

Vor der Art Cologne hatten bereits international wichtige Kunstmessen wie die Art Basel Hongkong, die Jingart Beijing oder die Art Dallas Contemporary für dieses Jahr abgesagt. Andere verkünden dagegen erst einmal eine Terminverlegung: Neben der Art Brussels und der Art Dubai zählen auch die Art Paris, der Pariser Salon du Dessin oder die ArtBA in Buenos Aires zu jenen Kandidaten, die in absehbarer Zeit doch noch stattfinden sollen. Damit gerät die weltweite Planung bei Besuchern wie Händlern gleichermaßen ins Wanken.

Konflikte kommen auf

Wie es sich auswirkt, wenn Schwergewichte wie die Art Cologne in den Herbst ausweichen, macht das Beispiel der Art Düsseldorf klar. Sie ist ungleich kleiner und jünger, außerdem hat sich die mächtige Schweizer Messegesellschaft MCH-Group nach anfänglicher Unterstützung zurückgezogen. Der diesjährige Termin Mitte November liegt nun eine Woche vor dem neuen Kölner Doppelauftritt. Damit hat Düsseldorf ein Problem: Die Messen nähern sich nicht nur zeitlich an. Sie zielen auch auf dieselbe Klientel im Rheinland.

„Es hat keinen Sinn, in dieser kurzen zeitlichen Folge auf beiden rheinischen Messen auszustellen“, konstatiert der Wiener Galerist Philipp Konzett. Mit Blick auf die Kosten und Reichweite würde er die Art Cologne vorziehen. So könnten sich für die Koelnmesse, in deren Händen die Art Cologne liegt, gleich zwei Probleme auf einen Streich erledigen. Zum einen stärkt sie die seit langem schwächelnde Cologne Fine Art – selbst wenn ein Teil der Galeristen nicht mit in den Herbst umzieht, weil zeitgleich auch die Artissima in Turin und die Paris Photo mit einem Schwerpunkt auf Fotografie stattfinden. Daneben schwächt man mit dem Doppelauftritt jedoch vor allem die Art Düsseldorf, deren Anmeldefrist im Mai verstreicht. Noch haben sich wenige Galerien angemeldet – man weiß ja nicht, wie sich die kommenden Monate entwickeln.

Für sie wird die momentane Krise ohne internationale Verkaufsmöglichkeiten zur Herausforderung. „Die aufziehende Krise wird zur schnelleren Markträumung beitragen, vielen kleineren Galerien geht in den kommenden Monaten die Luft aus“, prognostiziert Galerist Konzett. Bestätigt wird er durch Kristian Jarmuschek, der dem Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler vorsitzt: „Der Fluss des Kunstmarktes wird gerade unterbrochen.

Es kann alle treffen. Wirtschaftskraft wird bei Sammlern wie auch bei Galeristen, unabhängig von ihrer Größe, ausbleiben. Ich fürchte von den gegenwärtig etwa 125 professionellen Galerien in Berlin werden wir im Herbst weniger als 100 wiedersehen. Von einstmals rund 600 Galerien im Jahr 2006!“

Der Kunstmarkt schrumpft

Damit gesellt sich zu den massiven Problemen, die Galerien seit der Erhöhung der Mehrwertsteuer, den Neuerungen im Kulturgutschutzgesetz und steigenden Mieten ohnehin haben, noch mehr wirtschaftlicher Druck. Ohnehin schrumpft der Kunstmarkt seit Jahren; darunter leiden nicht allein die Galeristen: Mit ihnen trifft es eine ganze Branche, die sich auf Dienstleistungen rund um die Kunst konzentriert. So wie die Kunstspediteure, die derzeit hohe, durch das Coronavirus verursachte Ausfälle zu beklagen haben.

„Wenn die Ausbreitung von COVID-19 die Geschäfte unserer Kunden beeinträchtigt, spüren wir das natürlich auch“, erklärt ein Unternehmenssprecher der Kunstlogistik bei DB Schenker, einem der international führenden Speditionen in diesem Bereich. „Wie sich dies konkret auf das Ergebnis auswirkt, lässt sich heute noch nicht beziffern“, fährt er fort.

Doch das Unternehmen macht seine Geschäft zu mehr als zwei Dritteln auf internationaler Ebene. Mittelständler sehen da schon klarer. „Die derzeit größte Herausforderung sind die immer neuen Logistikketten, die wir aufbauen müssen, weil Absagen erfolgen und Verschiebungen stattfinden. Ähnlich schwierig ist die Entscheidung, in welcher Reihenfolge wir noch Aufträge annehmen. Insgesamt rechnen wir in den kommenden drei Monaten mit 20 Prozent Einbußen und hoffen, dies in der Zeit von Juni bis November wieder aufzuholen“, sagt Niederlassungsleiter Klaus Meyer von der AGS Froesch in Berlin, die ebenfalls im Bereich Kunsttransport tätig ist.

Reset statt Pause

Markus Peichl bringt die Lage auf den Punkt: „Es kommt als Folge der Krise eine große Restrukturierung im Kunstmarkt auf uns zu. Wir drücken gerade nicht die Pause-Taste sondern Reset. Die Vertriebstruktur der Galerien wird sich als Folge dieser Krise physisch kontaktfrei ins Internet mit Social Media und zulasten des traditionellen Messegeschäfts verlagern. Letztlich wird eine Reihe von Messen am Ende feststellen müssen, dass viele ihrer Kunden, zum Teil auch aus Kostengründen, nicht mehr zurückkehren.“

Die Situation bleibt angespannt. Momentan richten sich alle Augen auf die Art Basel, die ab dem 18. Juni in den Messehallen der Stadt stattfinden soll – zum 50. Mal und mit zahlreiche Veranstaltungen zum Jubiläum, die lange in Planung sind. Experten am Kunstmarkt sprechen inoffiziell allerdings schon von einer Verschiebung in den Oktober; einer an Kunstmessen nicht eben armen Zeit. Wer dieses Jahr ohne Beschädigungen übersteht, ist noch gar nicht absehbar.

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