Debatte über Literaturkritik : Mal wieder Twitter gegen Feuilleton

Hier das vermeintliche "elektronische Stammtischgeschnatter", dort das literarische Besteck: Sigrid Löffler sorgt für eine kleine Literaturdebatte.

Als es noch kein Twitter und kein "elektronisches Stammtischgeschnatter" gab: So sahen sie 1991 aus, die vier Literaturkritiker einer Ausgabe des "Literarische Quartetts, links Sigrid Löffler.
Als es noch kein Twitter und kein "elektronisches Stammtischgeschnatter" gab: So sahen sie 1991 aus, die vier Literaturkritiker...Foto: picture alliance / dpa

Es ist Sommer, und in dieser schönen Zeit gibt es speziell auch im Literaturbetrieb gern Debatten, die mehr „ein Debattchen, ein Diskussionchen, ein Dialogchen“ (Horst Seehofer) sind, mehr noch: die schon nicht mehr so ganz neu und frisch wirken.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte neulich eine Studie der amerikanischen Kultursoziologin Phillipa K. Chong vorgestellt, in der diese das inzwischen arg milde gestimmte US-amerikanische Literaturkritik-Wesen untersucht hat – und die Literaturredaktion des Radiosenders Deutschlandfunk Kultur kam daraufhin auf die Idee, doch einmal die prominente Literaturkritikerin Sigrid Löffler zu Chongs Studie und nicht zuletzt zur Situation in Deutschland zu befragen: „Ist auch die deutschsprachige Literaturkritik zu zahm geworden?“

Und die gute Frau Löffler ließ sich nicht zweimal bitten, als ihr das Stichwort „Internet“ gegeben wurde. Sie wetterte über das „elektronische Stammtischgeschnatter“, darüber, dass sich jeder Konsument und jede Buchkäuferin „automatisch als Kritiker betrachten“ dürfe: „Im Internet dominieren die Amateure, Blogger, Hobbykritiker, und die twittern vor sich hin mit subjektiven Geschmacksurteilen, willkürliche Begeisterungsanfälle, die meistens nicht begründet sind. Da wird unter dem Deckmantel der angeblichen Demokratisierung der Literaturkritik diese in Wahrheit entprofessionalisiert.“

Löffler spricht von "unerwünschter Konkurrenz" für die klassische Literaturkritik

Wer das noch mal nachhört, dürfte es großartig finden, wie Löffler allein das Wort „elektronisches Stammtischgeschnatter“ angewidert in den Mund nimmt, überhaupt diese Formulierung, vom Feinsten!, wie sie vom „Vor-sich-hin-Twittern“ spricht und damit vermutlich auch Amazon-Rezensionen meint, wie sie so gar nicht differenzieren will und alles, was es im Netz gibt, in einen Topf wirft.

Nur ist Löffler dort vermutlich eher wenig unterwegs; zudem gehört sie, die 1942 geboren wurde, noch der von ihr selbst ja als ausgestorben bezeichneten oder ihrer Macht verlustig gegangenen Generation der Großkritiker an. So hätte man ihre Äußerungen getrost sich einfach versenden lassen können.  Dem war jedoch nicht so.

Auf Twitter wurde prompt reagiert, nicht vor sich hin-, sondern gezielt getwittert, sich echauffiert, und ein paar Tage später befragte Deutschlandfunk Kultur den Freiburger Literaturwissenschaftler und Betreiber des ambitioniert-professionellen Literaturblogs „54 Books“ (ein Blog, den Löffler vermutlich gar nicht kennt) Simon Sahner noch einmal zur Sache. Und? Sahner stellte fest, dass über diese „jahrelange Frontstellung“ zwischen klassischer Literaturkritik im Feuilleton und der neuen im Internet doch alles gesagt, dieser Gegensatz sowieso überholt sei, es auch im Internet ein analytisches, reflektiertes Sprechen über Literatur gebe etc.

Ob sich Löffler eines Besseren belehren lässt?

Tja, als wüssten das nun nicht doch schon so einige Literaturinteressierte – und auch das „klassische Feuilleton“, das ja ebenfalls aus vielerlei Gründen vermehrt im Netz unterwegs ist. Nur Sigrid Löffler nicht. Ob sie jetzt eines Besseren belehrt wurde?

Immerhin merkte Löffler in ihrem Gespräch nach dem Geschimpfe auf die „unerwünschte Konkurrenz“ aus dem Internet noch an – das ging natürlich unter –, dass Literaturkritik elegant und gut geschrieben sein müsse, sie gern auch ironisch und witzig sein dürfe.

Was sofort zu unterschreiben ist, egal in welchem Medium. Und sie bemühte schließlich noch die Floskel vom „literaturkritischen Besteck“ der von ihr verteidigten klassischen Kritik. Was sie dabei nicht sagte: dass auch diese Kritik schon mal vom Geschmack regiert wird, („gern gelesen“, „kann ich nichts mit anfangen“, „interessiert mich nicht“, „fand ich langweilig“), sie ihre Vorlieben hat, Hypes aufsitzt, ideologisch ist, gesellschaftliche oder politische Relevanz bevorzugt, eben stoffgetriggert ist – und danach kommt erst das „Besteck“, es muss, so vorhanden, dann einfach eingesetzt werden. Wozu Löffler ebenfalls nichts sagte, auch Sahner nicht: Wie das mit der Zahmheit hierzulande nun ist, den Freundlichkeiten unter Kritiker und Kritikerinnen, den Gefälligkeiten. Der Sommer geht weiter, das nächste Debattchen kommt bestimmt.

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