Selbst die Zeitschrift "Konkret" folgte dem Motto "Mit Marx und Möpsen"

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Debatte über Pädophilie : Schutzbestohlene
Arno Frank
Schön jung? Jodie Foster als Prostituierte in Martin Scorseses Kultfilm „Taxi Driver“, 1976. Sie war 13 und spielte eine Zwölfjährige.
Schön jung? Jodie Foster als Prostituierte in Martin Scorseses Kultfilm „Taxi Driver“, 1976. Sie war 13 und spielte eine...Foto: picture alliance / AP Photo

Axel Springer reagiertes schon 1968 auf die neuen Sehgewohnheiten und einen neuen Markt mit Pärchenmagazinen wie „Twen“ oder „Jasmin“. Letzteres hatte zeitweilig eine Auflage von 600 000 Exemplaren, nicht zuletzt durch üppige Fotostrecken mit lasziven Minderjährigen, die fiktiven Versuchungen zu erliegen drohten: „Sie liebte Pfänderspiele mit starken Bauarbeitern. Die 13-jährige Rita aus Westfalen tat alles, aber auch alles, um Männern zu imponieren. Heute gibt sie sich alle Mühe, doch noch eine anständige Frau zu werden.“ Eine Mühe, bei der Springer heute noch jedem jungen Mädchen gerne behilflich ist.

Vor diesem Hintergrund pochte der Frankfurter „Pflasterstrand“, das Zentralorgan der Sponti-Bewegung, auf den „Wunsch nach Autonomie“. Sie sei die entscheidende „politische Kraft der Siebzigerjahre. Nur um eine Schicht legt sich tiefstes Schweigen – obgleich gerade sie es ist, deren Wünsche am radikalsten abgeschnitten, deren Lebensvorstellungen am entschiedensten gehemmt und deren Sexualbedürfnisse ohne Gnade zerstückelt werden: die Kinder“. Nach dem Arbeiter und der Frau sollte nun auch das Kind von Vormundschaft und Repression befreit werden.

Auch in Kinderläden wurde das Machtgefälle zwischen Alt und Jung oft ignoriert

Wenn das Private politisch ist, so die Logik, ist es das Intimste erst recht. In fortschrittlichen Kreisen zitierte man die Untersuchungen von Anna Freud über die „Psychoanalyse des Kindes“ und berief sich gerne auf Wilhelm Reich und dessen sexualpädagogische Ansätze. So referierte der Sexualforscher Ernst Bornemann in der Fachzeitschrift „Betrifft: Erziehung“ von 1976: „Jeder Aspekt der Erforschung des kindlichen Sexuallebens wird von den Hütern der bürgerlichen Ordnung mit Strafe bedroht.“

Ein damals renommiertes Blatt wie „Konkret“ folgte unter der Ägide von Chefredakteur Klaus Rainer Röhl immer mehr dem Motto „Mit Marx und Möpsen“. Zuvor hatten Intellektuelle wie Hans-Magnus Enzensberger, Walter Jens und Sebastian Haffner da publiziert. Nun gab es Titel wie „Eine Zwölfjährige gibt zu Protokoll: Lolita für einen Sommer“ oder „Vorsicht: Minderjährig! Wie Ehemänner Opfer von Lolitas werden“. Es entsprach der damaligen Lehrmeinung, das „befreite Kind“ auch als „frühreifes Früchtchen“ in die Pflicht zu nehmen.

Gefährdet sind laut „Konkret“ vor allem „Berufsautoritäten“ – durch die Avancen der Schutzbefohlenen. „Jeder Lehrer, der seinem Lehrling in den Ausschnitt greift, jeder Ballettmeister, der seiner Tanzschülerin die Briefmarkensammlung zeigen will, jeder Arzt, der seine Helferin zu intensiv untersucht, treibt Unzucht, wenn der Staat es so will.“ Im „Pflasterstrand“ präzisierte ein anonymer Autor, was man sich unter „Erforschen kindlichen Sexuallebens“ vorzustellen habe. Seit urdenklichen Zeiten würden Erfahrungen an die nächste Generation weitergegeben. „Früher haben die Eltern mit ihren Kindern gevögelt, oder die Kinder haben es repressionsfrei unter Anleitung selbst gelernt, ein Gedanke, der in die Kinderlädenkonzeption eingegangen ist.“ Dieses „unter Anleitung“ markiert und ignoriert zugleich das Monströse am möglicherweise Gutgemeinten, nämlich die Ignoranz des Machtgefälles zwischen Erwachsenen und Kindern – und der Spielräume für Pädokriminelle, die sich damit eröffneten.

Pädophilie, sexualisierte Gewalt, alles wurde zum unschuldigen Spiel

Alle pädophilen Bekenntnisse oder „Provokationen“ weisen eine geradezu neurotische Ich-Bezogenheit der Erwachsenen auf. „Meist war ich ziemlich entwaffnet“, schrieb Daniel Cohn-Bendit in „Der große Basar“. In „Pädophilie heute“ gesteht Dagmar Döring: „Ich war wie betäubt“, in der „taz“ Olaf Stüben: „Ich war eine einzige erogene Zone“. Alle machten sich so lange klein, bis sie den Kleinen auf Augenhöhe begegnen konnten – und alles, alles wurde zum unschuldigen Spiel. Auch sexualisierte Gewalt. Womöglich waren sich selbst Oswalt Kolles „weltbekannte Wissenschaftler“ nicht über die wahren Ausmaße der Verheerungen im Klaren, die sexuelle Gewalt im Kindesalter anrichten kann. Frühe Vorbehalte von Publizistinnen wie Alice Schwarzer oder kritischen Forschern wie Volkmar Sigusch oder Günter Amendt wurden zur Kenntnis genommen. Entscheidende wissenschaftliche Studien über irreversible seelische Schäden – bis hin zur Veränderung des Erbguts der Betroffenen – liegen erst seit den Neunzigern vor. Vorher konnten interessierte Kreise alle Warnungen als „umstritten“ in den Wind schlagen.

Den begehrlichen Blick auf alles vermeintlich Unschuldige gibt es übrigens noch immer, so aufgeklärt wir uns auch wähnen. Ganz unverhohlen ist er auf den Laufsteg gerichtet, auf dem Minderjährige Kleider vorführen. Wohlwollend ruht er auf extrem schlanken Körpern. Und das aktuelle Ideal – auch im Intimbereich – ist nicht zufällig die komplette Haarlosigkeit. Ja, vielleicht waren früher alle verrückt. In 30 Jahren werden wir wissen, wie verrückt wir heute womöglich gewesen sind.

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