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Gedenkort für die Opfer der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg. Er befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Kroll-Oper.

© imago/epd/Christian Ditsch

Erinnerung an die deutschen Kriegsverbrechen : Deutschland braucht unbedingt ein polnisches Denkmal

Eine höhere Wertschätzung der polnischen Geschichte ist nötig: Warum die Polen das Recht haben, gerade auch die Erinnerung an die polnischen Opfer einzufordern.

Robert Traba
Ein Gastbeitrag von Robert Traba

Stand:

Markus Meckel hat in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt. Als Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge sagte er 2015 bei einer Feierstunde zur Befreiung des Stalag IIA Neubrandenburg-Fünfeichen: „An dieser Stelle möchte ich an das Schicksal von Joseph Traba erinnern, ein Pole im Dienst der französischen Armee. Er überlebte hier, anders als sein Bruder, der in einem anderen Lager starb. Sein Sohn Robert ist heute am Zentrum für Historische Forschung Berlin am Polnischen Historischen Institut Professor und ein wichtiger Akteur der deutsch-polnischen Verständigung. Er ist auch heute hier anwesend und sei herzlich gegrüßt.“

Akt persönlicher Versöhnung

Ich hätte nie gedacht, dass ich diese Worte damals als einen Akt meiner Versöhnung mit den Deutschen empfinden würde. Ich, der polnische Nicht-Katholik, war ein Kind und Fürsprecher jener Versöhnung, die die polnischen katholischen Bischöfe ihren deutschen Amtsbrüdern am 19. November 1965 angeboten hatten: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“. Diese allgemeine Formel genügte mir, um die Deutschen zu verstehen. 2015 wurde mir dann bewusst, wie sehr mir noch ein Akt der persönlichen Versöhnung fehlte, in der Sprache der Nachkommen jener, die für den Tod und das Leid meiner Nächsten verantwortlich waren.

Vor einigen Tagen zeigte Markus Meckel in einem Artikel für den Tagesspiegel ein neues Gesicht. So wie es jetzt in Berlin entstehen soll, wolle er kein Denkmal, kein Symbol für die deutschen Verbrechen an den polnischen Bürgern während des Zweiten Weltkriegs. Er wolle vielmehr an die Besatzung und alle Opfer der deutschen Verbrechen erinnern. Er befürchte eine nationale Opferkonkurrenz.

Vor mehr als einem Jahrzehnt wollte man in Berlin „aller Slawen [gedenken], die Opfer des Nationalsozialismus wurden“. Diese Gedenkformel klingt wie eine ins Gegenteil verkehrte nationalsozialistische Phrase, denn hatte nicht Hitler die Slawen als eine anonyme Masse von Untermenschen bezeichnet, als er verkündete: „Wir werden die lächerlichen hundert Millionen Slawen aufsaugen oder beseitigen“. Wollen wir wirklich, dass Fanatismus, Grausamkeit und Ignoranz des Führers das heutige Erinnern in den deutsch-polnischen Beziehungen bestimmen?

2018 führte das Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften eine Studie durch, im Rahmen derer vierzig deutsche Lehrbücher für den Geschichtsunterricht begutachtet wurden. In keinem von ihnen wurde das „Generalgouvernement“, größtes Labor von Massenverbrechen in der Geschichte der Menschheit, das auf der Landkarte „Polen“ ersetzt hatte, auch nur mit einem Wort erwähnt. Wohlgemerkt, deutsche Verbrechen, die nicht nur an ethnischen Polen begangen wurden.

Die beiden Warschauer Aufstände (von 1943 und 1944) wurden lediglich in zwei Geschichtsbüchern thematisiert. Ich vermute, dass der deutsche Durchschnittsbürger heute mehr über den polnischen Antisemitismus weiß als zum Beispiel über die Ermordung der polnischen Eliten, die Vernichtung Hunderter polnischer Dörfer, die Vertreibung Hunderttausender polnischer Bürger 1939, um an ihrer statt im Rahmen der Aktion „Heim ins Reich“ Deutsche anzusiedeln, über die Arisierung polnischer Kinder oder die mehr als drei Millionen polnischen Zwangsarbeiter, die für das „Tausendjährige Reich“ arbeiten mussten.

Das ist der allgemeine Stand des Nichtwissens, was die deutsche Besatzung Polens betrifft. Meint ihr wirklich, meine lieben deutschen Freunde, das Wissen darüber und ein angemessenes Erinnern stehen in Konkurrenz zum Holocaust? Aber vielleicht seid ihr es selbst, die ein solches Gegennarrativ schaffen? Und wenn nicht, denkt ihr euch etwas aus, damit sich die Dinge anders verhalten. Befreit euch von eurem eigenen Nationalkomplex, in den ihr euch selbst hineinmanövriert habt.

Viele polnische Opfer

Die Polen haben das Recht, die Erinnerung an die polnischen Opfer einzufordern, sie kamen schließlich als Polen, Warschauer Aufständische, Mitglieder der Heimatarmee usw. in Gefängnisse und Konzentrationslager.

Ich weiß, Deutschland hat ein Problem, denn es gab – wie mir einmal jemand in einer Diskussion sagte – zu viele besetzte Länder. Aber das ist ein deutsches Problem. Deutschland hätte nicht so viele besetzen sollen. Die deutsche Erinnerung und Demokratie muss das heute aushalten, will sie weiterhin stark und kreativ bleiben.

Vielleicht weiß man das in Deutschland nicht, aber es gibt in Polen Bürger, die keine polnischen Nationalisten sind, die sagen: Eure Vorfahren hatten kein Problem damit, die Juden auf polnischem Boden zu ermorden, entweder nehmt ihr also jetzt die KZ-Gedenkstätten mit zu euch oder ihr beteiligt euch an ihrer Finanzierung, wenn ihr schon bei uns die Hölle auf Erden geschaffen habt, vor allem für die Juden aus Polen und ganz Europa. Nicht zu vergessen, dass Auschwitz, bevor es als Vernichtungslager diente, ein Konzentrationslager war, in dem Polen die größte Häftlingsgruppe stellten.

Sich heute im Zusammenhang mit dem Gedenken auf die Tragödie in der Ukraine zu berufen, ist ein unwürdiges Schauspiel. Die deutsche Unreflektiertheit irritiert, und es stimmt traurig, zusehen zu müssen, wie führende Politiker und Publizisten die „Gleichstellung der Opfer der besetzten Völker“ fordern. Das ist kein Opportunismus mehr, das ist Heuchelei! Natürlich spreche ich hier von westlichen Standards und nicht von denen des postsowjetischen Russlands, das sich für seine Verbrechen nie entschuldigt hat.

Die unterschiedliche Bedeutung des Begriffs „Besatzung“

Es ist die Aufgabe Deutschlands, dem Durchschnittsbürger endlich das nötige Wissen über die Besatzung zu vermitteln. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass Besatzung in Deutschland zumeist mit den friedlichen Besatzungszonen nach dem Krieg beziehungsweise mit der Besetzung des Rheinlandes in den 1920er Jahren oder Napoleon assoziiert wird, während der gleiche Begriff in Polen eine völlig andere Bedeutung hat. Die deutsche Besatzung von 1939 bis 1945 war für einen Großteil der Bevölkerung ein Kampf ums biologische Überleben, da man von der Ausrottung durch die Deutschen bedroht war.

1972 wurde in der Hauptstadt der DDR das „Denkmal des polnischen Soldaten und deutschen Antifaschisten“ errichtet. Das Denkmal stand im Zeichen der „sozialistischen Waffenbrüderschaft“. Nach 1990 wurde die Erinnerungsstätte ergänzt durch entsprechende, wahrheitsgetreue Inschriften, und seit 2006 organisiert die polnische Botschaft dort zum Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September 1939 feierliche Gedenkveranstaltungen.

Doch was nützt dies alles, wenn die deutschen Behörden nichts unternommen haben, um diesen Ort und diese Feierlichkeiten zu einem Ritual werden zu lassen? Selbst die Bewohner des Stadtteils Friedrichshain und der nahe gelegenen Schule haben keine Ahnung, warum dieses Denkmal dort steht und woran es erinnert.

Von 2008 bis 2020 leitete ich zusammen mit Michael G. Müller das Projekt des weltweit erst zweiten bilateralen Geschichtslehrbuchs, „Europa. Unsere Geschichte“. Es war die Krönung des fünfzigjährigen Bestehens der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission. Das Beste an Soft Power, die wir in den nachbarschaftlichen Beziehungen schaffen können.

Markus Meckel hat nur zum Teil recht, wenn er schreibt, dass das Lehrbuch „von der PiS-Regierung in Polen jahrelang nicht zum Gebrauch zugelassen [wurde] – und in Deutschland ebenfalls in Bayern nicht!“ Um es klar und deutlich zu sagen: Die polnische Regierung wollte es aus nationalistischen Gründen nicht, die deutsche aus politischem Opportunismus, „wir tun besser daran, die PiS nicht zu verärgern“. Heute haben im Grunde beide Regierungen kein Interesse an einer Zusammenarbeit, um das Potenzial des Lehrbuchs gemeinsam zu nutzen.

Die Idee zum Bau des sogenannten Polendenkmals gibt es offiziell seit 2017. Vier Jahre zuvor hatte ich erstmals aus dem Umfeld von Władysław Bartoszewski von dieser Initiative gehört. Die Botschaft, die diesen politischen Vorstoß begleitete, lautete: „Die Deutschen sollten endlich aufhören, die polnische Geschichte geringzuschätzen!“

Lasst uns lernen, durch Empathie zu gedenken und nicht durch ideologisch gefärbte Opferkonkurrenz.

Robert Traba

Niemand in Deutschland nahm den Appell von Minister Bartoszewski – Auschwitz-Häftling und zugleich Mitarchitekt der deutsch-polnisch-israelischen Aussöhnung – seinerzeit ernst. Die Idee für ein Denkmal erschien in der deutschen Öffentlichkeit, als in Polen bereits die Partei Recht und Gerechtigkeit an die Macht gekommen war, in Form einer Bürgerinitiative, zu deren Gründungsmitgliedern u. a. Florian Mausbach, Dieter Bingen, Rita Süssmuth und Andreas Nachama zählten. Unter Federführung des Bundestages nahm die Initiative 2020 die Form eines Deutsch-Polnischen Hauses statt eines Denkmals an.

Für Markus Meckel sind solche Initiativen Teil einer nationalen Opferkonkurrenz. Natürlich lässt sich dies nicht grundsätzlich ausschließen. Aber sollten wir deshalb gleich ganz auf eine solche Erinnerung verzichten?

Denkmäler müssen durch gesellschaftliche und politische Rituale belebt werden.

Die Bedeutung von Denkmälern bleibt unverändert: Sie erinnern an Ereignisse oder Persönlichkeiten. Sie sollen vor dem Vergessen bewahren, beziehungsweise sie sind – wie die australische Anthropologin Annette Hamilton schrieb – illokutionäre Akte, die sich mit der Aufforderung „Vergiss nicht!“ an einen potenziellen Rezipienten wenden.

Wird dieser Aufforderung nachgekommen? Nicht immer. Notwendige Voraussetzung sind eine semantische Botschaft sowie eine Ästhetik, die heutigen Kunstnormen entspricht. Aber auch diese können unbemerkt bleiben, wenn das Denkmal nicht systematisch durch gesellschaftliche und politische Rituale belebt wird.

Rituale sind – wie ich vor einem Jahr im Deutsch-Polnischen Magazin „Dialog“ schrieb – keine leeren öffentlichen Schauspiele zum Wohlgefallen der Obrigkeit. Ein Ritual zur Belebung der Idee des Denkmals muss eine permanente Vergegenwärtigung des gesellschaftlichen Bedürfnisses nach Erinnerung an ein Ereignis oder eine Persönlichkeit sein. Andernfalls wird das Denkmal schnell zu einem toten Teil der Landschaft.

Schafft, ihr deutschen Politiker und Intellektuellen, ein solches Ritual! Lasst uns lernen, durch Empathie zu gedenken und nicht durch ideologisch gefärbte Opferkonkurrenz. Dann wird es uns auf beiden Seiten der Grenze leichter fallen zu atmen.

Deutsch von Andreas Volk

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