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Eine Nachhallgalerie zur Verbesserung der Akustik wird immerhin eingebaut. Besser sehen wird man trotzdem nicht.

© dpa

Berliner Staatsoper und Denkmalschutz: Der Bastard am Boulevard

Die Staatsoper ist kein Schloss, das man nur mit Filzpantoffeln betreten darf, sondern ein lebendiger Theaterraum. Der Denkmalschutz sieht das anders. Eine Polemik.

Die Aktendeckel zu und alle Fragen offen: In der letzten Sitzung des Abgeordnetenhauses vor der Sommerpause hat der „Untersuchungsausschuss Staatsoper“ seinen 642 Seiten starken Abschlussbericht vorgelegt, jetzt hat das Parlament frei, im September beginnt die heiße Wahlkampfphase – und die Vorschläge für einen verantwortungsvolleren Umgang mit Steuergeldern, die vom Analyse-Gremium zur Skandalbaustelle parteiübergreifend formuliert wurden, werden wohl darüber in Vergessenheit geraten.

Dabei steht bereits das nächste heikle Großprojekt in Sachen kultureller Infrastruktur an: die Sanierung der Komischen Oper nämlich. Wieder geht es um ein historisches Gebäude, um das „Bauen im Bestand“ also. Nur dass Intendant Barrie Kosky und sein Team partout nicht als Nachmieter der Barenboim-Truppe ins Schillertheater umziehen wollen. Weil sie davon überzeugt sind, ihre einmalige, rasante Art des Musiktheaters nur in der Atmosphäre des Stammhauses realisieren zu können. Und aus der nachvollziehbaren Angst, dann auf unabsehbare Zeit in Charlottenburg festzuhängen, weil die Bauarbeiter in der Behrenstraße einfach nicht fertig werden.

Kaum wieder zu erkennen: Der Große Saal der Staatsoper Unter den Linden.

© Maurizio Gambarini/dpa

Wer als Privatmann das Pech hat, in einem denkmalgeschützten Haus zu wohnen, weiß, was es bedeutet, auch nur die kleinste Modernisierungsmaßnahme anzugehen. Die staatlich bestellten Bewahrer sehen sich nämlich als Instanz, die quasi im rechtsfreien Raum agiert: Wenn es darum geht, noch den allerkleinsten originalen Putzkrümel an einer Fassade zu bewahren, ist es ihnen piepegal, was das den Eigentümer kostet. Oder, im Fall der Staatsoper, die Allgemeinheit. Weil sie alte Gemäuer nicht als Raum für Menschen betrachten, sondern abstrakt, aus rein kunsthistorisch-ästhetischer Sicht. Als wären es Gemälde, Skulpturen oder antike Möbel. Nun ist aber ein Theater ebenso wenig eine Museums-Immobilie wie ein Mehrfamilienhaus. Die Staatsoper mag einer der wichtigsten Repräsentationsbauten des preußischen Staates gewesen sein – und nach ihrem 1955er Wiederaufbau auch der DDR –, aber sie kann als lebendiger Ort der darstellenden Kunst nur funktionieren, wenn sich die Wünsche des Denkmalschutzes den Anforderungen der Nutzer unterordnen.

Nach der Verantwortung des Denkmalschutzes für das Desaster hat niemand gefragt

Genau das aber ist im Fall der Skandalbaustelle nicht passiert. So lange haben die Alles-muss-so-bleiben-wie-es-war- Fachleute auf ihren Radikalforderungen bestanden, bis der Regierende Bürgermeister eingreifen musste. Als oberster Dienstherr ist er gegenüber der Behörde weisungsbefugt. Darum hat er sich aus politischen Erwägungen in zwei Punkten gegenüber dem Landeskonservator durchgesetzt – und dafür zwei faule Kompromisse in Kauf genommen. Die dann ihrerseits den Steuerzahler viele Millionen Euro gekostet haben. Doch während der Untersuchungsausschuss bei seinen Zeugenbefragungen bis in die allerfeinsten Verästelungen des Berliner Verwaltungsdickichts vorgedrungen ist, blieb die Frage nach der Verantwortung des Denkmalschutzes bei der Kostenexplosion und den Bauzeitverlängerungen weitgehend außen vor. Schon im Aufgabenkatalog des Gremiums fehlt sie, im Abschlussbericht ist der Begriff „Denkmalschutz“ auf 643 Seiten gerade 83 Mal zu finden.

Die Kuppel des großen Saales auf der Baustelle der Staatsoper Unter den Linden.

© Maurizio Gambarini/dpa

Selbstkritisch merkt dann auch die Fraktion der Linken in ihrem Sondervotum an, dass es die Politik im Vorfeld versäumt habe, kritisch zu hinterfragen, ob die Lindenoper überhaupt ein „erhaltungswürdiges Denkmal“ darstelle. In der 2008 unter anderem vom Landeskonservator Jörg Haspel angestellten Analyse des Bauwerks in der Zeitschrift „Theater heute“ ist zu lesen, dass der Architekt Richard Paulick 1955 „die Knobelsdorffsche Umrissgestalt des Opernhauses nicht wieder hergestellt“ habe, und er im Saal die Anzahl der Ränge von vier auf drei reduzierte. Weiter hält Haspel fest, dass es sich bei der ornamentalen Ausgestaltung des Zuschauerraumes wie auch des Apollosaales um eine „historisch interpretierende Neuerfindung" handelt, bei der Paulick übrigens ins Geländer der Pausenhalle zwischen die Verzierungen à la Sanssouci auch Hammer und Sichel einfügte und auf die Brüstungen der Regierungslogen das DDR-Wappen montieren ließ, „eingefasst von vergoldeten Ornamenten in Rokokoformen“.

Nur auf Druck von Daniel Barenboim wurde wenigstens die Akustik verbessert

Eine Nachhallgalerie zur Verbesserung der Akustik wird immerhin eingebaut. Besser sehen wird man trotzdem nicht.

© dpa

Das Haus, das die Verfechter des „festlichen Opernabends“ so verbissen verteidigten, als sie Klaus Wowereit 2008 dazu nötigten, den offiziellen Architekturwettbewerb rückwirkend für nichtig zu erklären, weil Klaus Roth mit einem Entwurf für einen modernen Saal gewonnen hatte, ist also eine freie Fantasie der fünfziger Jahre. Und dennoch in den Augen der Denkmalschützer „ein einmaliges Zeugnis der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg, das in seinen zentralen Bestandteilen nicht beeinträchtigt werden kann, ohne auch Schaden für die einzigartige architektonische und künstlerische Qualität des Ganzen anzurichten“.

Restauratorinnen arbeiten an der Decke des großen Saales.

© Maurizio Gambarini/dpa

Folglich lehnte der Landeskonservator alles rundweg ab, was die Arbeit der Operntruppe sowie den Kunstgenuss der Zuschauer verbessern könnte. Erst als Daniel Barenboim erklärte, er werde sein Amt niederlegen, wenn es nicht zu einer Verbesserung der Akustik käme, drückte Wowereit die Anhebung der Saaldecke und den Einbau einer Nachhallgalerie durch. Dafür akzeptierte er im Gegenzug, dass die Sichtachsen im Zuschauerraum nicht optimiert wurden. Die zahlenden Besucher werden nach der 400 Millionen Euro teuren Generalsanierung weiterhin genauso schlecht sehen und sitzen wie zuvor. Selbstverständlich wehrte sich das Denkmalamt auch gegen den Umbau des Intendanzgebäudes, eines von Paulick neu errichteten Zweckbaus hinter der Oper. Dort sollten bei der Entkernung die Außenwände stehen bleiben – was eine mehrere Millionen Euro teure Trogbaugrube erfordert hätte. Der Regierende sagte „Njet“ – und Denkmalschützer Norbert Heuler jammerte als Zeuge im Untersuchungsausschuss: „Bei privaten Eigentümern würden wir aus Kostengründen niemals einfach eine Fassade aufgeben und sagen, die wird abgerissen und wieder aufgebaut. Und ausgerechnet die öffentliche Hand macht so eine Maßnahme!“

Wäre es nicht besser gewesen, das berühmte Haus dichtzumachen und ein neues zu bauen?

Zum Trost allerdings durften die Denkmalschützer dann die Außenmauern von Paulicks Bühnenturm behalten, einer reinen Funktionshülle für die Obermaschinerie, die überdies weder das Original noch den Vorkriegszustand berücksichtigt. Um den Nutzern wenigstens eine winzige Arbeitserleichterung zu verschaffen, nämlich die viel zu kleine Hinterbühne auf zumutbare Maße zu erweitern, wurden sieben Millionen Euro investiert: für eine aberwitzig komplizierte innere Tragwerkskonstruktion, die unvermeidlich war, wenn man den Bühnenturm in Gänze erhalten wollte. Hinzu kommen die horrenden Summen, die dadurch aufgelaufen sind, dass jedes größere Teil per Kran aus dem Gebäude heraus und ins Gebäude hinein gehievt werden musste – weil drei mit unechtem Stuck beklebte Backsteinmauern von 1955 unantastbar sein sollten. Koste es, was es wolle.

Wer in diesen Tagen Unter den Linden flaniert und die gerade von ihren schützenden Bauplanen befreite Oper betrachtet, mit ihren Giebelfiguren und dem antikisierenden Tympanon – beides stammt übrigens nicht aus der Zeit Friedrichs des Großen, sondern vom ersten Wiederaufbau 1844 – dem schleicht sich ein ketzerischer Gedanke ins Hirn: Wäre es nicht klüger – und billiger! – gewesen, das berühmte Haus einfach dichtzumachen und an anderer Stelle ein neues, modernes Musiktheater zu bauen? Auf der Brachfläche am Kulturforum zum Beispiel? Alle Früher-war’s-Schöner-Nostalgiker und die paar echten Paulick-Fans könnten dann ins stillgelegte Opernmuseum pilgern, dieses „Meisterwerk von europäischer Bedeutung“ (Friedrich Dieckmann) bewundern, in die stickige „Konditorei“ im Kellergeschoss hinabsteigen, um schließlich im Saal auf einem der vielen Sessel mit Sichtbehinderung Platz zu nehmen und Tonkonserven des Dirigenten Erich Kleiber zu lauschen, der ja einst mit der miesen 1,1 Sekunden-Nachhallzeit so grandios zurechtgekommen sein soll.

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